"Gib alles, Rachan!"

Ein junger Profiboxer über den Kampfsport Muay Thai

 

Nachmittags in einem Stadion in Bangkok. Man hört das laute Jubeln der Zuschauer. Viele sind beim Anfeuern. "Gib noch mal alles, Rachan, du hast fast gewonnen!" Die Blicke sind gespannt auf den Boxring gerichtet. Beide Kämpfer sind erschöpft. Der nächste Punkt entscheidet. Muay Thai oder Thaiboxen ist die Leidenschaft des 27-jährigen Bryan Svensson De Sousa aus Zürich. Der 1,80 Meter große, 75 Kilogramm schwere Mann mit braunen Augen ist in der Nähe von Frauenfeld aufgewachsen. Sein Vater ist schweizerisch-schwedischer, die Mutter brasilianischer Herkunft. "Mit Thaiboxen habe ich bereits mit 15 Jahren angefangen", sagt Rachan, wie Svensson De Sousa mit seinem Boxernamen heißt. Den Namen hat er von seinem ersten Boxmanager in Bangkok bekommen. Er bedeutet auf Thailändisch König. "Das erste Mal wurde ich 2008 in einem Strandbad darauf aufmerksam, als Thaiboxen zum Gesprächsthema unter Freunden wurde. Zuvor spielte ich Fußball, jedoch gefiel mir diese Art von Teamsport nicht mehr. Daher entschied ich mich, es mal mit Thaiboxen zu probieren", sagt der Profiboxer.

 

Es ist ein Einzelsport, jedoch ist man trotzdem in einem Klub und trainiert mit einem Team. Noch heute erinnert er sich an das Natthapong Muay Thai Gym in Zürich, wo er vor mehr als zehn Jahren anfing, den Nationalsport Thailands zu erlernen. "Ich ging jeden Tag ins Gym und widmete meine Leidenschaft ganz dem Muay Thai. Bei meinen ersten Wettkämpfen im Jahr 2008 in der Schweiz war ich auch sehr nervös." Jedoch merkte er, dass sein Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft war - in der Schweiz ist die Sportart auch nicht stark verbreitet. "Daher entschied ich mich im Alter von 17 Jahren, für ein halbes Jahr nach Bangkok zu gehen", berichtet Bryan, der damals gerade sein erstes Jahr als Plattenleger abgeschlossen hatte. Dort wurde er von einem Freund seines alten Trainers unterrichtet. Die beide waren 1988 im thailändischen Nationalteam des olympischen Boxens. "Mein Vater unterstützte mich und wollte, dass ich meinen Traum lebe, da er das am liebsten auch gemacht hätte, aber damals nie die Möglichkeit hatte." Seine Mutter habe anfangs noch ihre Zweifel gehabt.

 

Sein erster Kampf und zugleich seine erste Niederlage in Thailand war im Mai 2011 im legendären alten Lumpinee Boxing Stadium. Nach den sechs Monaten entschied er sich zu bleiben. "Mich faszinierte der Kampfsport hier in Bangkok, und ich wollte den Sport noch mehr ausleben." Er trainierte manchmal acht Stunden am Tag und wechselte öfter die Gyms, um sich weiterzuentwickeln. Manche Gyms waren außerhalb Bangkoks, einige Wettkämpfe sogar außerhalb Thailands. "Wichtig bei Muay Thai sind ein guter Coach und ein gutes Team." Er lebte jeweils in den Gyms und konnte von den Wettkämpfen leben. Sponsoren und Veranstalter bezahlten genug, sodass er über die Runden kam.

 

Er hatte viele Coaches, die oft auch ehemalige Champions waren, und lernte auch die Sprache. Svensson De Sousa stellte sich neuen Gegnern. Schwieriger wurde es in den oberen Klassen, besonders als er durch das harte Training an Gewicht zulegte und im Mittelgewicht mitkämpfte. "Es erfordert viel Zeit und Geduld. Beim Thaiboxen zählt jedoch nicht nur die Stärke, sondern zentral sind auch Strategie und Taktik. Denn im traditionellen Thaiboxen gibt es ein Punktesystem, wobei die jeweiligen Kampftechniken und Konterangriffe unterschiedliche Punkte geben. Bei Knockout ist der Kampf jedoch sofort vorbei."

 

Der Sport ist nicht ungefährlich. Das Muay Thai gehört zu den gefährlichsten Sportarten, besonders wegen des Einsatzes der Ellbogen. Bryan hatte sich schon einige Verletzungen zugezogen. Die im Vergleich zur Schweiz mangelhafte Sicherheit und Lebensqualität in Thailand brachte ihn nach acht Jahren dazu, zurückzukehren. Während seines Aufenthaltes im Ausland konnte er eine Statistik von 49 Kämpfen, 31 Siegen und 2 Unentschieden erzielen. Seine Wettkämpfe waren oft in großen Stadien mit bis zu 8000 Zuschauern und wurden im Fernsehen ausgestrahlt, sowohl in Thailand als auch international. Nach seinem 50. Kampf, der mit einem Unentschieden und mehreren Verletzungen ausging, war es für ihn Zeit für eine Veränderung. Darauf widmete er sich dem klassischen Boxen, da dieses weniger gefährlich ist. "Aus meiner Sicht bringt ein solcher Sport auch viele Vorteile mit sich. Denn dafür braucht man sehr viel Disziplin und Ehrgeiz. Man lernt ebenfalls, mit Niederlagen umzugehen. Sport bildet den Charakter", sagt der Athlet.

 

Heute gibt Bryan im BYTX Personal Training Studio in Zürich Personal Training und bietet für kleinere Gruppen Bootcamps und Workshops an. Thaiboxen selbst gibt er nur als Privattraining. Einer seiner größten Wünsche ist es, noch ein letztes Mal in den Ring steigen zu können und das Jubeln der Zuschauer zu hören oder besser gesagt zu spüren. "Dies zeigt nämlich die Qualität des Kampfes an und pushte mich während des Kampfes weiter an."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.2021, Nr. 266, S. 30 - Patrick Eugster, Kantonsschule Uetikon am See

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