Wenn Deutschland und Frankreich kooperieren, geht es allen anderen in Europa besser: der ehemalige Deutschlehrer und Premierminister Jean-Marc Ayrault im Gespräch.
Bestimmt, aber nicht autoritär, selbstbewusst, aber nicht arrogant: Während eines virtuellen Interviews lässt Jean-Marc Ayrault in sein Arbeitszimmer und sein Leben als Politiker blicken. Eine Diva ist er nicht, obwohl er auf der Bühne der Weltpolitik zu Hause ist. Er ist mit den großen Politikern Europas vertraut. Auf deutscher Seite sind das Frank-Walter Steinmeier, Olaf Scholz, Heiko Maas, Sigmar Gabriel. Von ihnen spricht er fast kumpelhaft. Als sich der ehemalige französische Premierminister einschaltet, erkennt man im Hintergrund die Regalwand eines schwedischen Möbelherstellers. Selbst aufgebaut hat er die Regale jedoch nicht, gesteht er ein. Sie sind voller Bücher, CDs und Akten. Gut erkennbar ein Foto von ihm und seiner Frau Brigitte vor dem Rathaus seiner Stadt Nantes, wo er lange Oberbürgermeister war. In fließendem und quasi akzentfreiem Deutsch erzählt der weißhaarige Politiker seine Laufbahn vom Deutschlehrer in Westfrankreich zum Premierminister.
Als er 1968 in Nantes im Süden der Bretagne Germanistik studiert, ist die Studentenbewegung ein Auslöser für sein Engagement im Parti Socialiste (PS), der französischen Schwesterpartei der SPD. "Ich habe mir ein bisschen Zeit genommen, mir die verschiedenen Parteien anzuschauen, welcher Partei ich beitreten könnte. Dann habe ich mich für den PS entschieden, weil diese Partei damals im Aufbruch war und sich für soziale Gerechtigkeit stark macht."
1977 wird der Deutschlehrer zum Bürgermeister von Saint-Herblain, einer Stadt nahe Nantes, und später zum Abgeordneten seines Wahlkreises und zum Fraktionsvorsitzenden gewählt. Damit war er der jüngste Bürgermeister Frankreichs von einer Stadt mit mehr als 30 000 Einwohnern. Bei den Kommunalwahlen 1989 kandidiert der amtierende konservative Bürgermeister von Nantes nicht mehr. François Mitterand, damaliger Präsident Frankreichs, überzeugt den jungen PS-Politiker Ayrault davon, für das Amt anzutreten. Jean-Marc Ayrault gewinnt die Wahl und bleibt 23 Jahre lang OB der 300 000-Einwohner-Stadt an der Loire. Als 2012 der PS die Präsidentschaftswahlen gewinnt, benennt der neue Präsident François Hollande den Nanter Bürgermeister zum Premierminister. Bei den Kommunalwahlen 2014 sind die Ergebnisse des PS jedoch schlecht, und Jean-Marc Ayrault tritt zurück. François Hollande scheint ihn aber in seiner Regierung behalten zu wollen und benennt ihn später zum Außenminister. Nach den Präsidentschaftswahlen 2017, bei denen Emmanuel Macron mit seiner neuen liberalen Partei La République en marche gewinnt und der PS viele Stimmen verliert, zieht sich Ayrault aus der Politik zurück. Er bleibt jedoch in Stiftungen aktiv, etwa in der PS-nahen Stiftung und Think Tank Fondation Jean-Jaurès oder in der deutsch-französischen Stiftung Genshagen.
Auf die Frage, warum er Deutschlehrer werden wollte, antwortet er: "Ich habe diese Sprache als Schüler entdeckt: die Musik der Sprache, die Struktur der Sprache haben mir gefallen." Er lacht, wenn er über seine deutschen Begegnungen spricht. Das waren zuerst Schüleraustausch und verschiedene Jugendprogramme, vor allem in Baden-Württemberg. Dann ein Erasmus-Jahr als Student an der Universität Würzburg, wo er später zum Ehrenbürger ernannt wurde. Regelmäßige Reisen mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern im VW-Bus führten durch Deutschland und durch ganz Europa. Auch in Ostberlin war er vor dem Mauerfall: "Ich hatte die Möglichkeit, eine Gruppe von französischen Offizieren zu begleiten. Ostberlin war ganz anders, als es heute ist. Es war grau und traurig, aber das war eine ganz andere Zeit, die Zeit der Trennung." Zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls wurde er als Bürgermeister von den Berliner Festspielen eingeladen und reiste mit der Straßentheater-Compagnie "Royal de Luxe" aus Nantes und deren Riesenmarionetten nach Berlin: "Der große und der kleine Riese haben sich am Brandenburger Tor wiedergefunden. Das war das Symbol der Wiedervereinigung. Es war ein begeisternder, berührender Moment." Wenn er von der deutschen Kultur spricht, gerät er ins Schwärmen: "Deutschland ist ein Land mit hohem Niveau, was die Kultur betrifft. Musik, Literatur . . . Mit meinem Wohnmobil war ich in Weimar auf den Spuren der großen Dichter Goethe und Schiller. In Leipzig, wo Johann Sebastian Bach gespielt hat. Das war für mich ein großes Vergnügen."
Plötzlich wird sein Gesicht ernst: "Das ist für mich ein Widerspruch, dass Deutschland mit diesem hohen Niveau an Kultur auch das Schlechteste, was eine Gesellschaft machen kann, den Nationalsozialismus, hervorbringen konnte. Das ist für mich unverständlich, dass ein Volk mit so hohem Niveau so tief gesunken ist."
Dass sich Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg versöhnt haben, dass beide Regierungen heute eng zusammenarbeiten, schreibt der Politiker auch Aktionen wie Städtepartnerschaften und Austauschprogrammen zu. Die Städtepartnerschaft zwischen Nantes und Saarbrücken wiederzubeleben war eine seiner Prioritäten als junger Bürgermeister. Heute gibt es viele Austauschprogramme zwischen beiden Städten, die ihre Partnerschaft zu trinationalen Städtepartnerschaften mit Städten in Afrika und der damaligen Sowjetunion ausgeweitet haben. Die Sprache des Nachbarn zu lernen hält Ayrault für eine gute deutsch-französische Zusammenarbeit für ausschlaggebend. Während er Englisch als erste Fremdsprache für unabdingbar hält, sagt er: "Ich bin davon überzeugt, dass es notwendig ist, die Sprache des Nachbarn zu sprechen. Die zweite Fremdsprache in Frankreich sollte für alle Deutsch und in Deutschland Französisch sein. Da müssen wir noch Fortschritte machen." Dass die deutsch-französische Beziehung auch heute noch für Europa von grundlegender Bedeutung ist, erklärt er so: "Wenn wir Europa für die Zukunft stärken wollen, ist es immer so: Deutschland und Frankreich sind die besten Akteure dieser Zukunft. Wenn Deutschland und Frankreich kooperieren, geht es auch allen anderen in Europa besser."
Als sein Vorbild nennt er Frank-Walter Steinmeier. Ihn kannte Ayrault bereits aus seiner Zeit als Fraktionsvorsitzender, lange bevor beide gleichzeitig Außenminister waren: "Als ich Außenminister wurde, haben wir uns sofort verstanden." Die frühere Bundeskanzlerin, die er respektvoll "Madame Merkel" nennt, schätzt er sehr. Besonders ihr "Wir schaffen das" von 2015 findet er "mutig und würdevoll". Auch Willy Brandt nennt er als ein Vorbild. Jean-Marc Ayrault betont, dass sein politisches Engagement von Anfang an ein gemeinsames mit seiner Frau war. Sie war in einem sozialen Brennpunkt Französischlehrerin, im PS aktiv und hat ein Buch über ihr Leben veröffentlicht. Stolz erzählt er von ihren drei Enkeln und davon, dass einer der drei in der Schule Deutsch lernt. Seine nächsten Ferienpläne: mit seinen Enkelkindern nach Berlin reisen, um ihnen die Stadt zu zeigen.