Der Schweizer Pfarrer Simon Bosshard will singen, beten, diakonisch handeln
Ich sehe mich selbst als Clown", sagt Simon Bosshard, der 49-jährige Pfarrer der reformierten Landeskirche Veltheim in Winterthur witzelnd. "Manchmal will ich wie ein Clown etwas Spektakel machen, um auf die Liebe von Jesus zu den Menschen hinzuweisen." Der mit Pullover und Jeans bekleidete gebürtige St. Galler meint: "Gott will die Menschen auf ihrem Weg begleiten und in Beziehung mit ihnen sein."
In Zürich studierte er Geschichte und im Nebenfach Theologie. Danach arbeitete der braunhaarige, 1,80 Meter große Brillenträger als Studienberater. Acht Monate war er beim Schweizer Rückversicherer Swiss Re und schloss nebenbei das höhere Lehramt ab. Er übernahm Stellvertretungen an Schulen und ging 2002 an das Gymnasium Unterstrass in Zürich. Der Familienvater, der mit seiner Frau Christina seit 24 Jahren verheiratet ist, unterrichtete 13 Jahre lang die Fächer Geschichte und Religion. Rückblickend sagt er etwas wehmütig: "Ich habe schon das Gefühl, dass es die Stelle meines Lebens war, weil es das Perfekte für mich war in dieser sehr familiären Schule, wo man fast jeden kennt."
Er wollte mit seinen Schülern herausfinden, was man von den verschiedenen Religionen für sein eigenes Leben lernen kann, und sie nicht nur über die vielen Feste informieren. Die Vorurteile über Religion verloren Schüler, als sie sich sorgfältig mit wichtigen Fragen beschäftigten. "Das Christentum wird viel interessanter und differenzierter, wenn man sich damit auseinandersetzt, anstatt nur an diesen zaubernden Jesus zu glauben", betont Bosshard. "Zudem kann man von jedem Menschen etwas lernen. Deshalb habe ich auch Atheisten in meine Lektionen eingeladen." So lernte er mit den Schülern zum Beispiel, den buddhistischen Ansatz "Leben heißt Leiden" und "das Leben sei eine reine Illusion" auch von einer guten Seite zu deuten. Diese Anschauung kann in schwierigen Lebenssituationen helfen, indem man erfahrenes Leid oder Kritik nicht zu ernst nimmt. "Die Fragestellung war dabei immer: Was kann ich daraus lernen? Was hat das mit mir zu tun?"
Dann kam der Gedanke, Pfarrer zu werden, wieder auf, den er bereits bei einem Predigtseminar am Ende seines Studiums hatte. Er beriet sich mit seiner Frau und den beiden Kindern. "Ich wollte singen, die Bibel lesen, beten und diakonisch handeln." Die Familie ging für ein Sabbatical sechs Monate in die Vereinigten Staaten. Er und seine Frau, die auch Lehrerin ist, unterrichteten an einer Schule. Er setzte nebenbei an der Universität Chicago sein Theologiestudium fort.
Eindrücklich war für die Familie die Gewaltbereitschaft der amerikanischen Jugendlichen. "Die Leute sagten immer, alle spinnen im Sommer. So sahen wir einen angezündeten Container und Jugendliche, die aus Langeweile für kurze Zeit ein Auto stahlen." Zurück in der Schweiz, studierte er wieder, um die restlichen Punkte für den Master zu erwerben. Nebenbei arbeitete er wieder am Unterstrass als Lehrer. 2016 war es so weit, und er fing in Winterthur Veltheim seine Pfarrstelle an. Die Arbeit des leidenschaftlichen Joggers und Gümmelers, wie ein Rennradfahrer in der Schweiz auch genannt wird, ist vielfältig. Seine Aufgaben teilt er in fünf Kategorien ein. Die erste ist der Gottesdienst. "Um eine Predigt zu schreiben, brauche ich ungefähr 15 Arbeitsstunden." Dazu arbeitet er im mit Bücherregalen bestückten Büro im Erdgeschoss des Pfarrhauses. Die zweite Aufgabe ist die Seelsorge, zu der Gespräche gehören und Jubilarenbesuche von Menschen, die 80 oder 90 Jahre alt werden. Der Pfarrer hört dann einfach zu, was sie alles erlebt haben. Er hat dabei tiefe Ehrfurcht vor dem Leben. Am Schluss betet er und spricht den Segen. "Häufig beginnen sie dann noch mal zu reden, auch über den Glauben. Da muss ich dann bereit sein, noch eine halbe Stunde zu bleiben." Und es gibt die diakonische Arbeit. Das bedeutet, denen zu helfen, die wenig bis nichts haben. Er erwähnt jemanden, den er regelmäßig trifft und dem er ein Handy organisiert hat. "Vielleicht ist er dankbar, vielleicht glaubt er auch, er nehme mich aus", sagt Bosshard leicht ironisch. "Allerdings kann es auch sein, dass ich am Einkaufen bin und mich plötzlich jemand anspricht. Zum Beispiel eine Frau, die meint, ihre Tochter hätte es schwierig mit deren Lehrmeister. Und just bin ich in einem seelsorgerischen Gespräch."
Der dritte Bereich sind Kurse, die Kindern und Jugendlichen, teils auch Erwachsenen Zugang zum Glauben ermöglichen. Eine weitere Aufgabe ist die Kybernetik, die Leitung und Führung der Kirchgemeinde. "Als Pfarrer muss ich sehr viele Sitzungen, Konvente und Kommissionen leiten. Das war mir vorher nicht bewusst. Es ist viel mehr Knochenarbeit, als ich gedacht habe." Sein Blick geht nachdenklich hoch in den Himmel, und er fragt sich: "Bin ich noch bis zu meiner Pensionierung im selben Beruf tätig? Ich weiß es nicht." Die letzte große Aufgabe sind die sogenannten Kasualien, die die Abdankungen, Taufen, Einsegnungen und Hochzeiten beinhalten. "Nächste Woche habe ich zwei Abdankungen. Das sind direkt 20 Arbeitsstunden."
Fast ausnahmslos steht er um sechs Uhr auf und macht Frühstück. Danach geht er laufen. Er beginnt etwa um acht in seinem Büro zu arbeiten. Meist startet er mit einer großen Aufgabe wie der Vorbereitung eines Gottesdienstes. Abends stehen oft Sitzungen auf dem Programm. Seine Arbeit beansprucht viel Zeit, obschon er nicht 100, sondern 80 Prozent arbeitet. Er sagt zu seinem Schlafrhythmus: "Ich arbeite oftmals bis um Mitternacht. Ausschlafen? Das gibt es bei mir eigentlich nie."