Auf dem Märchenfestival im kroatischen Ogulin bietet ein Jurist einen launigen Besenführerschein an
Ogulin ist eine märchenhafte Kleinstadt in Mittelkroatien, südlich von Karlovac. Ungefähr 13 000 Menschen leben hier, umgeben von Wäldern, Flüssen und Wiesen. Die Stadt ist vor allem für ihren Berg Klek bekannt, was auf Deutsch so viel wie Wacholder heißt, der aus der Ferne wie ein schlafender Riese aussieht. Deshalb wurden über diese Region einige der bekanntesten kroatischen Märchen verfasst, die auch heute gern gelesen werden. Ihre Autorin heißt Ivana Brlic Mazuranic, sie wurde in Ogulin geboren. Seit 16 Jahren findet jährlich das Oguliner Märchenfestival statt. Das Programm gibt es an drei Tagen im Juni und im September, rund um den offiziellen Tag der Stadt. Es gibt bis zu 70 Programmpunkte, zum Beispiel den Panoramazug "Bubi", Body Painting mit Märchenmotiven oder kostümierte Personen, die Figuren aus den Märchen von Ivana Brlic Mazuranic darstellen, durch die Stadt laufen und eine märchenhafte Atmosphäre schaffen.
Miro Turkovic gehört zu den Organisatoren des Festivals und hat eine der auffälligsten Rollen. Der 56-Jährige hatte das nicht geplant, "noch heute wundern sich viele, was aus mir geworden ist", sagt er. Denn Turkovic hat Jura studiert und als Jurist gearbeitet. "Unter Juristen gelte ich heute als schwarzes Schaf", berichtet er lachend, "in meiner Jugend hatte ich ganz andere Pläne, aber das Leben ist manchmal einfach so, dass es einen in eine völlig andere Richtung führt. Als ich Computer und Internet entdeckt habe, sah ich gleich die vielen Möglichkeiten im Tourismus. Deswegen habe ich später im Tourismus-Management gearbeitet, in Reisebüros und als Animateur."
Turkovic ist eine der Hauptattraktionen beim Festival, er führt eine besondere Fahrschule: die Besenfahrschule mit dem Besenführerschein Ogulin. "Die Idee kam eigentlich nicht gerade von mir, es war ursprünglich eine Idee der ersten Direktorin der Touristischen Gemeinde Ogulin, Ankica Puskaric. Die Idee ist inzwischen natürlich weiterentwickelt worden. Am Anfang hat man nur bei dem Festival diese Besenführerscheine ausgegeben als Souvenirs. Dann haben wir bemerkt, dass das Ganze zu simpel war, und so bin ich auf die Idee gekommen, dass man Menschen mit einer guten Geschichte zu dem Projekt Besenfahrschule motivieren kann." Seit 1996 gibt es das Angebot. Anfangs war das Interesse nicht groß, weil der Tourismus in Ogulin nicht entwickelt war und durch die Kriegszeit besonders gelitten hatte. Heute sagt Turkovic stolz: "Es ist für mich jetzt schwierig genau zu sagen, ab wann das Märchenfestival in Ogulin als eine der Hit-Destinationen gilt, schon seit Jahren vergeben wir über 10 000 Führerscheine jährlich, und sie sind zu einer Art Oguliner Marke geworden."
Ein Führerschein sei ja nur ein Stück Karton oder Plastik. "Aber man hat rund um den Besenführerschein eine ganze Geschichte entwickelt, das finden viele interessant und wollen mitmachen." Natürlich ist damit viel Aufwand verbunden. "Vor zwei Jahren, als es noch keine Pandemie gab, haben wir beim Märchenfestival in einem 40-Minuten Programm die Besenfahrschule angeboten", berichtet der Fahrschulleiter. "Ich erzähle Märchen von den Klek-Hexen. Dabei variiere ich das Märchen abhängig vom Publikum. Den Kindern erzähle ich, was die Hexen auf dem Klek und in den Höhlen treiben. Den Erwachsenen erzähle ich, wie aus der Verbindung von Karsthöhlen und Wind Töne entstehen, die Ivana Brlic Mazuranic zu ihren Märchen über Hexen und Riesen inspiriert haben." Und danach erklärt er, wie man den Führerschein macht: "Es ist mehr eine Show als eine Prüfung. Da es um Hexen geht, muss man dabei ganz viel Lärm machen und viel schreien können. Zweitens muss man eine Runde auf dem Besen im Kreis herumlaufen, und zwar so schnell wie möglich. Natürlich gibt es Kinder und Erwachsene, die nicht schnell laufen können. Deswegen haben wir mehrere Führerschein-Kategorien entwickelt: neben dem Besen spazieren, auf dem Besen spazieren, joggen, laufen, fahren." I
An den drei Festival-Tagen finden etwa 20 Besenfahrschulkurse statt. Da Turkovic die Arbeit fast komplett selbst erledigt, kann es anstrengend werden. Sogar drei Nonnen, erzählt er, nahmen schon beim Ritt auf dem Hexenbesen teil: "Alle drei haben den Besenführerschein gemacht. Wir bemühen uns sehr darum, dass man das wirklich nur als unschuldigen und harmlosen Spaß ansieht und dass man den Führerschein nur als ein schönes Souvenir nach Hause bringt." Er lacht: "Es kam auch schon vor, dass wir die Prüfungen vor unserer Kirche machten. Die Pfarrer haben also auch nichts dagegen, wir verbrennen ja keine Hexen, wir feiern unsere Bräuche."
Er habe dabei noch nie unangenehme Erfahrungen gemacht. "In den zwei oder drei Bussen voller Touristen gibt es immer Leute, die nichts davon hören wollen. Das ist natürlich in Ordnung, und wenn es keinen Zwang gibt, vermeidet man auch unangenehme Situationen." Turkovic ist wegen seines Rollenspiels auch schon mal ausgelacht worden. "Es ist allen in Ogulin bekannt, dass ich groß, dick und so bin. Und dann habe ich beim Märchenfestival den Regoc gespielt, einen Riesen aus einem der Märchen von Ivana Brlic Mazuranic über Ogulin und Klek, den Wacholder-Berg. Manche meiner Freunde haben mich wegen dieser Rolle ausgelacht, einige meinten, dass ich mich schämen sollte. Doch mit der Zeit hat das alles aufgehört, da ich nie aufgebe und auch keine schüchterne Person bin. Falls ich so, wie ich bin, jemandem nicht gefalle, muss er ja nicht an meiner Show teilnehmen." Seit einiger Zeit macht seine Familie mit. "In den letzten Jahren macht sogar meine Tochter mit, sie ist eine der schönen Oguliner Hexen, eine der wichtigsten Lehrerinnen der Besenfahrschule." Noch längst nicht alle Oguliner haben den Besenführerschein gemacht. Turkovic meint lachend: "Das ist eine Sünde!" Den rund zwei Millionen deutschen Touristen, die jeden Sommer an die kroatische Adria reisen, empfiehlt er für die Zeit nach der Pandemie: "Besuchen Sie Ogulin, Sie werden es nicht bereuen!"