Wie Autoren Romane und Biographien entwickeln
Die Atmosphäre im Buchladen in der Freiburger Innenstadt ist ruhig. Das einzige Geräusch ist das Knistern der Buchseiten, die im Raum umgeblättert werden. Es riecht nach Papier und neuen Büchern, überall sitzen oder stehen Menschen mit Büchern in den Händen. Jeden Tag werden Bücher produziert, gekauft, gelesen und geschrieben. Aber wie schreibt man ein Buch? Wie plant man eine Geschichte? Der erste Schritt, und vermutlich der einfachste, ist, die Idee für eine Geschichte zu bekommen. Patrick Hertweck, Autor der Jugendromane "Tara & Tahnee - Verloren im Tal des Goldes" und "Maggie in der Stadt der Diebe", erklärt: "Die allermeisten Schriftsteller sind wahrscheinlich immer und überall bewusst und unterbewusst auf der Suche nach Ideen für neue Geschichten." Ihn, als Autor historischer Abenteuerromane, würden zum Beispiel besonders interessante Kapitel und Episoden der Vergangenheit inspirieren. "Manchmal kommt es mir während des Schreibprozesses so vor, als würde sich vor meinem inneren Auge ein Vorhang öffnen und ich beobachten, was dahinter geschieht. Ansonsten bin ich eher ein planvoller Mensch, weshalb es mir mitunter schwerfällt, darauf zu vertrauen, dass sich meine getippten Sätze und Kapitel am Ende zu etwas Sinnvollem zusammenfügen werden. Doch bislang hat das - gottlob - meist funktioniert." Allerdings funktioniert nicht jede Idee immer. Manches klingt zuerst interessant, doch wenn man es ausbauen will, geht plötzlich gar nichts mehr. Das ist etwas, was man akzeptieren sollte, so sehr es einen vielleicht auch schmerzt. Wenn man sich zu sehr an eine Idee klammert, hält man sich selbst davon ab, neue Ideen zu bekommen.
Egal, welche Art von Geschichte man schreibt, man muss immer recherchieren. Im Fall von Patrick Hertweck sogar besonders viel. Und so gibt er selbst zu, dass der größte Teil seiner Arbeit gar nicht in seinen Büchern vorkommt. "Wenn ich mich an einem Thema festgebissen habe, versuche ich restlos alles darüber zu lesen und in mich aufzusaugen, obwohl ich weiß, dass allenfalls ein Bruchteil davon später in meiner Geschichte Verwendung findet." Ihm ist besonders die Atmosphäre in seinen Büchern wichtig. "Und die kann ich nur mit meinem Text einfangen, wenn ich die Welt des Buches genau vor mir sehe und sie dazu förmlich riechen kann." Es sind also die kleinen Dinge, die die Geschichte glaubhaft machen, auch wenn man natürlich nicht jedes Detail beschreiben muss. Wenn man zum Beispiel ein Frühstück beschreibt, sollte man recherchieren, ob Marmelade zu der Zeit des Buches schon gegessen wurde. Andererseits muss man dann darauf achten, nicht zu viele unnötige Details in die Geschichte zu schreiben und eine Balance finden.
Nach der Recherche gilt es, sich hinzusetzen und etwas aufs Papier zu bringen. Patrick Hertweck sagt, das Schlimmste sei, wenn er in einer düsteren Ecke vor seinem Laptop sitze, draußen bei bestem Wetter das blühende Leben herrsche und er schließlich abends, wenn die Sonne langsam untergeht, immer noch vor der leeren Word-Seite sitze, weil sich der Vorhang zu seinem Unterbewussten einfach nicht lüften wollte. Das passiert manchmal. Allerdings passiert auch fast genauso oft, dass sich der Vorhang überraschend öffnet und plötzlich die Worte nur so aus einem heraussprudeln. Wie lange es letztendlich dauert, bis eine Geschichte fertig ist, ist unterschiedlich und kommt auf die Geschichte und vor allem den Autor an. Jeder hat und entwickelt unterschiedliche Gewohnheiten beim Schreiben. Wenn man einfach so drauflos schreibt und später korrigiert, kann es sein, dass man ganze Kapitel löschen muss, weil sie im Nachhinein nicht funktionieren, während Nachdenken über jeden einzelnen Satz natürlich von Anfang an länger dauert.
Wenn es aber nun nicht um einen Roman, sondern um eine Biographie geht, ist der Prozess des Schreibens ein ganz anderer. Bei einer Biographie gibt es zuerst einmal viel mehr soziale Interaktion. Wie Sabine Frigge, Ghostwriterin für viele private Biographien seit mehr als 15 Jahren, erzählt, beginnt jedes Buch nämlich nicht mit einer Idee der Autorin, sondern mit einem Gespräch. Sie trifft sich mit der Person, über die sie die Biographie schreiben soll, und diese erzählt. Sabine Frigge erklärt, man müsse sich mit der Person anfreunden, um richtig über sie schreiben zu können. Dieses Gespräch wird aufgenommen, und wenn sie wieder zu Hause ist, schreibt Sabine Frigge erst einmal alles ab. Dies dient dazu, den "Ton" der Person zu finden. Jede Person hat eine bestimmte Art zu erzählen und die Biographie soll natürlich so klingen, als würde die Person, über die erzählt wird, die Geschichte erzählen. Deswegen werden auch meist bei privaten Biographien die Autorin oder der Autor nicht genannt.
Aus diesem Abschrieb macht Sabine Frigge dann eine Art Manuskript. Als Ghostwriterin überlegt sie, welche Teile in das Buch geschrieben werden und welche nicht. "Die Bücher folgen meistens einem Thema oder haben bestimmte Phasen, dazu muss das, was ich reinschreibe, passen. Man muss sozusagen einen roten Faden finden und ihm folgen. Nun wird das Manuskript immer wieder zwischen Autorin und Kunde hin und her gesendet, um alle Fragen und Wünsche zu klären. Der ganze Prozess, bis die Biographie schließlich fertig ist, dauert im Durchschnitt etwa ein Jahr, und es werden meist mehrere auf einmal geschrieben.
Häufig geht es in den Biographen, die Sabine Frigge schreibt, um Kriegserinnerungen, Kindesmissbrauch und andere ähnlich schlimme Sachen. Besonders da diese Geschichten in der Realität stattgefunden haben, braucht man schon eine optimistische Einstellung gegenüber dem Schreiben dieser Bücher, um solche schrecklichen Dinge überhaupt auf's Papier zu bringen. Auf Nachfrage erklärte Sabine Frigge, dass sie häufig in ihrer eigenen Familie Halt sucht, wenn ihr das Schreiben auf diese Art Probleme bereitet. Es helfe ihr aber vor allem, sich selbst daran zu erinnern, dass all diese Menschen, deren Biographien sie schreibt, ihre schrecklichen Erlebnisse überwunden haben. "Das ist es, was mir hilft: dass Menschen schlimme Erfahrungen erlebt haben, aber nicht daran zerbrochen sind."
Wenn man sich nun im Buchladen umschaut, erkennt man vielleicht, wie viel Anstrengung und Herzblut hinter fast jedem Buch steht, und kann Bücher und die Kunst, sie zu schreiben, mehr verstehen und respektieren.