Poesie als Entdeckung der Freiheit der Welt

Der slowenische Autor und Übersetzer Ales Steger schreibt über sein Land in einer Fremdsprache

 

In der historischen Altstadt von Ptuj finden jährlich die "Tage der Poesie und des Weins" statt. Sie gelten als eines der größten internationalen Poesiefestivals, das nach Auskunft der Stadt "beste Dichter und Künstler aus aller Welt sowie beste slowenische Weine zusammenbringt". Aus Deutschland waren schon Michael Krüger, Ilija Trojanow und Durs Grünbein dabei. Einer der Gründer des Festivals und sein künstlerischer Leiter ist Ales Steger. Das ist nur eine seiner vielen beruflichen Tätigkeiten. Kein Wunder, dass er zum Interviewtermin im Ptujer "muzikafe" etwas zu spät erscheint. Doch Stress und Hektik merkt man dem 48-Jährigen nicht an. In beiger Jeans, mit offenem Hemd und karierter Jacke kommt er fröhlich und entspannt auf seine Gesprächspartner zu. Obwohl dies eine erste persönliche Begegnung ist, ist man gleich mitten in einem lebendigen Gespräch. "Die letzten sechs Monate mit den Einschränkungen aufgrund der Pandemie waren für mich eine der fruchtbarsten Zeiten. Ich dachte, ich schreibe für die Abendschatten und den Meereswind."

 

Ales Steger, der mit einer Anthropologin verheiratet ist, ist seit Jahren der international bekannteste slowenische Lyriker. Seine Texte werden in mehrere Sprachen, vor allem auch ins Deutsche übersetzt. Er hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen gewonnen. Die Arbeit als Kulturvermittler, Verlagsmitarbeiter und Übersetzer gibt Ales Steger vor allem die materielle Freiheit, sich seinem besonderen Schlüssel zur Welt und den Menschen zu widmen, der Poesie. "Natürlich interessiere ich mich mit der Lyrik für einen Teil der Literatur, der für eine Leserminderheit interessant ist." Aber für ihn ist "Poesie die Entdeckung der Freiheit der Welt". Diese Freiheit hat er erfolgreich genutzt.

 

Ales Steger liebt es, mit Menschen persönlich in Kontakt zu sein, auch durch seine Übersetzungen von Literatur. "Ein Sprichwort besagt, dass Poesie etwas ist, das mit der Übersetzung verloren geht", erzählt er. "Ich glaube aber, es ist genau andersherum. Es kommt oft vor, dass Poesie etwas ist, das mit einer Übersetzung entsteht oder wiedergefunden wird." Als der Dichter ein Kind war, lebte er in einer kleinen, überschaubaren Welt, die ihm alles bedeutete und in die er sich verliebt hatte. Von seinem Heimatort Destrnik aus, einem Dorf auf einem der Hügel nördlich der Stadt Ptuj, wo er 1973 geboren wurde, schaute er in Richtung Süden über die Ebene des Flusses Drau und auf die Hügelketten, die Slowenien von Kroatien trennen, auf die Koralpe in Österreich und auf die Pannonische Ebene Richtung Ungarn. Weitere Berge und Länder schließen sich dahinter an. Die kleine Welt wird unermesslich groß. Ein großes Rätsel für das kleine Kind, das erstaunt darüber nachdachte, welche Sprache wohl die Menschen hinter den Bergen und Hügeln seines Heimatorts sprechen würden. "Und ich wünschte mir eine gemeinsame Sprache in einer gemeinsamen Welt."

 

Später ging das Kind dann ins Gymnasium nach Ptuj. Steger erinnert sich an "eine tolle Zeit. Ich hatte großartige Lehrer und eine großartige Klasse. Ich war anfangs ein unruhiger Student. Aber dann, mit Poesie, Theater und Projekten, bekam ich eine innere Motivation. Ich habe viel übersetzte Poesie gelesen. Diese Poesie zog mich am meisten an und weckte mein Interesse." Aber, so sagt er, "ich liebte in der Schule damals auch die Physik und wollte eine Zeit lang Physik studieren. Mein Onkel versuchte mir mit einem ausgezeichneten Stipendium von einer österreichischen Bank zu helfen, weil er wollte, dass ich an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Wien studieren und danach in Slowenien im Bankwesen arbeiten sollte. Ich habe diese Gelegenheit abgelehnt, was wagemutig war." Steger studierte dann vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik in Ljubljana. "In meinen akademischen Jahren war das Schreiben eine Möglichkeit, mich selbst zu finden. Ich habe viele Phasen durchgemacht, aber ich denke, indem wir schreiben, versuchen wir, Dinge, die wir nicht zu fassen wissen, uns anzupassen, sodass wir bewusst damit umgehen können."

 

In der Poesie fand er dann die Freiheit und das, was alle Menschen vereint. Steger spricht mehrere Sprachen fließend, aber auf die Frage, in welcher Sprache er träumt, erzählt er lächelnd: "Die Menschen träumen und denken in der Sprache von Licht, Wasser und Erde", also in einer universellen Sprache, die keine spezifischen Worte braucht. Wenn man heute über den Schulhof des Gymnasiums Ptuj geht, liest man auf dem Asphalt, aufgemalt in bunten Farben, Zitate von Schriftstellern. Auch Ales Steger ist dabei. Der hat aber mittlerweile nicht nur die große weite Welt bereist und beschrieben - Orte und Plätze in Japan, Mexiko, Indien, Peru -, auch die kleinen Dinge der unmittelbaren Umgebung sind Poesie, wenn Steger sie in Worte fasst. Einfache Gegenstände, die man täglich nutzt und sieht, über die man sich aber kaum Gedanken macht, ergeben für Steger ein ganzes "Buch der Dinge", zum Beispiele Gedichte über einen "Zahnstocher" oder "Büroklammern" oder auch ein kleines "Ei".

 

Diese Texte kann man auch in deutscher Übersetzung lesen. Steger ist seit 2014 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und seit 2018 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. "Ich wurde von der deutschen Leserschaft bemerkenswert gut aufgenommen. In gewisser Weise fühlte ich eine intime Verbindung zu diesem Kulturraum. Ich schreibe gerade mein erstes Buch in Deutsch, ein Sachbuch über Slowenien, im Gegensatz zur Belletristik, die ich auf Slowenisch schreibe. Obwohl ich Einheimischer in Slowenien bin, bin ich so auch Ausländer, weil ich über mein Land in einer Fremdsprache schreibe."

 

Für das Land und vor allem seine Literatur gibt es bald eine große Chance. Slowenien wird Gastland der Frankfurter Buchmesse 2023 sein. "Im Bereich des Buches ist dies das größte Ereignis der Welt. Die Vorbereitungen in Slowenien selbst sind turbulent. Ich hoffe, dass es uns in gewisser Weise gelingen wird, an uns selbst zu glauben, denn in Slowenien sind wir immer noch demütig und zurückhaltend. Doch das Land hat eine außergewöhnliche Literatur und Tradition. Insbesondere ist die Buchmesse eine ausgezeichnete Gelegenheit für junge Autoren. Es geht darum, uns einen Platz auf der internationalen Bühne zu geben." Und es geht sogar um eine existenzielle Frage. Er ergänzt lachend: "Ich hoffe, dass ich nach der Messe 2023 bei internationalen Auftritten weniger darüber sprechen muss, wo Slowenien ist und ob es das Land überhaupt gibt."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2021, Nr. 242, S. 26 - Imela Alibegovic, Marta Civic. Gymnasium Ptuj, Slowenien

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