Der ehemalige DDR-Spitzenathlet Steffen Liess wollte nicht nur der Liebe wegen nach Genf
Das Jahr 1988. Ein junger DDR-Athlet startet bei einem Zwischenstopp am Flughafen Schiphol in Amsterdam seine Flucht. Auf dem Weg in ein Trainingslager nach Mexiko löst er sich unauffällig von den rund siebzig Schwimmer-Teamkollegen der DDR-Nationalmannschaft. Er hatte beschlossen, auf dem Hinweg zu fliehen, da er weiß, dass er nach wochenlangem Trainingslager auf 2000 Meter Höhe nicht mehr in bester körperlicher und psychischer Verfassung sein würde. Ohne Geld, aber fest entschlossen sucht er die niederländische Polizei auf. "Als ich ihnen meine Situation schilderte, wussten sie sofort Bescheid. Um mich zu schützen, steckten mich die Polizisten in eine Gefängniszelle, bis der Anschlussflieger nach Mexiko abgeflogen war", berichtet Steffen Liess. Nach dem kurzen Gefängnisaufenthalt erhält er die Adresse eines deutschen Seemannsheimes, wo er übernachtet. Er kontaktiert die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Amsterdam und gibt einen Kontakt in Nürnberg an, zu dem er ausreisen darf.
"Ich habe noch ein paar Tage in einem Flüchtlingslager verbracht, wo ich unter anderem mit den Beamten des Bundesnachrichtendienstes routinemäßig gesprochen habe. Nach der Anmeldung in Nürnberg habe ich meinen alten Pass und meine Fahrerlaubnis umgetauscht. Dies stellte kein größeres Problem dar, denn laut Gesetz war jeder Ostdeutsche gleichzeitig auch Westdeutscher." Dann ging die Reise weiter nach Genf zu seiner damaligen Freundin und späteren Frau. Die DDR-Staatssicherheit bemühte sich noch einige Male, den Spitzenschwimmer zur Rückkehr zu bewegen. "Ich habe ihnen erklärt, dass ich nun wegen persönlicher und nicht politischer Gründe in der Schweiz leben würde, und bald ließen sie mich in Ruhe. Rückblickend betrachtet, hatten die 1988 vermutlich auch bereits andere Probleme als mich."
Steffen Liess ist kein Mann von Zweifel. Er ist groß, mit Mitte fünfzig immer noch durchtrainiert, spricht überlegt und ohne Umschweife. Als Kind hatte er mit seiner Familie wegen des Berufs seines Vaters zwischen 1967 und 1972 in Indien gelebt. Reisen nach Schweden, Italien, Frankreich, Texas, Kanada, Bulgarien, in die Sowjetunion und in mexikanische Slums hatten ihm neben dem verbotenen Westfernsehen wertvolle Einblicke in die Welt gegeben. Mit 24 Jahren hatte er sich für das Zusammenleben mit seiner Freundin entschieden, einer Genfer Sportfotografin, die er auf Wettkämpfen kennengelernt hatte. Die erste Idee, gemeinsam in der DDR zu leben, wurde bald verworfen. Seiner Familie, die ihn in seinem Vorhaben unterstützte, war bewusst, dass sie in der DDR würde Repressalien ertragen müssen. Dass der Mauerfall in so naher Zukunft lag, konnte niemand ahnen.
Zum Schwimmen kam Liess in klassischer "DDR-Manier". Mit neun Jahren wurde in den Schulen Talentscouting betrieben. "Ich war für mein Alter schon recht groß, und mir wurde gesagt, ich könne entweder rudern oder schwimmen. Da ich in Indien schon früh schwimmen gelernt hatte, fiel mir die Wahl leicht. Ich war von Anfang an leidenschaftlich dabei und hatte von klein auf schon die Mentalität, alles, was ich mache, auch richtig zu machen. Das war in der Kindheit sicher noch unbewusst. Hinzu kam, dass der Sport natürlich das Aushängeschild schlechthin des Staates war. Es war ein Privileg, zu den Besten zu gehören. Alles wurde dem Sport untergeordnet, und das passte mir."
Mit zehn Jahren wurde er als Leistungsschwimmer in ein Sportinternat aufgenommen. Von 25 Schülern in der Klasse war nach vier Jahren nur er übrig. Alle anderen Mitschüler waren rausgeflogen, weil sie nicht gut genug waren. Zu seinen größten Erfolgen zählen die DDR-Meistertitel zwischen 1987 und 1988, die Teilnahme am EM-Finale 1983 und die Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele 1984, an denen die DDR-Athleten allerdings aufgrund eines Boykotts der Ostblockländer nicht teilnahmen. Natürlich war es hart für die Jugendlichen, die es im System des DDR-Staatssportes nicht geschafft haben. Mit einigen steht Liess bis heute freundschaftlich in Kontakt. "In meiner privilegierten Situation durfte ich mir nach dem Abitur das Studium aussuchen. Ich entschied mich für Wirtschaft."
Wegen der Flucht nach Genf hatte Steffen Liess sein Studium im dritten Jahr abgebrochen. "Bereuen tue ich es nicht, da mir ein Abschluss in marxistischer Planwirtschaftslehre in der Schweiz äußerst wenig gebracht hätte, aber vielleicht werde ich ja doch noch einmal irgendwas studieren, wenn ich mal Zeit habe", sagt er lachend. Der Start in der französisch sprechenden Schweiz war anspruchsvoll. Liess musste sich ein komplett neues Leben aufbauen. Umso dankbarer schaut er auf die Unterstützung seiner Frau und Eltern zurück. In Genf verfolgte er seine Schwimmkarriere und wurde in den Jahren 1989 bis 1991 Schweizer Meister. Nach knapp 15 Jahren bei einer schweizerischen Großbank zieht es ihn mit Anfang vierzig weiter nach Zürich. "Da war wieder diese Erkenntnis, dass gut verdientes Geld in der Wirtschaft allein nicht glücklich macht, sondern die Lebenszeit mit sinnvollen Inhalten gefüllt werden soll, wenn dies finanziell irgendwie möglich ist. Dafür muss man dann auch mal Risiken eingehen."
Von 2008 bis 2016 arbeitet er beim Schweizerischen Schwimmverband als Verantwortlicher des Leistungssports. Liess sagt, dass diese Zeit besonders prägend war. Als Teamchef von Swiss Swimming begleitet er die Schweizer Schwimmer 2012 und 2016 auch zu den Olympischen Spielen, sodass er doch noch zu seiner Olympiateilnahme kommt. Mit einem Kollegen gründete er eine Schwimmschule für Kinder. Seine eigenen vier Kinder waren übrigens alle als Schwimmer bei der EM und sind alle nacheinander Schweizer Meister geworden. Seit fünf Jahren wohnt er im Tessin und arbeitet beim Nationalen Jugendsportzentrum CST in Tenero. Er ist mit seinen Kollegen verantwortlich für sämtliche Sportarten. "Schwimmen tue ich nicht mehr wirklich in meiner Freizeit. Ich bin so viele Kilometer geschwommen und werde altersbedingt immer schlechter."