Morgens kocht Pascal Schafflützel als Chefkoch für rund 550 hungrige Jugendliche in der Schulkantine der Kantonsschule Trogen, nachmittags verkauft er bunte Klötzchen in seinem Legoladen in St. Gallen. "Ich habe meine Freunde lange mit meiner Idee, ein eigenes Geschäft zu eröffnen, in den Ohren gelegen, denn in der Ostschweiz gibt es keinen Legoladen", erklärt der 36-Jährige schmunzelnd. Als ein Friseur im Stock unter Schafflützels Familienwohnung in der Krüsistraße ausgezogen war, packte er die Gelegenheit beim Schopf: "Ich habe sofort bei den Vermietern angerufen. Der Gedanke an einen Legoladen schwirrte mir schon seit etwa fünf bis sechs Jahren im Kopf umher. Und plötzlich war ich Jungunternehmer", sagt er stolz und rückt seine Schirmmütze zurecht. In weiß-grüner Schrift ist darauf "Gallusbrick" zu lesen, der Name des Legoladens. Der Name setzt sich aus Gallus, dem Standort des Ladens, und aus brick zusammen, was auf Deutsch Baustein heißt. Der Betrieb liegt etwas abseits vom Stadtzentrum und ist nur nachmittags geöffnet, denn morgens arbeitet Pascal als Betriebsleiter der Schulmensa.
Um sechs Uhr morgens beginnt die Arbeit, sein Team und er müssen Sandwiches füllen und kochen. Um 10.45 Uhr ist das warme Essen dann bereit. "Danach gehe ich ins Büro und mache Abrechnungen, denn Kontrolle gehört auch zum Chefsein dazu." Mittwochs und freitags muss er pünktlich Feierabend machen, denn der Laden öffnet um 16 Uhr. An den anderen Tagen hat der Laden geschlossen. An der Verkaufstheke, hinter der Pascal Schafflützel in einem schwarzen Sweatshirt sitzt, baumelt eine Lichterkette mit kleinen Legomännchen daran. "Erwachsene laufen manchmal Gefahr, ihre Fantasie und das eigene Kind in sich zu verlieren." Damit wolle er nicht sagen, dass alle Erwachsenen viel kindischer sein sollen, sondern dass auch sie etwas Kindliches und Unbeschwertes machen können. In seinem Laden hat der St. Galler viele seiner Werke ausgestellt. "Hier kann man verglichen mit Spielwarenläden alles auch erleben." Auf der Ladentheke steht eine kleine Stadt, die zum Beispiel über ein Postbüro, ein Reisfeld sowie ein Fitnessstudio verfügt. Etwas weiter hinter ihm steht ein kleines Boot, mit dem gerade Krabben gefangen werden. In jeder Ecke des Ladens findet man ein anderes Bauwerk. "Schön ist es, wenn man selber etwas macht, was es noch nicht gibt." Er schreibe auch selbst Anleitungen, um etwas zu bauen, und verkaufe diese dann. "Das darf man auch, wenn man das Legologo dafür nicht benutzt." Auf seinem Youtube-Kanal stellt er seine neuesten Kreationen vor oder gibt eine Raumführung durch seinen Laden. Er lädt jede Woche ein Video hoch und manchmal, wenn es die Zeit erlaubt, sogar zwei. Auf seinem Instagram-Account zeigt er Fotos seiner Bauwerke oder informiert die Follower über gesellschaftliche Anlässe im Laden. Der Event "Beer und Brick" kam vor Corona sehr gut an, die Legofans trafen sich im Laden auf ein Getränk und bauten zu bestimmten Themen mit Lego. "Das finden die Leute mega cool." Pascal Schafflützel zwinkert. Das unterscheidet seinen Laden auch von den großen Spielwarenläden. Diese verkaufen nur Legosets in Schachteln, ohne spezialisierte Beratung. Online könne man die Sets auch kaufen, billiger als im "Gallusbrick". "Da habe ich gar keine Chance! Deshalb sind die Sets nur im Laden und nicht online erhältlich. Aber hier können die Leute auch mit etwas Kaputtem vorbeikommen, und ich kann dann weiterhelfen, weil ich vielleicht Ersatzteile habe." Im Laden, den es seit Oktober 2019 gibt, sind etwa 200 verschiedene Boxen mit den Sets verteilt. Besucht man seine Website, kann man momentan rund 45 000 unterschiedliche Einzelteile und Sammelfiguren bestellen. Laufkundschaft gibt es wenig. "Ich habe hier die ganze Bandbreite von Kundinnen und Kunden, das fängt bei Zweijährigen an und hört mit 70- oder 80-Jährigen auf. Vor zwanzig Jahren wurden Erwachsene, die mit Lego gebaut haben, zum Teil ein bisschen schräg angeschaut, aber mittlerweile hat sich das etabliert. Einfach das Offline-Schalten - du sitzt da und machst etwas für dich. Deshalb hat Lego heute so immer noch seinen Stellenwert. Ja, Lego hilft, den Kopf abzuschalten."
Aber auch beim Kochen kann der Brillenträger das. "Beim Kochen ist immer alles aktiv, du hast die Nase, mit der du riechst, du hast den Mund, mit dem du abschmeckst, du siehst die Farben und hörst die Geräusche", erklärt Schafflützel. "Nach mehrmaligem Schnuppern wusste ich, dass ich Koch werden wollte. Es ist nach wie vor einer meiner Traumberufe." Pascal Schafflützel hat an vielen Orten gearbeitet. Das Kreative am Kochen gefällt ihm ganz besonders. "Es ist ein super Gefühl, wenn man in der Mensa 250 Essen rausgelassen hat. Es gibt so viele Dinge, die einem Spaß machen können", sagt der legobauende Koch zu seinen zwei Berufen. "Es ist schon ein langer Tag, aber ich habe jahrelang von diesem Legoladen geträumt, und ich bin immer noch froh, dass ich es gemacht habe." Denn wenn er 50 sei, wolle er nicht zurückschauen und bereuen, dass er es nicht gemacht habe.