Kick fürs Leben

Kickboxerin Julia kämpft mit ihrem Sport gegen Vorurteile an und erntet nicht nur von Jungs Respekt.

 

Kampfsport ist Männersache - ein Klischee, dem Julia Igel erfolgreich entgegenwirkt. Die 20-Jährige betreibt Kickboxen und konnte dabei schon einige Erfolge verbuchen, darunter vier Weltmeistertitel in zwei Kategorien im Amateurbereich, zweimal im Kick Light U16 bis 60 Kilogramm und U18 bis 55 Kilogramm und im Light-Contact U16 bis 60 Kilogramm und U18 bis 55 Kilogramm. Der Unterschied hierbei liegt im Regelwerk, das jeweils verschiedene Techniken erlaubt. Im Kick Light sind Kicks auf den Oberschenkel erlaubt, während im Light-Contact nur Treffer oberhalb der Gürtellinie erzielt werden dürfen.

 

Die gebürtige Deutsche zog 2008 mit ihrer Familie von Ebersbach in Baden-Württemberg nach Teufen in die Schweiz. Durch ihre Begeisterung dafür, neue Dinge auszuprobieren, kam sie von Leichtathletik und Fußball ziemlich schnell zum Kickboxen. Im Alter von zwölf Jahren begann sie mit dem Training, das sie inzwischen fast täglich wahrnimmt. Julia studiert seit der Matura Physiotherapie in Landquart und lebt dort in einer Wohngemeinschaft. Für das Training pendelt sie mehrmals die Woche zwischen Landquart und dem Appenzellerland hin und her, dafür muss sie knapp zwei Stunden mit dem Zug durch die Schweiz fahren.

 

Mit strahlenden Augen erzählt sie während des auf dem Bildschirm geführten Interviews von ihrer großen Leidenschaft. Auf Julias Jacke prangt das Vereinslogo, ein roter Kreis, der eine zum High Kick ausholende Figur umschließt. Ihr Teufener Verein "Power Defense Kickboxing" sei wie eine zweite Familie für sie und gebe ihr Halt. Mit ihm hat sie bereits besonders schöne, aber auch schwere Momente erlebt. Schwer waren vor allem die Zeiten, in denen kein Training aufgrund der Pandemie stattfinden konnte. Julia musste kreativ werden, um fit zu bleiben und trotzdem noch den nötigen Ausgleich im Alltag zu finden.

 

Ein besonders schönes Erlebnis waren die World Material Art Games 2016 in Bad Kissingen. Dieser Wettkampf stellte den ersten großen Teamausflug der Sportlerin dar. Alles passte, das ganze Erlebnis von der gemeinsamen Anreise, dem Training am Morgen des Wettkampfes, den gemeinsamen Vorbereitungen im Hotel bis schließlich hin zum Wettkampf. Die beiden ersten Plätze im Light-Contact und im Kick Light, die sie in diesem Wettkampf erringen konnte, stellen ein absolutes Highlight in ihrer sportlichen Karriere dar. "De Moment, we mer uf de Matte stoht, isch denn, wenn plötzlich alles zum Träge chunt", erklärt sie.

 

Kampfsport ist eine von Männern dominierte Sportart, auch Julia nahm dies von Anfang an wahr. Gestört hat sie diese Tatsache aber nie. Im Gegenteil, häufig profitiert sie von ihren männlichen Trainingspartnern, die sie regelmäßig an ihre Limits puschen. Ihr Hobby kommt meist recht schnell zur Sprache, die Reaktionen sind unterschiedlich. Die häufigste ist: "Oh, denn chumm i der besser nöd z nöch." Julia nimmt diese Äußerung, ihr lieber nicht zu nah kommen zu wollen, mit Humor. Sie denkt, dass der Kommentar daher rührt, dass Kampfsport häufig mit einem gewissen Konfliktpotenzial in Verbindung gebracht wird. So erfährt sie von Jungs recht häufig Respekt für ihre sportlichen Tätigkeiten. Frauen begegnen ihr oft mit Begeisterung. Nur von älteren Menschen kommen manchmal Bedenken. Sie finden, dass das Training mit den "starken Männern" doch gefährlich sei. Julia erzählt mit einem verschmitzten Grinsen, dass sie darauf mit "Jo, aber i machs hald besser" antwortet.

 

Kickboxen ist eine recht junge Sportart. Die Kampfkunst verbindet Techniken des klassischen Boxens mit Fußtechniken, wie sie im Karate oder Taekwondo anzutreffen sind. Damit liegen die Ursprünge des Kickboxens im ostasiatischen Raum. Julia hat sich auf die Spuren des Ursprungs dieser Kampfkünste begeben. Ihre Reise hat sie nach Thailand geführt. Dort hat sie an einem zweiwöchigen Trainingslager teilgenommen. "Es isch wie imne Film gsi", schildert sie. Frühmorgens startete sie die Tage mit einem zweistündigen Thaiboxtraining, anschließend schnappte sie sich gemeinsam mit zwei ihrer Vereinspartner einen Roller, fuhr zum Strand, besichtigte einen Tempel oder entdeckte eine der Städte in der Provinz Phuket. Nachmittags ging es dann mit dem Training weiter. Die zwei Wochen waren intensiv und haben die Sportlerin an ihre Grenzen gebracht.

 

Besonders fasziniert haben sie dabei die Begegnungen mit kampfsportbegeisterten Menschen aus aller Welt. Eine Begegnung ist ihr dabei ganz besonders in Erinnerung geblieben. In einem Training wurde ihr der Argentinier Nicolas Carra als Trainingspartner zugeteilt, der online Bewegungscoachings anbietet. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die ganze Welt bereist, um verschiedene Kampfkünste zu erlernen. So hatte er schon im australischen Outback und in indischen Slums trainiert. Er gab Julia viele Inputs zum Thema Körperfluss. Er erklärte ihr, dass man den Körper fließen lassen muss. Dieser völlig neue Ansatz, den er ihr nähergebracht hat, hat ihr geholfen, ihre Techniken noch weiter zu verbessern. "Aso noch dene zwei Stund isch Körper, Seele und Geist usglaschtet gsi", sagt sie.

 

Auf den ersten Blick sieht man Julia ihre Muskeln und die unglaubliche Kraft, die in ihren Schlägen liegt, nicht an. Der Sport ist ein fester Bestandteil ihres Alltags, der ihr Struktur und Ausgleich bringt. Durch das Kickboxen konnte sie ihre körperlichen Grenzen ausloten, Selbstvertrauen sammeln und viel Disziplin erlernen. Kickboxen sei ein zentraler Lebensinhalt, sagt die dunkelblonde Sportlerin. Weiter erzählt sie, dass Kickboxen ein sozialer Sport sei. Trainingspartner und Trainer sind ihre Freunde. Auf die Frage, ob sie ihre erlernten Techniken schon einmal zur Selbstverteidigung einsetzen musste, antwortet sie mit einem Schmunzeln: "Nei, leider nöd." Julia tritt durch das Kickboxen viel selbstbewusster auf und begibt sich dadurch weniger in eine Opferrolle. Kampfsport ist in diesem Sinne eine präventive Maßnahme.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.11.2021, Nr. 266, S. 30 - Zoé Stieger, Kantonsschule Trogen

zurück