Banater Schwaben in Ludwigshafen - "Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, in einer Diktatur zu leben"
Flucht vor russischen Truppen, Zwangsarbeit, Diktatur: Als Einwohner von Tschanad, einem deutschen Dorf in Rumänien, erlebte die Familie Kiefer viel im Laufe der Jahre. Bis sie auswanderte - zurück nach Deutschland. "Und wir haben es nicht einen Tag bereut", sagt Peter Kiefer. Beim Sprechen legt seine Frau dem 69-Jährigen ihren Arm um die Schultern. Elisabeth Kiefer sitzt mit ihrer Mutter Barbara Wolf, ihrem Mann und dessen Vater Johann auf dem Sofa in ihrem Haus in Ludwigshafen. Ab und zu gibt es beim Sprechen Verständigungsprobleme, die 91-jährige Mutter ist schwerhörig. Wie ihre Tochter ist sie klein. Sie hat weiße Locken. Versteht sie etwas nicht, wiederholt die Tochter die Worte mit schwäbischem Akzent.
Banater Schwaben heißt die Volksgruppe, die sich im 18. Jahrhundert in Rumänien ansiedelte. In dem Dorf, in dem die Familie lebte, blieben die Deutschen jahrhundertelang völlig unter sich. Anfangs waren es sogar zwei Dörfer: Groß-Tschanad und Deutsch-Tschanad, in denen die Gemeinden separat lebten. Sie wurden 1948 zusammengelegt. Aber abgesehen von neuen Hausnummern, änderte sich nicht viel. "Die deutsche Jugend ist nie unter die rumänische Jugend gegangen, und die Rumänen sind nie unter die deutsche Jugend", erinnert sich die 67-jährige Elisabeth Kiefer. Zusammen mit dem Bus zur Schule gefahren sind sie, aber am Wochenende trennten sich die Wege wie selbstverständlich. Die Situation der Deutschen wurde besonders schwierig, als Rumänien sich am 23. August 1944 mit den Alliierten verbündete. Auf ihrem Rückzug vor der roten Armee zogen die Nationalsozialisten durch Tschanad und rieten den Aussiedlern mitzukommen. Barbara Wolf erinnert sich genau an die Flucht vor über siebzig Jahren. "Damals war ich grad so ein junges Mädchen wie du heute", berichtet sie ihrer 16-jährigen Enkelin. "Da war ich 19 Jahre alt." Johann Kiefer erzählt, als wäre es gestern passiert: "Am 6. Oktober sind wir von Tschanad weg, und achtzehn Tage lang sind wir nach Österreich geflohen. Mit 240 Pferden, 130 Wägen und 930 Personen." Später kehrte die Familie nach Rumänien zurück.
Rumänien deportierte auf Anordnung der UdSSR zwischen 1945 und 1949 siebzig- bis achtzigtausend Rumäniendeutsche nach Russland zur Zwangsarbeit. "Dann haben sie die Leute gesucht, die noch in Tschanad waren, und dann haben sie die geholt, aber sie haben nur die Deutschen geholt", sagt Peter Kiefer. Im Alter von 18 Jahren wurde Elisabeths heute verstorbener Vater Nikolaus Wolf nach Russland gebracht, wurde aufgrund der Unterernährung krank und ein Jahr später heimgeschickt. Als er zurückkehrte, war seine ganze Familie verstorben, er stand allein da. Von der Deportation in den Baragan, bei der Anfang der Fünfzigerjahre 40 000 Menschen verschleppt wurden, blieb die Familie verschont. Nach dem Krieg kam die Kollektivierung in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, bei der der Staat die Bauern enteignete und die Felder zusammenlegte. "Für die Kinder war das Leben auf dem Dorf wunderbar, die Freiheit war groß", erinnert sich Peter Kiefer. Alle sind sich einig, zum Aufwachsen war das Dorfleben ideal, nach damaligen Verhältnissen habe ihnen nichts gefehlt. "Aber als wir erwachsen wurden", setzt er düster hinzu, "dann wurde es schon verdammt schwierig." Denn im Jahr 1965 kam Nicolae Ceausescu an die Macht.
"Das kannst du dir heute so gar nicht vorstellen, wie es ist, in einer Diktatur zu leben", erzählt Kiefer, "Ihr Kinder habt da in der Schule drüber gelesen, und genau so war es auch. Man konnte nicht frei sagen, was man über Ceausescu denkt. Nicht in der Öffentlichkeit und nicht mal daheim, weil die Kinder, die verplappern sich ja. Man musste eben immer aufpassen, was man redet. Es gab keine freie Meinung. Also, man durfte schon eine Meinung haben, man durfte sie nur nicht äußern." Zusätzlich wurde die wirtschaftliche Situation immer schlechter. "Wir hatten damals schon Geld, aber man konnte eben nichts kaufen", bemerkt Elisabeth spitz. "Da bist du in die Metzgerei gegangen, und da hingen vielleicht ein paar Knochen." Die Familie besorgte das Mehl zum Backen sackweise auf dem Schwarzmarkt. Brot gab es ebenfalls nicht zu kaufen.
Im Zuge des Freikaufs von Rumäniendeutschen durch Westdeutschland kehrten mehr als 220 000 Rumäniendeutsche im Zeitraum von 1967 bis 1989 dem Land den Rücken. Trotz allem fiel es ihnen schwer, die Heimat zu verlassen. Zuerst gingen nur Elisabeth und Peter Kiefer mit den Kindern, zwei Jahre hatten sie auf die bereits 1987 beantragte und mit Devisen-Schmiergeld erkaufte Ausreiseerlaubnis warten müssen. Hatten sie Heimweh? "Am Anfang schon", sagt Elisabeth Kiefer, "weil die Eltern ja noch drüben waren." Besonders für ihre Mutter war dieses letzte Jahr ohne die Familie hart. "Damals war ich ja schon 60", erinnert sie sich. Im letzten Sommer fehlten die Kinder, es war schwül, sie war ständig krank, die Feldarbeit machte ihr zu schaffen. "Von frühmorgens bis spätabends hab ich gearbeitet, die Parzellen waren sehr, sehr lang, da sind wir nicht dazu gekommen, Wasser zu trinken." Bei ihrer Einwanderung 1990 nach der Revolution wog die 1,69 Meter große Frau keine fünfzig Kilo mehr. "Da hat die Ärztin zu mir gesagt: Frau Wolf, sie sind kerngesund, aber völlig hin gearbeitet."
In Deutschland genossen sie Aussiedlerstatus, wurden direkt als deutsche Staatsbürger anerkannt und eingebürgert, konnten wählen und in ihren erlernten Berufen arbeiten. "Handwerker sucht man immer", sagt Schlossermeister Peter Kiefer. Zwar vermissen sie das alte Leben ein wenig, doch die Heimat gab es auch damals schon so nicht mehr. "Die Dorfgemeinschaft war ja aufgelöst", erklärt er. "Das Einzige, was noch steht, ist die Kirche, und die ist immer fast leer", sagt Elisabeth Kiefer traurig. Etwa alle zwei Jahre besucht das Ehepaar das Dorf. Ihr jüngster Sohn, der vierzigjährige Wolfhard, war nach seiner Aussiedlung nur einmal dort. "Ich befürchte, dass ich dadurch die Erinnerungen zerstöre. Das wäre nur eine Enttäuschung", sagt er. Auf die Frage, wo ihr Zuhause ist, sagt die ganze Familie: "Ludwigshafen".