Ein Leistungsringer über seine Arbeit als Sportcoach
Dein Körper ist die beste Maschine, dein Geist der zugehörige Motor." Dieses Motto steht auf der Internetseite von Lukas Fechers Sportstudio und beschreibt sein Arbeitsziel. Der Bewegungscoach möchte Menschen nicht nur aktivieren, er möchte dabei den Körper und den Geist zusammenbringen. Dieses Bestreben verfolgt er in seiner eigenen Sporthalle, der "Fechers Fitness Factory" in der unterfränkischen Gemeinde Niedernberg. Von außen ist das Gebäude unscheinbar. Im vorderen Drittel des Studios befinden sich neben der L-förmigen Rezeption die unterschiedlichsten Sportgeräte. Der Boden ist übersät mit verschieden geformten Hanteln, Bällen, Seilen, Reifen und Spielzeugen. Daneben steht ein schwarzes, quadratisches Gerüst zum Hangeln, Klettern oder als Hilfe für bestimmte Übungen.
Das eigentliche Herzstück des Studios ist aber eine Ringermatte, welche die anderen zwei Drittel der Halle ausfüllt. Sie ist umgeben von Spiegeln, motivierenden Sprüchen an den Wänden, einer riesigen Zeichnung. Die Hauptwand zeigt eine Fabrik, schwarz auf weiß gezeichnet, mit sieben mannshohen Fenstern. Diese haben eine besondere Bedeutung. Pro Fenster sind jeweils zehn gleich große Rechtecke in zwei senkrechte Reihen aufgeteilt. Dabei unterscheiden sich alle Rechtecke. Jedes zeigt eine Zahl von eins bis zehn und trägt entweder die Farbe Rot, Blau, Gelb oder Weiß. Das sind die gleichen Farben, die auf der Ringermatte und überall in der Halle verteilt zu finden sind. Während der Coach eine Zahl und die dazu passende Farbe sagt, soll der Sportler nicht nur den Körper, sondern auch das Gehirn einschalten. Blitzartig muss er sich umdrehen, das von Fecher gemeinte Rechteck finden und berühren. Die Schwierigkeit der Aufgabe kann Fecher beliebig variieren. Entweder ist das Zielobjekt dicht am Boden oder in nahezu unerreichbarer Höhe, besonders wenn anstatt einer Hand der Fuß benutzt werden soll.
Der 33-Jährige trainiert jeden, der zu ihm kommt. Aufrecht und barfüßig sitzt er auf einem zylinderförmigen Sportgerät und sagt: "Im Prinzip habe ich die ganze Palette." Gemeint sind Kinder, Schüler, Hobbysportler, Leistungssportler, Behinderte, Senioren oder ganze Vereine. Oberste Priorität hat für ihn, dass seine Kunden Spaß an der Bewegung haben. Jeden Tag malt er sich einen Smiley auf seinen rechten Daumen. Denn ausgiebiges Lob, so meint er, führt leichter zum Erfolg. Diesen Optimismus versucht er möglichst in alle seine Angebote einfließen zu lassen. Er ist als Personaltrainer und Athletiktrainer für Vereine und Gruppenfitnesskurse zu buchen. Nebenbei führt er Schulprojekte durch.
"Raufen nach Regeln ist da so mein Steckenpferd", erklärt er stolz. Unabhängig von Schulart oder Jahrgangsstufe kann jede Schule den Bewegungscoach engagieren. Dabei können die Schüler ihren Gefühlen freien Lauf lassen, indem sie unter Aufsicht mit ihren Mitschülern kämpfen. Die geregelte Aktion dient nicht nur der Gewaltprävention, sondern auch der Eigenwahrnehmung und Selbstbehauptung. Während des Projektes können sich die Schüler zudem austoben. Dabei vermittelt der Trainer die Dringlichkeit, außerhalb solcher Aktionen gewaltlos zu handeln und die Mitmenschen zu achten. Einige Schüler lernen, selbstbewusster zu sein und für sich selbst einzustehen. Dazu plant der Coach ein neues Projekt. Zusammen mit einer befreundeten Kickboxerin möchte er insbesondere jungen Frauen beibringen, was es heißt, sich selbst behaupten und verteidigen zu können.
Neben Fechers warmen braunen Augen, dem Dreitagebart und seinem braunen Kurzhaarschnitt fallen einem genauen Beobachter seine Verformungen an den Ohren auf. Diese sind Überbleibsel seiner langjährigen Ausübung einer Kampfsportart. Durch Schläge oder andere Einwirkungen sind Blutergüsse und Schwellungen in der Ohrmuschel entstanden, die sich nicht mehr ganz zurückbilden konnten. Bis zu seinem 23. Lebensjahr war Fecher Leistungsringer. "Die ersten Schritte habe ich auf einer Matte gemacht." Da er aus einer Ringerfamilie kommt, stand er von klein auf regelmäßig im Ring. Schnell wurde das Ringen bei ihm zu einem Leistungssport. Mit 16 Jahren erhielt er in der zweiten Liga mit dem Sportclub Großostheim den Titel "Deutscher Meister im Ringen". Sein vorheriger Beruf als Angestellter bei einem Unternehmen für Augenheilkunde hielt ihn nie davon ab, seine Sportart auszuüben. "Es gab einmal die Arbeitswelt, und es gab das Ringen. Also Ringen war immer der absolute Fokus." Jedoch musste sich diese Einstellung abrupt ändern. Mit 23 Jahren erlitt Fecher einen Bandscheibenvorfall im Halswirbelbereich. "Du kannst vielleicht versuchen, weiter zu ringen, aber dann kann es unter Umständen sein, dass du im Rollstuhl sitzt", zitiert er ernst seinen damaligen Arzt. Er sah sich gezwungen, seine Gesundheit vor seine Leidenschaft zu stellen, und musste sich umorientieren. In einem sozialen Jahr beim Hessischen Ringer-Verband trainierte er Kinder und Jugendliche. Das machte ihm so viel Spaß, dass er sich vollends auf das Trainersein konzentrierte. Heute kann der Sportler seiner Verletzung etwas Positives abgewinnen. "Rückblickend würde ich jetzt sagen, es war ein Geschenk."
Eine seiner Begabungen ist es, aus jeder Niederlage nur das Gute zu schöpfen. Die Pandemie betrachtet er ebenfalls als Chance. Vor ihr lief seine Arbeit gut mit einem klaren Ablauf. Durch den Stillstand im Berufsleben konnte er sich Gedanken darüber machen, was er verbessern oder neu erfinden kann, so wie ein Kinder-Mutmach-Buch, an dem er arbeitet.