Zylindermusikdosen, Orchestrien, Flötenschränke, Puppenautomaten, selbstspielende Klaviere und Jukeboxen: im Klang-Maschinen-Museum des Zürcher Oberlands.
Es hat noch Geräte vor dem iPhone gegeben, mit welchen man Musik abspielen konnte", sagt Katrin Liscioch schmunzelnd. Sie ist seit der Gründung im Jahr 2015 Geschäftsführerin des Klang-Maschinen-Museums in der alten Seidenfabrik in Dürnten im Zürcher Oberland. Als eines der größten seiner Art schweizweit gewährt es dem Besucher einen Einblick in die Entwicklung einer Bandbreite mechanischer Musikinstrumente.
Die Mutter von drei Kindern sitzt am Tisch des mittig platzierten Bistros im Orgelsaal. Links neben ihr erhebt sich die imposante Jahrmarktsorgel. Nebenan befindet sich der Bereich, der einen in die nostalgische Atmosphäre der "Chilbi" - so nennen Schweizer den Jahrmarkt - eintauchen lässt. Von der Decke hängen Leuchter unterschiedlichster Form, die der Art-déco-Einrichtung des Museums geschuldet sind. Das Spektrum an mechanischen Musikinstrumenten ist enorm. Von kleinen Zylindermusikdosen, Orchestrien, Flötenschränken über Puppenautomaten, selbstspielenden Klavieren bis hin zu Jukeboxen ist alles zu finden. Letztere nahmen im 19. Jahrhundert weltweite Präsenz ein, bevor sie in den 1920er-Jahren vom aufkommenden Rundfunk und dem elektrischen Schallplattenspieler abgelöst wurden. Dieser Musikautomat sollte einen orchestralen Klang imitieren. Der Korpus, der grundsätzlich einem klassischen Klavier entspricht, vereint je nach Entwicklungsjahr die vorhandene Klaviertastatur aus Elfenbein mit Flöten, Pauken, Geigen, Trommeln, einem Tambourin, einem Xylophon und einem Triangel. Die frontale Seite der Anlage ist zumeist mit Glasmalereien versehen. Zur Übertragung von Musik ist die im unteren Bereich des Instruments eingesetzte sogenannte Notenrolle ausschlaggebend. Dabei handelt es sich um eine gelochte Papierrolle, deren Abfolge an gestanzten Löchern der Tonreihe eines Musikstücks entspricht. "Wir haben manchmal Diskussionen mit Schulklassen, ob diese Frau hier stehen darf", deutet Katrin Liscioch auf die leicht bekleidete weiße Marmorstatue, die die neben ihr imposant emporragende Tanzorgel ziert, und weist damit auf den Umgang jüngerer Generationen mit der kulturellen und gesellschaftlichen Veränderung in der Wahrnehmung künstlerischen Handwerks hin.
Eine der größten Faszinationen ihres Berufs sei es, Leute zu beobachten, wie sie an diesem Ort in eine völlig andere gesellschaftliche Zeit versetzt werden und die Funktionsweise jeglicher mechanisch betriebener Klanginstrumente bestaunen. "Heute hat man ein Smartphone, ich will das auch nicht werten, aber hier werden die Leute aus dem Alltag gerissen, sie tauchen in eine vergangene Welt ein. Wenn ich nur schon von Grammophon spreche, hat man heute keine Vorstellung mehr davon."
Für die 59-Jährige ist die sogenannte Walzenspieldose besonders faszinierend. Das Gehäuse dieses mechanischen Instruments ist ein Holzkästchen, dessen Oberfläche furniert und mit Einlegearbeiten versehen ist. Darin befindet sich ein Messingzylinder, der mit feinsten, mit höchster Präzision manuell platzierten Stahlstiften bestückt ist. Parallel zur Walze verläuft der Tonkamm, ein Stahlobjekt in der Form eines Kamms mit abgestuften "Zähnen", den Tonzungen. Diese sind jeweils auf einen bestimmten Ton gestimmt und werden beim Berühren der Stahlstifte des sich drehenden Zylinders in Schwingung versetzt und erklingen entsprechend. Die durch ein unabhängiges Triebwerk bewegte Stiftwalze findet ihren Ursprung im frühen 19. Jahrhundert. Diese gilt als Vorläufer des von Thomas Alva Edison entwickelten Phonographen, der wiederum als Grundlage des im letzten Drittel des 19. Jahrhundert aufkommenden Grammophons gilt. Lisciochs Begeisterung gilt nicht nur dem einzelnen Objekt an sich, sondern dem Erfindergeist. "Mich fasziniert es, dass es mit den Mitteln von damals, vor gut 100 bis 140 Jahren, schon möglich war, derartige Geräte zu entwickeln. Den Antrieb des Menschen, Instrumente zu entwickeln, damit er Musik hören kann, finde ich extrem faszinierend. Dies zeigt ja auch, welche Bedeutung Musik eigentlich in unserem Leben hat."
Die gravierendste Erschwernis für den Aufbau des Museums war das Ableben Urs Bertschingers neun Monate nach der Eröffnung. Als passionierter Sammler von Antiquitäten aller Art galten seine Sammelstücke als das Fundament des Museums und er als der eigentliche Gründer. "Er war wirklich ein faszinierender Mensch. Ein Pionier, Unternehmer, Künstler und Visionär", beschreibt Katrin Liscioch den geschätzten Arbeitskollegen. Seine Leidenschaft stieß auch in der Öffentlichkeit auf Interesse: "Ich habe mal gehört, dass das Schweizer Fernsehen manchmal bei ihm Requisiten gesucht habe." Ihm zu Ehren wurde heute ein Denkmal in Form eines NATO-grünen Stahlhelms, dessen Spitze ein kegelförmiger Feuerwerkskörper ziert, im Foyer ausgestellt. Die Vergangenheit der Kunsthalle aber prägten noch weitere Erschwernisse. So veranlasste eine Verordnung architektonischer Natur einen Umbau zur Stabilisierung des Dachs der zuvor freitragenden Shedhalle. Dies forderte eine Schließung von zwei Monaten. Zudem musste der Betrieb infolge der staatlichen Pandemie-Maßnahmen ein Jahr geschlossen bleiben und konnte erst in diesem Frühjahr wieder eröffnen.
Der Betrieb umfasst ungefähr 40 Leute. Davon arbeiten 30 Angestellte auf freiwilliger Basis gegen kleine Spesenentschädigungen, darunter sind Rentner, ehemalige Orgelbauer, Mechaniker und Musiker. "Es ist manchmal schön und manchmal auch ein wenig ein Fluch; man ist in einem so kleinen Betrieb, mit so wenig Personal, für fast alles zuständig, das ist manchmal eine rechte Herausforderung." Jedoch sieht Katrin Liscioch darin durchaus auch Vorteile. Die Museumsführer legen den Fokus auf verschiedene Einzelheiten. Dies lässt Neues entdecken.
Ursprünglich kommt Katrin Liscioch aus dem Bereich des Projektmanagements. Zwischenzeitlich war sie in der Leitung der Sportstiftung "L'idée Sport" und der Schul- und Gemeindebibliothek Egg tätig. Über eine Bekannte sei sie mit Urs Bertschinger in Kontakt gekommen. Auf kultureller Musikhistorie lag daher nie der Fokus während ihres Werdegangs. Das hält sie aber nicht davon ab, ihren jetzigen Beruf mit Freude auszuüben. "Ich bin keine Expertin für mechanische Instrumente. Das ist manchmal eine Herausforderung. Ich arbeite mich aber ein." Neben dem Lesen zählen Besuche von Konzert- und Theaterveranstaltungen und Spaziergänge zu ihren Freizeitbeschäftigungen. Ihre Familie hat einen hohen Stellenwert für sie. Manchmal ist ihr Mann als Museumsführer tätig. Zudem tauscht sie sich gelegentlich mit ihren drei erwachsenen Töchtern über die Ausstellung aus. "Für mich ist wichtig, die jüngere Generation zu hören, einmal ihren Blick und Gedanken auf so etwas zu sehen."