Baden in Basels Brunnen

Ein Künstlerkollektiv beheizt in den kalten Monaten die Stadtbrunnen.

 

Zu dritt ziehen sie jeden zweiten Mittwochmorgen mit Fahrrad und Anhänger, gefüllt mit Holz und ihren riesigen Apparaturen, durch die Stadt. Ob sie Schnaps brennen, sei die Standardfrage, erzählt der 29-jährige Silvan Waidmann. Er ist einer der 19 Brunnenheizer der Stadt Basel. Der rotbraune Hollywoodian-Bart und sein ebensolches schulterlanges Haar lassen seine künstlerische, offene Art erahnen. Besonders gut gefallen ihm die komischen Blicke der Passanten, die völlig verblüfft sind, wenn sie den Brunnenheizern bei ihrer Arbeit zusehen. "Das chan ä gueti Basis für interessanti Gspröch si."

 

Zwischen acht und neun Uhr beginnt die Arbeit für drei von ihnen. Man spricht vom Heiztag. Den ganzen Tag über geben sie alles, um einen Basler Stadtbrunnen zu erhitzen, damit am Abend das Spektakel losgehen kann: das "Brunnen gehn". In Basel wird nämlich jeden zweiten Mittwoch zwischen November und März ein Stadtbrunnen badetauglich gemacht. Offen ist diese Aktion für alle.

 

Basel hat den Ruf der Brunnenstadt und ist stolz auf seine über zweihundert öffentlichen Brunnen: "Me dörf au i de Brünne bade. Vo dem her isch es au chli d Idee gsi die Tradition z verfestige und s au im Winter z mache", erklärt der Heizer. Das Projekt wurde 2016 vom Künstlerkollektiv "Hotel Regina" aufgegriffen, die die Brunnen wieder zu einem sozialen Treffpunkt erwecken wollten. Als die "Industriellen Werke Basel" 1866 erstmals Trinkwasserleitungen direkt zu den Häusern führten, verloren die Stadtbrunnen ihre soziale Funktion. Ob man sie früher auch schon geheizt hat, um darin zu baden, ist unbekannt. Auf jeden Fall erwärmte man diese, um sie eisfrei zu halten. Im Januar 2017 heizte das Künstlerkollektiv erstmals wieder. Das Unternehmen wird durch eine Kollekte, Stiftungen sowie von "Gönnern" finanziert. Zu diesen gehört man ab einem Beitrag von 100 Franken. Einen Chef gibt es nicht, sie versuchen die Hierarchie möglichst flach zu halten. Grundsätzlich kostet das "Brunnen gehn" zwischen 5 und 25 Franken, die in die Kasse am Empfang fließen. Da es eine Kollekte sei, könne man auch, wenn man bei knapper Kasse sei, nichts bezahlen.

 

Mit einem selbst gebauten Holzofen, vier Schläuchen, einer mit Pedal betriebenen Pumpe und jeder Menge Holz gelingt es ihnen, den Brunnen in acht bis neun Stunden auf 37 bis 41 Grad zu erwärmen. Der Heizprozess ist mit einem Durchlauferhitzer zu vergleichen. Den ersten Schlauch koppelt man mit dem Brunnenhahn, sodass das kalte Wasser direkt zum Ofen läuft. Im Idealfall kommt es dann mit 60 Grad wieder aus dem Ofen heraus und fließt direkt in den nächsten Schlauch. Das aufgeheizte Wasser gelangt nun in den Brunnen, der zu drei Vierteln gefüllt ist. Wenn der Wasserstand hoch genug ist, sodass es den Gästen später beim Baden ungefähr bis zu den Schultern reicht, schaltet man um. Der Hahn wird also abgestellt, und man beginnt, das Wasser aus dem Brunnen durch einen weiteren Schlauch durch den Ofen umzupumpen mit einer fußpedalbetriebenen Pumpe, die mit Ketten, Zahnrädern und einer Dreigangschaltung ausgestattet ist. So entspannt, wie es aussehe, sei es aber nicht. "Eben wie Fahrradfahren", findet Waidmann schmunzelnd. Durch das ständige Treten bleibt das Wasser, das sich schon im Brunnen befindet, immer im Umlauf. Ziel ist, dass es nach dem Ofen wiederum 60 Grad erreicht.

 

Es stecke viel Arbeit dahinter. Um einen Brunnen einen Tag lang zu heizen, sodass er am Abend warm ist, rechnet Silvan Waidmann mit insgesamt sechzig Stunden Arbeit aufgeteilt auf acht Personen. Er startete im Dezember 2018 seine Ausbildung zum Brunnenheizer. Diese dauert normalerweise eine Saison lang. Während dieser Zeit studierte er an der Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGK) in Basel und schloss mit einem Bachelor in Prozessgestaltung ab.

 

Mit Begeisterung, die sogar durch den Bildschirm zu spüren ist, erzählt der Gestalter, wie die Besucher bei Dämmerung langsam eintrudeln. Die einen mit dem Fahrrad, die anderen zu Fuß. Damit das Ganze nicht im Chaos endet, gibt es einen Platzwart, der für Ordnung sorgt. Mittlerweile kämen ziemlich viele Leute. Schlange stehen müssen alle. "Ob du jetzt en Gönner bisch oder nöd, es git kei Extrawurst." Das sei aber kein Problem, denn die ganze Aktion sei sozial, und die Menschen quatschen miteinander. "Du gsehsch döt en Ofe, du hesch de Rauch i de Luft und es isch so es stimmigs Bild." Empfangen wird man bei der "Rezeption", betreut wird der Empfangstresen von zwei Mitgliedern des "pro fontaines chaudes", des "Verbandes für Schweizer Brunnenheizer*innen". Bevor man in die Garderobe darf, werden die Regeln erklärt. Geplanscht oder in den Brunnen gesprungen wird nicht. Überwindung braucht bei Minustemperaturen, das kalte Abduschen, bevor man in den Brunnen darf. Nach dieser kleinen Mutprobe dürfen die Besucher in den Brunnen. Ob mit oder ohne Maske, man lerne so oder so neue Menschen kennen, und gerade das sei das Coole. Dampfschwaden vermischen sich mit jenem vom Tee der Gäste und ziehen durch die Basler Innenstadt, sodass sie schon von weit her in den Gässchen zu riechen sind. Das Baden ist eine entspannte Angelegenheit, außer der Bademeister ruft zum Umwälzritual auf. So nennen sie es, wenn die Leute zum Bewegen aufgerufen werden, weil an einem Ort das Wasser wärmer ist als am anderen. Der Bademeister hält auch die Begrüßungsrede, bevor die ersten Gäste ins Wasser dürfen.

 

Waidmanns Lieblingsrolle ist der Heizer: "Mich um de Ofe kümmere, Schittli noche werfe, es cha sehr hektisch werde, me het aber au so chli sini Rueh." Der Heizer schreibt auch Logbuch. Darin wird festgehalten, wann die ersten von insgesamt siebzig bis achtzig Gästen kommen, wann das Bad eröffnet wird und um wie viel Uhr die gewünschte Temperatur erreicht wurde. Oft werden die Brunnenheizer gefragt, ob es ökologisch Sinn mache, im Winter draußen zu heizen. Nach einer Überschlagsrechnung glaubt der Mann aus Baden aber, dass es durchaus vertretbar sei. "Jedi Person, wo a dem Obed badet, mössti uf füfzäh Kilometer Autofahre verzichte." Am Anfang wollte er unbedingt Teil dieser Crew sein und den Stolz eines Brunnenheizers repräsentieren. "Mittlerwile schätz ich eifach sehr das soziale Ritual und wott das de Lüt büte und das ufrecht erhalte." Besonders genießt es der 29-Jährige, den Sevogelbrunnen zu heizen. Dieser gehöre zu seinen Highlights. Der auf der Höhe des Basler Münsters gelegene Brunnen ist von historischen Häusern umgeben, die pompös wirkten. Vor allem, wenn man Morgenschicht habe, sei es jedes Mal "än riese Plausch", am Abend darin zu baden.

 

Am Morgen sind sie die Ersten, die am Brunnen sind, und am Abend die Letzten, die den Brunnen verlassen. Trotzdem ziehen sie nach dem Spektakel mit all dem, was sie brauchen, um einen Brunnen zu heizen, wieder nach Hause und freuen sich auf das nächste Mal, denn "jede Heiztag het so chli öpis Eignigs".

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.11.2021, Nr. 254, S. 30 - Norina Imhoof, Kantonsschule Trogen

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