Im Aufwind von der Nordsee bis an die Alpen

"Ein unglaubliches Gefühl durchschießt den Körper", schwärmt die 14-jährige Segelflugschülerin

 

Über den Wolken soll die Freiheit wohl grenzenlos sein", so sang es einst Reinhard Mey über das Gefühl, die Welt unter sich zu lassen und nur der scheinbar unendlichen Weite des Horizonts entgegenzuschweben. Dieses Gefühl kennt Berufspilot Martin Schenkemeyer aus Bad Pyrmont nur zu gut. Aber das war nicht immer so. In seiner Kindheit fürchtete er sich vor den großen, so mächtig erscheinenden Passagierflugzeugen. Erst als er im Alter von 16 Jahren mit seiner Familie in den Urlaub nach Málaga flog, konnte er seine Flugangst überwinden. Und nicht nur das: Zurück aus dem Urlaub, suchte er in seiner Heimat nach einer Möglichkeit, das Fliegen selbst zu erlernen. "Ohne das Segelfliegen wäre ich heute nicht da, wo ich bin", erzählt der 30-Jährige, der im Alter von 17 Jahren mit der Segelflugausbildung begann. Nach einigen Theoriestunden folgte schon bald der erste Alleinflug. Am Ende der dreijährigen Ausbildung wartete dann ein 50-Kilometer-Überlandflug auf den Flugschüler und zuletzt die Abschlussprüfung.

 

"Ein Segelflugzeug nutzt die Natur als Energiequelle", erläutert der Berufspilot und meint damit die warme, durch Sonneneinstrahlung aufsteigende Luft. Somit muss der Pilot, nachdem das Segelflugzeug von einer Seilwinde oder einem Motorflugzeug in die Luft gezogen worden ist, nach Aufwinden suchen. Im Sommer sind diese Aufwindbereiche durch die weißen, sogenannten Schäfchenwolken gekennzeichnet. Um möglichst lange in dem Gebiet aufsteigender Luft zu bleiben, fängt ein Segelflugzeug unter solchen Wolken an zu kreisen. Dadurch sind an guten Sommertagen Streckenflüge mit einer Distanz von bis zu 1000 Kilometern möglich. Ein Flug von der Nordsee bis an die Alpen ist allein mit der Kraft der Natur somit keine Schwierigkeit. So weit ist die 14-jährige Flugschülerin Mia-Klara Pfennig aber noch nicht. Sie hat im Oktober 2018 mit dem Segelfliegen angefangen. "Nach einem Gastflug über dem schönen Weserbergland im südlichen Niedersachsen war mir schnell klar, dass ich das mal machen möchte", beschreibt sie ihren ersten Eindruck. "Ein unglaubliches Gefühl durchschießt den Körper, sobald man in die Luft abhebt." Grund dafür sei die rasante Beschleunigung, die Mia-Klara so bisher nur aus der Achterbahn kannte. Bei einem Start mit einer Seilwinde beschleunigt das Segelflugzeug in zwei bis drei Sekunden auf 100 Stundenkilometer und erreicht, abhängig von der Länge der Schleppstrecke sowie der Steigleistung des Fluggeräts, eine Höhe von bis zu 400 Metern.

 

Für die junge Flugschülerin beginnt ein Tag auf dem Flugplatz mit einem morgendlichen Briefing, wo sie zunächst mit ihrem Fluglehrer das Flugwetter prüft und die Startrichtung festlegt. "Dann schieben wir die Segelflugzeuge zum Start und checken sie gründlich durch", fährt sie fort. Da Mia-Klara Pfennig noch leicht ist und das Segelflugzeug ein Mindestgewicht erfüllen muss, befestigt sie zusätzliche Gewichte unter dem Instrumentenbrett im Flugzeug. Für die Kommunikation mit der Bodenstation sowie mit anderen Segelflugzeugen baut Mia-Klara eine handgroße Batterie ein. Damit sie mit ihrem Fluglehrer abheben darf, fehlt noch ein Rettungsschirm. "Diesen Fallschirm mussten wir zum Glück noch nie benutzen", schmunzelt sie. Nur im Notfall, falls sich das Segelflugzeug nicht mehr steuern ließe, würde dieser zum Einsatz kommen, erläutert die Schülerin, während sie in das Segelflugzeug einsteigt. In der Luft angekommen, werden dann bestimmte Flugübungen mit dem Fluglehrer geflogen. Dabei übernimmt der Flugschüler das Steuer und trainiert unter der Begutachtung des Fluglehrers das Starten, Kurvenfliegen, das Landen.

 

"Nach einem langen und ereignisreichen Flugtag werden dann noch die Flugzeuge geputzt und die Flugbücher geschrieben", berichtet Mia-Klara. Für sie ist das Segelfliegen mehr als nur ein Hobby. "Das Segelfliegen hat meine Persönlichkeit beeinflusst", schwärmt sie. Besonders die Gemeinschaft und der Zusammenhalt auf dem Flugplatz, aber auch die besonderen Momente am Boden und in der Luft seien prägend.

 

Welche Perspektiven das Segelfliegen ermöglichen kann, zeigt die berufliche Laufbahn von Martin Schenkemeyer. Von der Segelfluglizenz ausgehend, konnte er diverse weitere Lizenzen für motorbetriebene Flugzeuge erwerben. "Und so habe ich mich Schritt für Schritt fliegerisch weitergebildet, bis ich meine Berufspilotenlizenz in den Händen hielt", sagt er. So wurde aus einem von Flugangst geplagten Teenager ein passionierter Verkehrspilot. Die Corona-Pandemie hat keinen Einfluss auf seinen Berufsalltag. Weiterhin befördert er für eine mittelständische Charterfluggesellschaft Vorstandsmitglieder namhafter Unternehmen quer durch Europa.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2021, Nr. 248, S. 30 - Tom Schröder, Humboldt-Gymnasium, Bad Pyrmont

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