Aschaffenburger Schüler tauschen sich mit Israelis aus und recherchieren Biographien zu Stolpersteinen
Wir alle müssen unseren Teil dazu beitragen, dass all die vielen Menschen, die von den Nazis umgebracht wurden, niemals vergessen werden" , sagt die siebzehnjährige Alessandra, während sie in der Aschaffenburger Fußgängerzone steht. Es sind Momente wie dieser, in denen man sich ganz klein fühlt. Eigentlich ist es seltsam, dass sich die Schülerin, die in Aschaffenburg das Karl-Theodor-von- Dalberg-Gymnasium besucht, klein fühlt, steht sie doch nicht etwa vor einer Menschenmasse oder einem Hochhaus, sondern nur vor einem kleinen, goldenen Stein, der in den Bürgersteig eingelassen ist. Es ist aber nicht die Größe oder auch die Farbe des Steins, weswegen man sich klein fühlt, sondern seine Bedeutung, denn wie so viele andere Steine in Deutschland und Europa steht er für ein Opfer des Nationalsozialismus.
"Diese gewaltige Menge, diese riesigen Zahlen sind es, was mich immer wieder innehalten lässt, und das verdeutlicht ja auch die Anzahl der Steine." Bereits 75 000 Mal wurden in Deutschland und anderen europäischen Ländern die sogenannten Stolpersteine verlegt, ein Projekt, das in den 1990er-Jahren vom Künstler Gunter Demnig initiiert wurde. Die Stolpersteine werden vor den früheren Wohnhäusern oder Geschäften von Juden, Sinti und Roma, Widerstandskämpfern oder Homosexuellen in den Boden eingelassen. Mittlerweile prägen die Stolpersteine die Fußgängerzonen von zahlreichen Städten und sind der breiten Öffentlichkeit bekannt.
Was weniger bekannt ist, ist das Engagement des Projekt-Seminars "Aschaffenburger Stolpersteine - Die Menschen hinter den Steinen", von dem Alessandra ein Teil ist. "Wir versuchen, die anonymen Opferzahlen und Statistiken zu dem zu machen, was sie eigentlich sind, nämlich persönliche Schicksale von Menschen, die so wie du und ich lebten." Die Schüler des Projekt-Seminars, das seit 2014 besteht, erstellen durch Recherche in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Aschaffenburg Biographien von Opfern der Nationalsozialisten, die in Aschaffenburg gelebt haben. Es wurden schon mehr als 100 Biographien verfasst, so auch die von Selma Kanthal. Selma wurde 1906 in Hörstein geboren, war Inhaberin eines Manufakturwarengeschäfts und wurde im April nach Krasniczyn in das Ghetto Izbica deportiert und dort ermordet. "Dadurch, dass ich selbst in der gleichen Stadt lebe, in der Selma gelebt hat, kann man das Ganze noch mal besser nachvollziehen, weil man zum Beispiel genau weiß, wo eine Straße ist", sagt Alessandra.
Wenn die Biographien fertiggestellt sind, werden sie in eine App eingearbeitet, mit der man mithilfe von GPS einen Stolperstein finden und die jeweilige Biographie lesen kann. Die App wurde vom Informatiker Oded Zingher geschaffen, der sich seit vielen Jahren für die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus in und um Aschaffenburg einsetzt. "Das Tolle an der App ist auch, dass die Biographien in drei verschiedenen Sprachen zur Verfügung stehen. Natürlich auf Deutsch, aber auch auf Englisch und sogar auf Hebräisch, wir haben nämlich eine israelische Partnerschule, die mit uns das Projekt macht. Außerdem ist das Ganze auch ein Schüleraustausch", erklärt Alessandra. Die Zusammenarbeit mit der Rabin High School in Kfar-Saba in Israel ist neben der Erstellung der Biographien der wichtigste Teil des Projekt-Seminars. Die Biographien werden von den deutschen Schülern ins Englische übersetzt und dann an die israelischen Austauschpartner geschickt. Diese übersetzen die Beiträge dann ins Hebräische und gliedern die hebräischen Texte in die App ein. "Der Austausch mit den Israelis ist natürlich das Highlight in unserem Seminar, auf das wir uns alle von Anfang an gefreut haben. Jetzt steht es ja leider fest, dass er nicht stattfinden kann."
Normalerweise besuchen sich die israelischen und deutschen Schüler jeweils für eine Woche. In Deutschland stehen dabei zum Beispiel ein Besuch des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg und eine Besichtigung des jüdischen Friedhofs in Aschaffenburg auf dem Programm. Beim Gegenbesuch haben die bisherigen Seminare die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem sowie das Tote Meer besucht. Trotz der Pandemie lassen sich die Schüler nicht entmutigen. "Wir haben zum Beispiel schon mehrmals mit unseren Austauschpartnern durch Videokonferenzen Kontakt aufgenommen, online Kennenlernspiele gespielt und natürlich auch einzeln über Whatsapp mit unseren jeweiligen Austauschpartnern geschrieben." Dass Deutsche und Israelis im Jahr 2020 Freundschaften schließen können, ist laut Alessandra überhaupt nicht selbstverständlich. "Ich bin wirklich froh und auch sehr dankbar, dass diese Freundschaft überhaupt möglich ist. Das historische Erbe, das unsere Freundschaft hat, ist wirklich ein ganz Besonderes."
Die Schüler bilden die dritte deutsche Generation nach dem Zweiten Weltkrieg, ihre Austauschpartner die dritte israelische. Obwohl Alessandra persönlich keinen direkten Bezug zu den damaligen Geschehnissen hat, ist sie sich ihrer Verantwortung bewusst. "Ich weiß, dass ich keine Schuld daran habe, was damals passiert ist, ich weiß aber auch, dass es in meiner Verantwortung liegt, an die Gräuel der Nazis zu erinnern. Das muss meiner Meinung nach wirklich jeder Deutsche tun, auch 75 Jahre nach dem Holocaust. Und dass es immer noch Leute gibt, die den Holocaust leugnen, macht mich einfach nur wütend."
Dafür zu sorgen, dass Opfer des Nationalsozialismus nicht in Vergessenheit geraten, sei eine erfüllende Aufgabe. "Natürlich könnte man sagen, dass unsere Arbeit keine großen Auswirkungen hat, aber ich bin mir sicher, dass selbst so kleine Dinge wie das Erstellen einer Biographie dafür sorgen, dass aus anonymen Zahlen einzelne Persönlichkeiten werden. Und dadurch erinnert man sich dann auch besser an die Zeit damals." Deutsch-israelische Freundschaften voranzubringen ist für Alessandra ebenso bedeutsam. "Ich habe gemerkt, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben, obwohl wir über 4000 Kilometer voneinander entfernt leben und unsere Kulturen auf den ersten Blick ziemlich unterschiedlich erscheinen."