Unterwasserfotograf Christian Miller lebt heute in Cairns und setzt sich für den Schutz der Meere ein
Von all meinen Freunden habe ich mich verabschiedet und erklärte ihnen, dass ich mit Haien tauchen gehe und wahrscheinlich gefressen werde." Der 44-jährige Unterwasserfotograf und Umweltschützer Christian Miller erzählt schmunzelnd die Geschichte seines ersten Tauchganges in australischen Gewässern. Nachdenklich sitzt er auf einem Stuhl, hinter ihm der Strand und Palmen, die vor einem grauen, regnerischen Himmel im Wind schwanken. Miller trägt seine Sonnenbrille lässig auf dem Kopf und hat sich eine offene Trainerjacke übergeworfen. Er lebt zusammen mit seiner zweijährigen Tochter in Cairns, Australien. Das Barrier Reef ist sozusagen sein Vorgarten.
Miller beschreibt seinen ersten Tauchgang mit großer Begeisterung. "Es ist ein Eintauchen in eine neue Welt. Mein Gehirn konnte all die Eindrücke gar nicht aufnehmen." Der passionierte Taucher bemüht sich, die überwältigende Erfahrung in Worte zu fassen: "Dann war da das intensive Blau und die Rochen und Haie. Ich bin einfach nur innerlich ausgeflippt und wollte für immer da unten bleiben." Er vergleicht das Tauchen mit dem Adrenalinausstoß beim Fallschirmspringen. "Es ist eine absolut einmalige Erfahrung", fügt er an.
Bereits in jungen Jahren fühlte er sich unbewusst zur Unterwasserwelt hingezogen, verspürte den Drang, diese genauer kennenzulernen. "Meine Nase klebte immer an der Scheibe, und ich konnte den Meereslebewesen stundenlang zuschauen", berichtet er begeistert. In Gunzenhausen, einer deutschen Kleinstadt in Mittelfranken, wo er seine Kindheit verbrachte, hatte er nur in Aquarien Zugang zur Unterwasserwelt. Als Kind zeichnete Christian Miller Tag und Nacht, meist Bilder exotischer Unterwassertiere. Um diese realistisch zeichnen zu können, verwendete er Fotos als visuelle Hilfe. "Ich wollte aber eines Tages unbedingt selbst Unterwasserfotos machen. Erst dann wäre das Kunstwerk komplett meines", erklärt er mit einem Funkeln in den Augen, "deshalb habe ich später das Tauchen mit der Fotografie verbunden."
In Deutschland machte der junge Miller eine Lehre als Bauzeichner. Mit 21 Jahren verspürte er jedoch den Drang, seine Heimat zu verlassen und die Welt mit all ihren Wundern zu erkunden. "Ich habe mir vorgestellt, irgendwo in den Bäumen zu leben und nichts zu besitzen", witzelt er. Seine Mutter unterstützte ihn bei seinen Plänen und den Vorbereitungen und besuchte ihn auf seinen Reisen mehrmals. "Sie schenkte mir meine erste Unterwasserkamera, als ich in der Karibik arbeitete", sagt er lächelnd. Seine Reisen konnte er durch eine Halbwaisenrente und mit dem Verkauf von einigen persönlichen Dingen finanzieren. Ausgerüstet mit Zeichenpapier und seiner Kamera, reiste Christian um die Welt, von Mittelamerika über Australien bis nach Asien.
In der Karibik war das Meer regelrecht ausgefischt, und ganze Hotels waren aus Korallen gebaut. Die erschreckende Verschmutzung der Meere durch Plastik sah er zum ersten Mal in Indonesien. Schockiert musste der junge Taucher feststellen, wie sehr der Mensch der Umwelt schadet. "Wir respektieren die Meere überhaupt nicht. Das hat mir die Augen geöffnet. Mir war gar nicht bewusst, dass es so viele Umweltprobleme gibt", erklärt er nachdenklich.
"Das erste Mal, als ich den Wunsch verspürte, aktiv etwas dagegen zu unternehmen, war anlässlich des Besuchs eines Meeresgeheges, in welchem viele seltene Fische, aber auch Haie und Rochen gefangen gehalten wurden. Das habe ich einfach nicht ausgehalten, und ich verspürte den Drang, etwas dagegen zu unternehmen. Deshalb bin ich eines Nachts kurzerhand dorthin getaucht und habe die Tiere freigelassen", gesteht er.
Christian lebt nun schon seit vielen Jahren in Australien und bezeichnet den einzigartigen Kontinent als seine neue Heimat. "Am Meer zu leben war schon immer mein Traum, Australien hat mir besonders gut gefallen." Das Land bot ihm und seinem Kind zudem Sicherheit und Stabilität. "Trotzdem könnte ich aber nicht sagen, dass ich Deutschland den Rücken zugekehrt habe", stellt er klar. Ihm gefällt die Vielfalt der Kultur in Europa, und er kann sich gut vorstellen, sich in Europa zur Ruhe zu setzen. Momentan ist seine ganze Passion jedoch mit dem Meer verbunden. Auf die Frage, wo es ihm am besten gefällt, antwortet er: "Für mich gibt es keinen solchen Ort. Die unterschiedlichsten Tauchregionen mit ihrem Eigenleben, von kleinen Schalentieren bis zu den stolzen Riesen der Ozeane, ziehen mich aber besonders in ihren Bann." Der Wind am Strand wird nun sichtlich stärker, und es beginnt zu regnen. Schnell sucht Christian Miller Schutz unter einem niedrigen Holzdach in der Nähe.
Ein großer Traum von ihm ist das Schwimmen mit Pottwalen, den größten Zahnwahlen der Welt. Leider wurde seine anstehende Expedition abgesagt. "Es muss einfach unglaublich sein, mit so vielen Walen im klaren Wasser zu schwimmen." Die Tiere, die ihn jedoch am meisten faszinieren, sind die Orcas. Einige Male ist ihm die Chance, mit ihnen im Wasser zu sein, nur um Haaresbreite entgangen. "Vielleicht sind die Orcas in vielerlei Hinsicht intelligentere Wesen als der Mensch. Deren Sprache ist viel umfangreicher als die menschliche Sprache." Miller hofft zudem, mit seinem eigenen Schiff neue Projekte auf dem Südpazifik zu realisieren. Mit Spendenaktionen und Fotoshootings setzt sich Miller für die Finanzierung des Schildkröten-Krankenhauses in Cairns ein. Zwei Schildkröten mit den Namen Eva und Ella haben in seinem "Hospital", wie er mit englischem Akzent sagt, positiv auf die Pfleger reagiert und waren äußerst zutraulich. "Ich habe die Tiere dann fotografiert und wollte deren Charakter und Schönheit der ganzen Welt zeigen. Mein Ziel war es, ein Kunstwerk zu erschaffen, das die Geschichte der beiden erzählt", erklärt er. Die Fotografien gingen um die Welt und inspirierten Menschen auf allen Kontinenten. "Das Besondere an uns Menschen ist, dass wir lieben können. Ein Bild kann hier so viel Inspiration geben und die Menschen vielleicht dazu bringen, die Schildkröten zu lieben. Ich habe meine Chance gesehen, den Tieren zu helfen." Christian Miller schrieb deshalb ein Kinderbuch über Schildkröten und illustrierte dieses auch selbst. Als Vorbild diente die Schildkröte Ella. "Da kommt natürlich wieder der Künstler in mir heraus", meint er mit einem Lächeln. "Schildkröten sind Lebewesen, welche von allem betroffen sind, was wir dem Meer antun. Deshalb sind sie mir besonders wichtig."
Auf die abschließende Frage, was jeder einzelne Mensch zum Schutz der Meere beitragen kann, antwortet er: "Es muss nicht jeder sein ganzes Leben fallen lassen und sich dem Umweltschutz widmen, wie ich es gemacht habe." Es genüge schon, wenn sich jeder Einzelne Gedanken über die Herkunft der Produkte macht, die er oder sie konsumiert, und Wegwerfprodukte aus Plastik meidet. "Es braucht kreative und nachhaltige Lösungen. Jeder Einzelne kann mehr bewirken, als man im ersten Moment denkt."
Seine Entscheidung, alles zurückzulassen und sich ausschließlich dem Tauchen und dem Schutz der Meere zu widmen, bereut er bis heute nicht. Zwar war es dem jungen Umweltschützer zu Beginn kaum möglich, seine Arbeit zu finanzieren, heute jedoch kann er vom Verkauf von Fotos, Werbefilmen und von seiner eigenen T-Shirt-Marke leben. "Es war bestimmt kein leichter Werdegang, aber ich hatte immer mein Ziel vor Augen. Es ist viel mehr in Erfüllung gegangen, als ich mir je erhofft habe. Neben dem Erfolg ist mir auch wichtig, dass ich Spaß habe und positive Dinge erlebe." Der Unterwasserfotograf und Familienvater hat schon unzählige neue Reisen und Projekte geplant und hofft, diese in naher Zukunft umsetzen zu können. "Vom Unbekannten und Unerforschten kann ich nie genug bekommen", schmunzelt er. Noch lange hätte Miller von seinen Erlebnissen erzählen können, doch seine Familie wartet bereits mit dem Abendessen auf ihn. So verabschiedet er sich und eilt vom windigen Strand ins Trockene.