Buch über das KZ-Außenlager Cochem
Aus einer alten Schwarz-Weiß-Fotografie lächelt dem Leser der 17-jährige François Guérin entgegen, das dunkle Haar adrett gescheitelt, ein Schal ist über einem dunklen Mantel gebunden. Im von Deutschland okkupierten Frankreich engagierte er sich in der Résistance und wurde von der Gestapo verhaftet. Im März 1944 kam er als einer der ersten Häftlinge in Cochem an. Als er einen Monat später weiterverlegt wurde, verließ er das Lager mit einem Gewicht von gerade mal 35 Kilogramm.
Was der 1956 geborene Ernst Heimes in seinem 2019 erschienenen Buch "Bevor das Vergessen beginnt" zusammengetragen hat, verschlägt einem die Sprache bis in unsere Tage. "Ich habe immer nur den Zaun gesehen" - diesen Satz hört man häufig, wenn man Zeitzeugen zum Thema befragt. Tatsächlich lebten viele Moselaner in unmittelbarer Nachbarschaft zu unterirdischen Anlagen, in denen Kriegsgefangene und politische Häftlinge einen ehemaligen Eisenbahntunnel zu Werkstätten umbauen mussten. Im "KZ Cochem", damals noch Kochem, 1944 als Außenlager des KZs Natzweiler-Struthof, Elsass, errichtet, wurden Menschen aus ganz Europa, hauptsächlich Franzosen, Polen und Russen, gefangen gehalten. Schon im Juni waren es mehr als 1600 Personen. Zweck des Baus war es, eine Produktionsstätte von Motorteilen für die Luftwaffe zu errichten. Projekt A7. Trotz seiner kurzen Dauer, im September 1944 wurde das Unternehmen abrupt beendet, war es sicherlich nicht unauffällig, zumal auch Zivilisten an den Arbeiten beteiligt waren. Gesprochen wurde lange nicht darüber. Mitte der 80er-Jahre begann Ernst Heimes Nachforschungen anzustellen und machte Ergebnisse publik.
Der gebürtige Cochemer erinnert sich: "Anlass war ein Gespräch mit meinem Vater bei einem Spaziergang an Pfingsten." Eine Frage nach dem Verbleib von Stahlbetonklötzen, an die sich Heimes zu erinnern glaubte, brachte die Sache ins Rollen. Ein Bunker soll es gewesen sein, lautete die erste Antwort des Vaters. Die zweite ist ernüchternder: "Eigentlich war das ein Konzentrationslager." Ein KZ-Außenlager in Cochem? Dass sich dort, wo Tausende Touristen in unmittelbarer Nähe Wein und Landschaft genießen, zu Kriegszeiten Szenen voll Not und Leid abspielten, mag man kaum glauben. Vergessen wollte man es lange genug. Dagegen kämpft der Buchhändler mit seinen Büchern und Vorträgen an. Sein Buch enthält eine eindrucksvolle Sammlung von Zeitdokumenten. Er schildert den Hintergrund des Außenlagers, beschreibt den Alltag dort, lässt Opfer und Täter zu Wort kommen. Wie schwer sich das Umfeld mit der Offenlegung tut, erfuhr Heimes am eigenen Leib. Er berichtet von Anfeindungen nach seinem ersten Buch "Ich habe immer nur den Zaun gesehen", die von "übelsten Reaktionen und Aktionen" bis zu konkreten Bedrohungen gegen ihn reichen.
Das Schicksal des jungen Franzosen ist eines von vielen, die das Buch vor dem Vergessen bewahrt. Neben den vielen Opfern und ihrer Würdigung kommen die Täter in den Blick, deren Uneinsichtigkeit in fehlendem Schuldbewusstsein in ungläubiges Staunen versetzt. Ein Foto zeigt einen Mann im Anzug auf einer Anklagebank. Die Rechte ist belehrend erhoben: Rudolf Beer, Mitglied des Totenkopfregiments der SS und ehemaliger Lagerleiter. Selbst vor Gericht noch soll er ehemalige Häftlinge beim Schildern der Vorgänge im Lager wegen vermeintlichen Fehlverhaltens zurechtgewiesen haben. Auf 270 Seiten finden sich Zeitzeugenberichte, Fotos, Karten, Pläne und Akten. Eine wertvolle Lektüre: "Sich selbst zu erinnern und Erinnerung weiterzutragen ist ein Schlüssel dafür, dass sich begangenes Unrecht nicht wiederholt."