"Tante. M" ist reduziert

Unverpackt-Kunden greifen selbst zur Zange

 

Im Eingangsbereich des "Tante.M"-Ladens in Sillenbuch, einem Vorort von Stuttgart, duftet es nach würzigem Kaffee und selbst gemachten Nussecken. Zwei junge Mütter sitzen auf den unterschiedlich bezogenen Hockern und unterhalten sich. Die 47-jährige Besitzerin Maarit Schneider-Penna erklärt derweil einer älteren Dame, wie die Müslispender funktionieren. Die Kundin entscheidet sich für einen Klassiker - Haferflocken. Der Unverpacktladen wurde im Juli 2019 eröffnet. Maarit Schneider-Penna hatte die Idee bereits drei Jahre zuvor, nachdem sie über so einen Laden in Kiel gelesen hatte. Nach dem Lehramtsstudium mit den Fächern Englisch und Sport arbeitete sie mehrere Jahre im Sportamt der Stadt Stuttgart. Sie entwickelte Bewegungsprogramme für Kinder, bevor sie beschloss, ihre sichere Stelle aufzugeben, um ihren Traum zu verwirklichen. Ihr Mann, der Unternehmer im Veranstaltungsmanagement ist, und ihre drei Kinder haben sie unterstützt. Ihr Mann arbeitete viel im Homeoffice. Inzwischen hat Maarit Schneider-Penna eine fest angestellte Mitarbeiterin und vier Minijobber, die ihre Lebenseinstellung und den Traum vom plastikfreien Planeten mit ihr teilen. Besucht wird "Tante.M" oft von jüngeren Leuten, darunter viele Veganer. Aber auch Familien und ältere Leute aus der Umgebung kommen regelmäßig, sagt die Besitzerin. Die meisten tragen Jeans und Outdoor-Oberteil und kommen mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Eigene Behälter dürfen mitgebracht werden. Spontane Kunden können gereinigte Gläser oder Schalen von anderen Kunden mitnehmen. Dabei gibt es vieles zu beachten. "Wer etwas abfüllen will, muss erst einmal seinen Behälter wiegen." Das Gewicht müssen die Kunden auf einen kleinen Aufkleber schreiben und diesen aufkleben. Beim Bezahlen wird das Gewicht des Behälters abgezogen. Aufgrund der hygienischen Regeln müssen die Zangen oder Löffel nach dem Benützen in die Schale mit der Aufschrift "gebraucht" gelegt werden.

 

Haferflocken stehen ganz oben auf der Beliebtheitsskala, genauso gut gehen Nudeln oder Reis. "Grundnahrungsmittel braucht halt jeder, aber auch Süßigkeiten laufen immer." In Glasbehältern sind die kleinen Köstlichkeiten gut sichtbar und locken viele an. Auch Seifen und Gewürze verkaufen sich gut. Der aromatische Geruch von Anis und Zimt liegt angenehm über dem kleinen Verkaufsraum. Die Unternehmerin achtet bei der Anlieferung stets auf möglichst wenig Plastik- und Verpackungsmüll. Dadurch hat sie bei jeder Abholung jeweils nur einen Gelben Sack. "Altpapier habe ich aber doch relativ viel, da bin ich noch nicht so zufrieden." Aufgrund der Hygienevorschriften sind manche Kartons zusätzlich in Folie eingewickelt. Einige Produkte werden aber schon in Pfandeimern geliefert. Die Inhaberin bevorzugt regionale Lieferanten. So kommen viele Produkte von der nahen Schwäbischen Alb. Cashewkerne und Mandeln müssen dagegen von weit her, zum Beispiel aus Burkina Faso oder Italien, geliefert werden.

 

Preislich liegen die Waren etwa wie bei anderen Bioläden. Oft werden Produkte, zum Beispiel Seifen und Cremes, in einer Stuttgarter Manufaktur von Hand gefertigt. Im Café treffen sich Stammkunden auf einen Plausch. Die Nussecken oder Cupcakes werden von der Inhaberin mit Liebe selbst gebacken. Neuerdings bietet sie auch Sandwiches und Suppen an. Wer Lust auf ein Müsli hat, kann sich eine Schale nehmen und Cerealien einfüllen. Milch und Joghurt stehen zur Auswahl, manchmal auch Obst. Während der Corona-Krise kam es nicht zu Hamsterkäufen. "Die Kunden fragen bei mir um Erlaubnis, ob es in Ordnung ist, wenn sie noch eine Rolle Klopapier mehr mitnehmen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2021, Nr. 200, S. 30 - Charlotte Sulk, Evangelisches Heidehofgymnasium, Stuttgart

zurück