Landarbeit als Kunst, fröhlich zu verarmen

Weinbau ist Pflege und Tradition," sagt José Morais. Der 56 Jahre alte Winzer lebt in der Douro-Region Portugals, in dem kleinen Dorf Cheires bei Alijó, Vila Real. Diese Region ist Teil des sogenannten "Douro Vinhateiro". Hier produziert man seit mehr als 2000 Jahren Wein, unter anderem den weltberühmten Portwein. Es liegt im Nordosten Portugals, von Bergen umgeben.

 

Es gibt zwei Arten von Wein in dieser Region, Tafelweine, wie Rot-, Weißwein und Rosé, und Portweine, wie Tawnys oder Rubys. Außerdem gibt es den süßeren Nachtischwein Moscatel, einer von Josés Bestsellern. Das heiße und trockene Klima, die starke Sonneneinstrahlung der Weinberge an den Hügeln, die Unfruchtbarkeit der Böden konzentrieren Süße und Farbe der Trauben. Tafelweine weisen in der Regel einen hohen Alkoholgehalt und eine hohe Aromakonzentration auf. Portweine zeichnen sich durch ihre Süße und ihren hohen Alkoholgehalt aus. Die Zugabe von Brandy zur Herstellung, um die Gärung zu stoppen, bewahrt die Süße. Die Alterung in Fässern, zehn oder zwanzig Jahre lang, macht sie besonders.

 

Die Produktion von Wein ist ein schwieriges Unternehmen. Das Anpflanzen von Weinstöcken ist ein komplizierter Prozess. Frühestens nach drei Jahren kann geerntet werden. Jedoch können die Weinstöcke bis zu 100 Jahre alt werden. Das führt dazu, dass die Kunst der Weinproduktion nicht eine ist, die man schnell erlernen kann. Es ist eine, die man Generationen über einübt. Morais' Betrieb ist mehr als 250 Jahre alt. Die Weintrauben, die er erntet, wurden von seinen Vorfahren gepflanzt, und alles, was er selbst pflanzt, kommt seinen Nachkommen zugute. "Mir ist bewusst, dass das, was ich jetzt habe, nicht mir gehört. Es gehört allen Morais. Meinen Vorfahren und allen, die nach mir kommen. Ich bin bloß ein Passant. Meine Verantwortung ist, dass nichts in meiner Zeit kaputtgeht, dass die Tradition nicht verloren geht und das Erbe nicht zerstört wird. Dass meine Neffen weitermachen können", sagt José Morais, der keine Kinder hat. "Ich arbeite mit einem Erbe der Natur, wie die Felder und ihre Vegetation, auch die Gebäude sind säkular und haben bereits kulturellen Wert. Es ist wichtig, in den Managementkriterien Umweltwerte, Kulturgeschichte und Zuneigung aufzunehmen."

 

Aber in einem Geschäft, wo der Nachwuchs so entscheidend ist, mangelt es an jungen Arbeitern. Die Douro-Region ist überaltert. Fast 40 Prozent der Erwerbstätigen sind mehr als 65 Jahre alt. Außerdem lebt die Bevölkerung relativ abgeschlossen, trotz der verfügbaren Technologie, die sie mit der Welt draußen verbinden könnte. Gerade das macht es für die jüngere Generation unattraktiv, auf dem Land zu leben. Dazu kommen natürlich die Härte der Arbeit und die damit verbundene Armut. "Landwirtschaft ist die Kunst, fröhlich zu verarmen", scherzt José Morais. Der Mangel an Arbeitskräften ist ein Problem, das noch gelöst werden müsse. "Kinder wurden seit 30 Jahren nicht mehr viele im Land geboren. Der technologische Fortschritt, der Lohnfortschritt und die Verbesserung der Lebensbedingungen in unserem Dorf reichen nicht aus, um Menschen anzulocken."

 

Dazu kommen die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie: Hotels, Restaurants und Bars konnten lange nicht öffnen, zurzeit ist das unter Hygienemaßnahmen wieder möglich. Viele der Weine wurden dort verkauft. "Jetzt konzentriert sich der Vertrieb auf Supermärkte. Für die kleinen Produzenten ist es sehr schwierig, Partner von Unternehmen zu sein, die große Mengen an Lieferungen zu niedrigen Preisen benötigen", erklärt er. Der Tourismus hat neue wirtschaftliche Möglichkeiten gebracht und den Weinen dieser Region zu Weltruf verholfen. Aber mit Corona sind viele Reisebüros, die Touristen in dieses Gebiet bringen, ebenfalls zu.

 

José Morais wurde hier geboren, wuchs hier auf und lebte sein ganzes Leben in dieser Region. Die Tradition, an der er so stark hängt und auf die er stolz ist, ist gleichzeitig auch das Problem. Der Mangel an Offenheit für neue Herausforderungen führt auch dazu, dass man die Weinindustrie nicht auf das nächste Niveau bringen kann. Die Unternehmen wehren sich zusammenzuarbeiten, und wegen des schon hohen Anerkennungsgrades der Region sehen sie nicht den Zwang, etwas zu ändern. Jedoch sind der Arbeitskraftmangel und die Armut Zeichen, dass eine Änderung nötig ist. Morais sagt selbstkritisch: "Wie mein verstorbener Bruder sagte: Alles im Douro gehört zum Besten, außer dem, was spricht."

 

José Morais beschäftigt sieben Mitarbeiter, aber zur Erntezeit erhöht sich die Zahl auf 14. Um dem Mangel an Mitarbeitern zu begegnen, holt er sich Leute aus der ganzen Welt, zum Beispiel Menschen aus Afghanistan und Syrien, die Krieg erlebt haben. "Nächste Woche werden wir ein weiteres Haus unserer Familie renovieren, wo wir Arbeitskräfte unterbringen können", sagt er zufrieden.

 

So schwer das Leben am Douro ist, gern erinnert er sich an schöne Momente: "Einer davon war, als ich zusammen mit meinem Bruder das Elternhaus meiner Mutter wieder aufbaute." Das große imposante Haus, das mehr als 250 Jahre alt ist, wurde Dutzende Jahre nicht instandgehalten, bis die Brüder das Familienunternehmen übernahmen und für die Renovierung genug Geld gespart hatten. Da viele Häuser im Douro leer stehen, war diese Aktion von großer Bedeutung für alle Dorfbewohner. "Es war, als sähe man den Douro, die Region, die ich so sehr mag, wieder aufblühen", sagt José Morais.

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.09.2021, Nr. 218, S. 30 - Miguel Lencastre Morais, Deutsche Schule zu Porto

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