Bulgariens Stimme im Weltall

Walja Balkanska und ihr Lied aus den Rhodopen

 

Auf den Kämmen des Rhodopengebirges in Südbulgarien, inmitten endloser Felder, zwischen denen kristallklares Wasser glänzt, sind nur die ruhigen Geräusche der Natur zu hören. Plötzlich scheint es, als ob alles verstummt. Der beruhigende Ton der durch die Luft wehenden Blätter, das fließende Gewässer und der Vogelgesang wirken wie von einer hypnotisierenden Stimme übertönt. Eine kosmische Stimme, die im Weltall klingt, um die menschliche Existenz zu repräsentieren, sie stammt von Walja Balkanska, einer heute 79 Jahre alten Sängerin, die in der bulgarischen Kulturszene ein Star ist. International erlangt Walja Balkanska Bekanntheit, als die NASA die Raumsonden Voyager 1 und 2 1977 ins All schießt.

 

Der Auftrag der Sonden ist es, Teile der Galaxie zu erforschen, wohin nie zuvor irgendetwas von der Erde aus geflogen ist. Die Voyager Golden Records sind Teil des Programms: Sie enthalten Töne und Bilder von der Erde, um das vielfältige Leben auf unserem Planeten für potentielle außerirdische Zivilisationen darzustellen. Mit 31 Liedern enthält die Zeitkapsel eine spezielle Musikauswahl. Bis heute inmitten der Sterne klingt "Izleel e Delyo Haidutin", was bedeutet: Delyo Haidutin ist hinausgegangen, gesungen von Walja Balkanska. Der Text des Liedes erzählt die Geschichte eines bulgarischen Rebellen, der losgezogen ist, um den osmanischen Gouverneur zu bewegen, die Frauen in seinem Dorf nicht zum Islam zu bekehren. Als sie ihm daraufhin drohen, ihn zu töten, antwortet er, kein lebender Mensch werde in der Lage sein, ihm das Leben zu nehmen. Zusammen mit Stücken Mozarts und Beethovens reist dieses Lied durch den Kosmos. Die damals 35 Jahre alte Bulgarin ist überrascht, als sie erfährt, dass das Komitee unter Vorsitz von Carl Sagan ihre Aufführung des Volksliedes aus mehr als 250 000 Liedern ausgewählt hat.

 

"Ich bin mit Musik aufgewachsen", sagt die blasse, dunkelrothaarige Frau mit einem breiten Lächeln. "Ich habe die ganze Zeit gesungen, ohne zu wissen, dass ich es kann. In den Rhodopen singt eigentlich jeder, einschließlich meiner Mutter und meines Vaters, der Holzflöte gespielt hat und musikalisch begabt gewesen ist." Ältere Menschen aus ihrem Dorf Arda versammeln sich jeden Tag auf dem Dorfplatz zum Singen. Die junge Walja hört ihren Liedern aufmerksam zu und lernt die Texte rasch auswendig. Sie macht es glücklich, die wunderbaren Melodien nachzuspielen. "Das Rhodopen-Lied ist freudig, breit wie die Berge und fesselnd. In den Rhodopen haben wir keine spitzen Berggipfel wie in den Stara Planina, und so passt das Lied, es ist nicht schwer. Es füllt das Herz einer Person mit Freude und Liebe, es lässt sie ihre Mühen vergessen und einfach mitsingen." Der Erste, der Waljas Potential erkannte, war ihr Lehrer Petar Betschev. Der Unterricht fing immer mit einem Lied an, um die Schüler zu erfrischen. Am 24. Mai 1949 stand das Mädchen zum ersten Mal auf der Bühne. Das ist der bulgarische Nationalfeiertag der Kultur und der slawischen Schrift, der oft der letzte Tag des Schuljahres ist. Das Lachen der Kinder erfüllte die Luft, als jedes von ihnen seiner Lehrerin oder seinem Lehrer einen Blumenstrauß überreichte. Als Walja die Augen der Menge auf sich gerichtet sah, erschauderte sie und lief verlegen weg. Der Lehrer schaffte es, sie einzuholen, nahm ihre Hand und versprach ihr, sie werde große Leistungen vollbringen. Das gab ihr Mut. "Zu sehen, wie mein Lied auf die Leute wirkte, wie ich selber gewirkt habe, es fühlt sich nicht so an, dass ich eine Eins bekommen habe, sondern eine Eins plus", erinnert sich Walja Balkanska. Seitdem hat sie nicht aufgehört, auf Konzerten und Festen aufzutreten. Auch mit 79 Jahren ist ihre Stimme auf lokalen Musikveranstaltungen und Jubiläen ihres Ensembles zu hören.

 

"Das ist und bleibt die größte Herausforderung meiner Karriere - auf die Bühne zu treten, einen vollen Saal zu sehen und dem Volk gegenüberzustehen." Jedes Mal, wenn sie zu singen anfängt, spürt sie die herzerwärmende Reaktion des Publikums. Die meisten Zuhörer stehen auf, sind begeistert von der Melodie, andere weinen sogar vor Rührung. "Ich bekomme jedes Mal einen Schauer, wenn ich sehe, dass der Saal voll ist, dass Leute meinetwegen gekommen sind. Das ist Glück, das ist Stolz, das ist Freude. Liebe zu den Menschen und zur Heimat, es gibt nichts Wertvolleres als dies."

 

Als sie 18 Jahre alt ist, geht sie heimlich zu einem Casting und wird Teil des Ensembles Rodopa. Glücksgefühle überwältigen sie 20 Jahre später, als die Veranstalter des Voyager-Programms ihr Lied auswählen. "Ich bin nicht stolz darauf, dass ich die Künstlerin bin, sondern dass ein bulgarisches Lied, und zwar ein rhodopisches, in den Weltraum geflogen ist, weil wir damit sagen können, wir haben das Meer, das Feld und die Berge, aber auch die einzigartige Musik." Seit mehr als 60 Jahren singt Walja Balkanska und lebt von ihrem Gesang. Ihr Repertoire umfasst 300 Lieder, ihre berühmtesten sind auf dem Album "Glas ot vechnostta", Stimme aus der Ewigkeit. Sie erhielt den "Orden von Stara Planina" und eine Sternplatte auf dem bulgarischen Walk of Fame in Sofia. "Meine Botschaft an die, die den Weg der Musik beschreiten, und an die jüngere Generation ist, ein wenig mehr zu lieben und die Eltern zu achten. Vor allem möchte ich aber, dass die Volksmusik, die aus der Seele kommt, die Menschen begeistert, sodass die Seele lebendig bleibt."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.11.2021, Nr. 278, S. 30 - Monika Ivanova. Prof. Galabov-Gymnasium, Sofia

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