Es gibt nichts Besseres

Studentin Hanna macht mit bei "Meet a Jew" und wird gehört.

 

Einige Schüler der 11. Klassenstufe des Goethe-Gymnasiums Ludwigsburg sitzen in einem Stuhlkreis und stellen einer jungen Frau interessiert Fragen. Sie besuchen den Seminarkurs "Gegen das Vergessen des Holocaust", in den Hanna Veiler, die ehrenamtlich für das Projekt des Zentralrats der Juden "Meet a Jew" arbeitet, eingeladen worden ist. Die schwarzhaarige 23-Jährige, die Kunstgeschichte und Französisch studiert, wurde in Weißrussland als Tochter jüdischer Eltern geboren und wanderte im Jahr 2005 mit ihrer Familie nach Deutschland aus.

 

"Ich war schon länger sehr aktiv in jüdischen Organisationen und habe zum Beispiel Ferienlager eines jüdischen Jugendzentrums betreut. Als dann das Projekt 'Likrat', heute 'Meet a Jew', wieder ins Leben gerufen wurde, hatte ich gerade mein Auslandsjahr in Israel beendet und wollte mich sehr gerne daran beteiligen", sagt Hanna. Nebenbei ist sie Vizepräsidentin der jüdischen Studierendenunion Deutschlands und beteiligt sich an weiteren Projekten. "Ich bringe manchmal den Witz, dass ich bei der Deutschen Bahn Miete zahlen muss, weil ich so viel unterwegs bin. Viel Freizeit habe ich durch die zahlreichen Engagements nicht. Da man heutzutage per Handy oder Laptop ständig erreichbar ist, finden manchmal auch spontane Onlinemeetings statt."

 

Das Projekt "Meet a Jew" hat bundesweit rund 350 Ehrenamtliche und ging aus den Vorgängerprojekten "Likrat" und "Rent a Jew" hervor. Es steht unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und wird im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!" gefördert. Dabei mitmachen können jüdische Jugendliche und junge Erwachsene ab 14 Jahren. Sie werden an verschiedene nichtjüdische Einrichtungen wie Schulen, Sportvereine oder Universitäten vermittelt, berichten dort von ihrem Alltag als Juden in Deutschland und beantworten in einer ungezwungenen Gesprächsatmosphäre Fragen. "Ich persönlich gehe sehr gerne an Universitäten und rede dort mit Studierenden, weil ich mich mit den Leuten dort auf einer Augenhöhe fühle. Meiner Meinung nach ist es am sinnvollsten, wenn beide Parteien möglichst gleich alt sind", sagt Hanna.

 

Bevor die Freiwilligen eingesetzt werden, müssen sie Seminare besuchen, in denen ihr Wissen über das Judentum ergänzt wird und ihre kommunikativen Fähigkeiten gestärkt werden. "Man sollte eine Art von aktivem jüdischen Leben führen, falls man daran teilnehmen will. Auf den Seminaren wird das religiöse Wissen aufgefrischt, und man lernt, dies pädagogisch gut zu vermitteln. Wichtig ist auch, seine eigene Position zu kontroversen Themen, die immer wieder aufkommen, zu finden, um auf jegliche Fragen antworten zu können", betont Hanna. Dabei müsse einem unter anderem klar werden, warum man sich dafür engagiere. "Ich selbst lebe meinen Glauben hauptsächlich mit einer Gemeinschaft beziehungsweise mit Freunden oder Bekannten aus. Meine Familie ist allerdings überhaupt nicht religiös, weswegen ich mit denen nicht feiern kann."

 

Die Nachfrage nach dem Projekt ist groß, weshalb man ständig auf der Suche nach neuen Freiwilligen ist. Im vergangenen Jahr fanden mehr als 300 Begegnungen statt, eine deutliche Steigerung zum Vorjahr. Die meisten Anfragen kommen aus Nordrhein-Westfalen, zumal sich dort prozentual die meisten Schulen befinden. Die Begegnungen erfolgen in einem Austausch auf Augenhöhe, wobei das Ziel ist, Vorurteilen und vorgefestigten Bildern vorzubeugen und zu zeigen, dass Juden ganz "normale" Menschen sind. Wichtig sei, eine jüdische Person überhaupt einmal kennenzulernen und somit jüdischem Leben in Deutschland ein Gesicht zu geben, da die meisten Personen im Alltag gar keine Juden kennen.

 

"Um mit jüdischem Leben in Deutschland in Berührung zu kommen, muss man selbst aktiv werden. Wir sind sehr wenige an der Zahl, und der Großteil von uns sieht aus wie alle 'anderen'. Manche Menschen wissen daher gar nicht, dass es in Deutschland überhaupt noch Juden gibt." Problematisch sei die mediale Darstellung von Juden, da jüdisches Leben keineswegs authentisch dargestellt werde, sondern sehr orthodox. Oft werde das Judentum ausschließlich in Verbindung mit negativen Themen wie dem Holocaust oder Antisemitismus gebracht. "Die ganze Vielfalt von jüdischem Leben ist sehr schwer greifbar, wenn man sich nicht selbst damit beschäftigt hat. Genau diese zu vermitteln gehört zu unserer Arbeit dazu."

 

Es ist herausfordernd, ständig auf neue Gesichter zu treffen und nie genau zu wissen, was einen erwartet. "Anfangs hat es natürlich Überwindung gekostet, aber man gewöhnt sich schnell daran. Ich mache diese Arbeit ja, weil ich etwas bewirken will. Mir ist es wichtig zu zeigen, dass es normal ist, als Jude in Deutschland aufzuwachsen. Ich möchte, dass meine Kinder später einmal ihre Daseinsberechtigung nicht ständig wie ich hinterfragen müssen und in einen Identitätskonflikt geraten." Sie merke das bei sich selbst. "Ich brauche kein nationales Bekenntnis zu einem Land. Ich bin in Belarus geboren und in Deutschland aufgewachsen und Jüdin. Ich war schon immer etwas dazwischen und werde das auch immer sein." Viele Leute hätten noch Hemmungen, mit Juden zu sprechen. "Häufig trauen sich die Leute gar nicht, uns als jüdisch zu bezeichnen. Wir fühlen uns dadurch leider sehr exotisiert und 'anders'. Ich glaube, da gibt es noch viel Arbeit."

 

Durch ihre ehrenamtliche Arbeit steht Hanna wie andere Freiwillige für das Projekt in der Öffentlichkeit. "Das war definitiv eine bewusste Entscheidung. Als Folge davon werde ich regelmäßig online beleidigt, oder mir wird gedroht. Man darf das auf keinen Fall unterschätzen, ich habe aber das Gefühl, dass wir selber den Mund aufmachen müssen und für uns selber eintreten müssen, weil es sonst keiner für uns tun wird", stellt Hanna abschließend klar.

 

Ihr Besuch wurde als positiv wahrgenommen. Benjamin Färber, 36 Jahre alt und einer der beiden Seminarkurslehrer, betont: "Das Thema ist unfassbar wichtig, da es immer aktuell und relevant ist. Die Einblicke sind sehr gut und auf Augenhöhe, da gibt es praktisch nichts Besseres. Ich denke, bei den Schülern kam es gut an, was man an den interessierten Nachfragen gemerkt hat. So etwas bleibt in Erinnerung, ich empfehle eine solche Begegnung dringend für jeden Geschichtsunterricht."

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.01.2022, Nr. 1, S. 30 - Daniel Rief, Goethe-Gymnasium, Ludwigsburg

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