Durch die Nacht gejagt

Die verschwundene jüdische Gemeinde von Koprivnica und was der Friedhof erzählt.

 

Im Norden der Stadt Koprivnica, neben einem tristen Umspannwerk, steht eine Art Eingangstor mit einem Bogen. Es ist frisch gestrichen, umso größer ist das Rätsel, dass es ein Eingang ist, ohne dass dieser durch eine Mauer oder Umzäunung führt. Dahinter erheben sich alte, große Linden und Birken. Tritt man ein, gelangt man auf einen kleinen Hügel und entdeckt, dass dies ein jüdischer Friedhof ist. Er wurde Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt, als die Gemeinde etwa 250 Mitglieder hatte. Dies war keine große Zahl, doch spielte die jüdische Gemeinde in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle in der Stadt. Sie war ein integrierter Teil der gebildeten und wohlhabenden Bürgerschaft. Um ihre Toten nach jüdischer Tradition beisetzen zu können, kaufte die Gemeinde den Hügel, der damals weit außerhalb von Koprivnica lag. Heute verlaufen sich nur wenige dorthin.

 

Fast ist es ein Wunder, dass dieser jüdische Friedhof Faschismus und den Zweiten Weltkrieg "überlebte". Heute ist er ein staatlich geschütztes Denkmal, und es gibt ein Denkmal für die gefallenen Juden der beiden Weltkriege. Ein Spaziergang vermittelt zunächst keinen Eindruck von den Geheimnissen, die der Ort verbirgt. Die Grabsteine sind in Deutsch, Jüdisch und Kroatisch beschriftet. Die Inschriften zeigen Daten von 1875 bis 1943. Eine Gemeinschaft von Menschen hörte auf zu existieren. Frauen, Kinder, Männer, alte Leute wurden zwischen 1941 und 1943 vernichtet. Es gibt keinen einzigen Grabstein, der nach 1943 errichtet wurde.

 

Schulisches Wissen über die Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs bezieht sich in Kroatien zumeist auf die Auseinandersetzung zwischen der kroatischen Ustascha, die mit der deutschen Besatzungsmacht paktierte, und den Partisanen, die gegen die Okkupation und deren Terror kämpften. Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung kommt so gut wie nicht vor. Doch bis heute finden sich im Nordosten Koprivnicas die Überreste des ehemaligen Konzentrationslagers Danica. Über das Lager ist wenig in verstreuten Quellen bekannt. Bis heute gibt es dazu keine vollendete systematische Forschung. Die meisten Gebäude des Lagers stürzten vor langer Zeit ein, nur drei baufällige Gebäude, die der Kommandantur und als Wohnheim der Wachmannschaften dienten, stehen noch, auch ein Eingangstor mit einer Erinnerungstafel. Etwa 1500 Namen von Opfern sind dort verzeichnet, diese Zahl ist nur eine grobe Schätzung. Es sind die Namen von Kroaten, Serben, Roma und anderen nationalen Minderheiten, die hier inhaftiert wurden vor dem Transport in das kroatische Lager Jasenovac oder in andere Vernichtungslager. Oder es sind die Namen von Menschen, die an Ort und Stelle umgebracht wurden. Darunter sind aber nur ein oder zwei Namen, die jüdischen Gemeindemitgliedern aus Koprivnica zugeordnet werden könnten.

 

Wie und wo die jüdische Gemeinde mit ihren etwa 250 Mitgliedern verschwand, weiß aus Quellen die Kuratorin des Stadtmuseums Drazenka Jalsic-Ernecic. "In der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1941 wurden alle Juden der Stadt zum Konzentrationslager Danica getrieben, von wo aus die Männer nach Auschwitz abtransportiert, die Frauen und Kinder aber in andere Lager und den Tod geschickt wurden. Denjenigen aus gemischten Ehen wurde einige Zeit dieses Schicksal erspart. Aus der gesamten Gemeinde überlebten kaum achtzehn Personen den Krieg." Sanja Svarc-Janjanin, eine Ärztin des Krankenhauses, berichtet von den Erzählungen ihres Vaters, dass in dieser Nacht fast alle jüdischen Bewohner auf Lastwagen ins Lager Danica gebracht worden seien. Die Ustascha sei in die Häuser eingedrungen und hätte die Menschen gezwungen mitzukommen. Sie hätten kaum etwas mitnehmen können. Nur acht Juden seien nicht deportiert worden, "weil sie aus gemischten Ehen stammten". So entging auch ihr Vater der Abschiebung und Ermordung. "Bereits vor dieser Nacht", sagt die 65-Jährige, "wurden die jüdischen Menschen gezwungen, Davidsterne zu tragen. Und es war ihnen verboten, den öffentlichen Raum mit anderen zu teilen." Aus den Aufzeichnungen ihres Vaters gehe hervor, dass die religiösen Riten nicht mehr ausgeübt werden durften. Alle jüdischen Geschäfte und Unternehmen wurden mit gelben Plakaten und der Aufschrift "Jüdisches Unternehmen" gekennzeichnet. Dies erlaubte die Plünderung und Entwendung von Eigentum. Es gab eine Reihe von Gesetzen, die gemischte Ehen verhinderten, jüdische Kinder wurden von Schule und Staatsbürgerschaft ausgeschlossen und mussten gelbe Bänder tragen. Diese Ärmelbänder mussten von allen Juden über 14 Jahren am linken Arm getragen werden. Eine Ausgangssperre wurde erlassen.

 

Sanja Svarc-Janjanin berichtet, dass jüdisches Eigentum systematisch beschlagnahmt wurde. Einige der religiösen Artefakte wurden in der katholischen Kirche aufbewahrt und bis zum Ende des Krieges dort belassen. Der einzige Grund, warum die Synagoge nicht abgerissen wurde, sei gewesen, dass die Ustascha sie als Gefängnis nutzte. Unter den Juden der gemischten Ehen blieb ein Teil in der ersten Welle von Inhaftierung und Abschiebung verschont. Eine kleine Anzahl aus der jüdischen Gemeinde, etwa zwölf Männer und Frauen, schlossen sich der Partisanenbewegung an.

 

Ein Teil der Infrastruktur des jüdischen Friedhofs, unter anderem die Leichenhalle, wurden während und nach den Kämpfen um die Befreiung der Stadt zerstört. Spuren von Kugeln und Schrapnellen sind noch auf einigen Grabhügeln sichtbar. Als die Menschen nach dem Krieg nach ihren Lieben suchten und herausfanden, wie grausam sie endeten, ließen die Überlebenden in Erinnerung an ihre Angehörigen das Jahr des Todes auf vorhandene Grabsteine oder neu errichtete gravieren, mit der Erlaubnis des Ministeriums, obwohl man bei den meisten Opfern nicht einmal wusste, wo und wann sie genau gestorben waren. Der Friedhof ist jetzt unter Aufsicht des Stadtmuseums, jede Veränderung wird aufgezeichnet, die Bäume werden gepflegt. Das zentrale Denkmal für alle Gefallenen und Verschwundenen, die im Ersten Weltkrieg, bei der Partisanenbewegung und im Holocaust ums Leben kamen, wurde Anfang der 1970er-Jahre durch ein Denkmal ergänzt, das auch die Namen der jüdischen Bürger trägt, die als Partisanen ums Leben kamen, sagt die Kuratorin Ernecic.

 

Heute zählt die jüdische Gemeinde nur noch fünf Personen. Sanja Svarc-Janjanins Vater Kresimir Svarc war lange Zeit Bürgermeister der Stadt. Manche sind prominente Wirtschaftsexperten, andere wirkten im Schulwesen. Doch das Verschwinden einer ganzen Gruppe von Mitbürgern wird nur auf dem versteckten Friedhof dokumentiert, der an die Vernichtung von so vielen Menschen erinnert, die der Stadt so viel gegeben haben. So ist auch dieser jüdische Friedhof mehr ein Zeugnis des Lebens, nicht des Todes, das uns ermahnt: "Nie wieder!"

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2021, Nr. 260, S. 30 - Karla Varga, Nicole Ganzelic, Leon Matulec. Gymnasium "Fran Galovic", Koprivnica

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