Dünnbier für den dicken Grafen

Snjezana Bozin aus Zagreb hat Kehlmanns "Tyll" ins Kroatische übersetzt und spricht zwei Muttersprachen.

 

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs konnte fast jeder in Kroatien etwas Deutsch. In einigen Städten wie Osijek und Varazdin wurden Zeitungen sogar in deutscher Sprache veröffentlicht. Doch Deutsch war nach den Erfahrungen des Krieges nicht mehr gefragt. Umso wichtiger wurden Übersetzer. Mit ihrer Hilfe konnte man erfahren, was in anderen Ländern passierte, insbesondere im deutschsprachigen Raum. Übersetzer und Gastarbeiter waren fast 50 Jahre lang die einzigen Brücken, die Kroatien mit dem deutschsprachigen Raum verbanden. Obwohl Deutsch heute in Kroatien längst wieder unterrichtet wird, ist es meistens eine zweite Fremdsprache, die Kenntnisse reichen kaum aus, um Zeitungen zu lesen. Ohne Übersetzer hätten viele Kroaten keinen Zugang zu deutscher Literatur.

 

Einer der zurzeit bekanntesten deutschen Schriftsteller ist Daniel Kehlmann, dessen Bücher in etwa 40 Sprachen übersetzt wurden. Gerade hat Snjezana Bozin nach Kehlmanns Roman "F" auch seinen weltberühmten Roman "Tyll" ins Kroatische übertragen. Der Roman befasst sich mit dem Dreißigjährigen Krieg und ist in modernem Deutsch geschrieben, sodass ihn jeder versteht.

 

Warum entscheidet sich überhaupt jemand, Übersetzer zu werden? "Jemand muss uns die literarischen Werke anderer Nationen näherbringen. Es gibt normalerweise keinen Ruhm für diese Arbeit, und es gibt keine besondere Auszeichnung", sagt Snjezana Bozin mit einem Lächeln und erklärt: "Heute ist es kein Problem, grob zu übersetzen, weil es dafür viele Computeranwendungen gibt, aber ein literarisches Werk ist etwas völlig anderes. Die besondere Finesse des Textes kann nicht maschinell bearbeitet werden, und das wird wahrscheinlich auch niemals möglich sein."

 

Ihre Biographie hat Snjezana Bozin dabei entscheidend geholfen. 1973 wurde sie in Ulm in eine kroatische Gastarbeiterfamilie geboren. Später zog sie nach Kroatien. Sie absolvierte ihre Primär- und Sekundarschulbildung in Koprivnica und setzte ihre Ausbildung in Zagreb an der Philosophischen Fakultät fort, wo sie deutsche und kroatische Sprache und Literatur studierte. Heute lebt sie in Zagreb. Obwohl sie ständig mit der deutschen Sprache, die sie in der frühen Kindheit im Kindergarten gelernt hatte, in Kontakt war, war der Beruf Übersetzerin keine bewusste Entscheidung. Bozin erzählt lachend: "Die Umstände haben mich dazu gebracht. Tatsächlich sind meine Klassenkameraden in der Schule schuld daran, denn sie haben mir ihre deutschen Bravo-Hefte zum Übersetzen mitgebracht, weil es zu damaliger Zeit keine kroatische Ausgabe gab. Später übersetzte ich dann verschiedene Dokumente und Artikel aus der Wirtschaft. So entwickelte sich das dann." Heute ist ihre Arbeitsbiographie auf der Übersetzer-Seite "Traduki" zu finden. Dazu gehören Bestseller und neue Themen in der Literatur aus dem deutschsprachigen Raum, die Bozin besonders interessieren, um diese für kroatische Leser zugänglich zu machen. So ist sie mittlerweile zwar eine anerkannte Übersetzerin, die Arbeit an "Tyll" war aber trotzdem etwas Besonderes. "Da es sich um einen historischen Roman handelt, gab es einige Zweifel", erläutert Bozin. Dazu hat sie den Autor Daniel Kehlmann kontaktiert, um Hilfe und Erklärungen zu einigen Teilen des Romans zu erhalten. Dann hat sie weiterhin nach alten Ausdrücken und Strukturen gesucht, um diese dann dem Text anzupassen. "Dann habe ich bei einigen Textpassagen bei Kolleginnen und Kollegen um Hilfe gebeten, denn für mich war es am schwierigsten, ein paar Lieder und Verse zu übertragen, da ich mich nicht nur für eine bestimmte Art und Bedeutung bei der Übersetzung entscheiden musste, sondern auch für eine archaische oder moderne Version der Sprache. Manchmal musste ich auch Wörter erfinden, weil es einfach keine passende kroatische Formulierung für Wörter in Kehlmanns 'Tyll' gibt." Denn was ist schon "Dünnbier"? Ein Bänkelsänger? Landsknecht? Und wer eigentlich ist "der dicke Graf"? Ihre Lektorin Sanja Jovicic war mit der Übersetzung zufrieden.

 

Trotz ihres Jobs als Übersetzerin kann sie von dem Einkommen durch diese Arbeit nicht leben. Deshalb arbeitet sie als Bibliotheksleiterin, Dozentin, Organisatorin von Veranstaltungen der Bibliothek des Goethe-Instituts in Zagreb und Vermittlerin anderer öffentlicher Bibliotheken in der Republik Kroatien. Bei ihrer Arbeit als Übersetzerin hilft es Snjezana Bozin sehr, dass sie zweisprachig aufgewachsen ist. "Wenn ich denke und analysiere, dann verwende ich eher Deutsch, weil es meine zweite Muttersprache ist. Meine erste Muttersprache ist Kroatisch, mit der ich täglich in meiner Umwelt kommuniziere", erklärt Bozin. "Beide Sprachen liegen mir gleichermaßen am Herzen, aber Deutsch ist strukturierter. Beim Übersetzen hilft mir das, die Übersetzung leichter zu formulieren."

 

Trotzdem ist sie der Meinung, dass es nie nur eine richtige Übersetzung geben kann und wird. "Meine Kollegin und ich haben bei einem Workshop einmal unabhängig voneinander den gleichen Text übersetzt. Als wir die Übersetzungen vorgetragen haben, waren sie sprachlich sehr unterschiedlich. Trotzdem haben wir beide die Bedeutung und Botschaft des Textes gut und richtig wiedergegeben. Eine Maschine kann das vorerst nicht."

 

Das "Tyll"-Projekt ist abgeschlossen, aber natürlich ist Bozin wieder dabei, andere Bücher zu übersetzen. Besonders hat es ihr deutsche Kinderliteratur angetan, "weil diese vielfältigere Themen als die kroatische behandelt und ich diese tollen Bücher auch Kindern in Kroatien zugänglich machen möchte". Die alleinerziehende Mutter freut sich dann besonders, "wenn meine erste Leserin, meine Tochter Matilda, ein von mir übersetztes Buch gut findet". Das war letztes Jahr so bei "Ich, Zeus, und die Bande vom Olymp" von Frank Schwieger.

 

Bozin ist froh, dass die Übersetzungsarbeit heute mehr gewürdigt wird, dass jetzt der Name des Übersetzers manchmal auf dem Cover gedruckt ist. Dazu wird auch ihr aktuelles Projekt gehören. Sie übersetzt mit einer Kollegin einen Roman, der aus einem E-Mail-Briefwechsel zweier Figuren besteht. Bozin übersetzt dabei die eine Stimme, ihre Kollegin unabhängig davon die andere.

 

Ob sie bei allem Erfolg empfehlen würde, Dolmetscher oder Übersetzer zu werden? Snjezana Bozin antwortet, ohne zu zögern: "Es ist ein Job, der Fenster und Türen zu neuen Perspektiven, Ideen und Welten öffnet. Für mich ist es immer wieder die gleiche Erfahrung wie die, die ich als Kind in der Stadtbibliothek von Koprivnica machte. Nachdem ich Mitglied geworden war, haben sie mich am Ende des Arbeitstages von dort nicht mehr loswerden können." Diejenigen, die gerne lesen, meint sie, "haben eine Chance, ihr eigenes Leben dauerhaft zu bereichern und anderen Menschen eine Brücke zu anderen Kulturen zu bauen".

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2021, Nr. 242, S. 26 - Barbara Dzendzo, Dora Pavlovic, Leon Matulec, Gymnasium Fran Galovic, Koprivnica

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