Vier Punkte rasen auf den Boden

40 Sekunden später und 2000 Meter tiefer wird die Reißleine gezogen: Die Landung ist das Gefährlichste am Skydiving.


Die Nachmittagssonne scheint auf die kleine Feldstraße außerhalb Fehraltorfs im Kanton Zürich. Auf der einen Seite befindet sich der Hangar für die verschiedenen Propellerflugzeuge und Segelflugzeuge. Ein Flieger mit nach oben geklappten Flügeln wird von zwei Piloten herausgezogen. Auf der anderen Seite der Flugplatz. Mehrere Kleinflugzeuge lassen ihre Motoren brummen, andere stehen still auf dem Rollfeld. Im Minutentakt dreht ein Flieger die Propeller voll auf, donnert die Rollbahn herunter und hebt ab. Unmittelbar darauf hört man ein Getöse vom Himmel, und eine andere Propellermaschine landet auf der Graspiste. Der Kontrollturm erhebt sich hoch in der Mitte des Flugplatzes und erlaubt den Überblick über das ganze Flugfeld. Die Landebahn ist mit Gras überwachsen und nicht länger als ein paar Hundert Meter. Nebenan befindet sich ein Restaurant mit vielen Gästen aus der Umgebung. Ganz hinten in einer Ecke, leicht zu übersehen, steht die kleine Holzhütte von Skydive Zürich. Von Weitem sieht sie aus, als wenn sie einem Schrebergarten entflohen wäre.

 

Das kleine Holzhaus befindet sich neben einer großen Wiese, einem Landeplatz für Fallschirmspringer. Unter dem Vordach sind ein paar Sofas zu sehen. Popmusik läuft im Hintergrund. Die Menschen schwatzen und lachen miteinander, den Blick aber immer auf die Wiese gerichtet. Nebenan steht ein Wagen, vollgestopft mit der Ausrüstung für die Sprünge. Ein paar Springer falten ihre Fallschirme neu zusammen. Plötzlich ein Funkspruch von der Zentrale, alle richten ihren Blick in den Himmel. Man sieht, wie in großer Höhe ein Flugzeug vorbeifliegt und vier kleine Punkte mit zunehmender Geschwindigkeit auf den Boden zurasen. Eine gute halbe Minute später gehen nacheinander vier Fallschirme auf, die auf Distanz fast wie Spielzeugschirme wirken. Die Fallschirmspringer kreisen über dem Flugplatz. Immer tiefer. Schließlich kommt der Landeanflug. Sie steuern auf die Wiese zu. Der eine kann in der letzten Sekunde stark bremsen und landet auf den Füßen, der andere kommt zu schnell im Anflug und rutscht ein paar Meter auf dem nassen Gras weiter. Sie stehen auf und sprechen über den Sprung. Die nächsten Springer machen sich bereit, um nur wenige Minuten später in das Flugzeug zu steigen, das sich nun gerade im Landeanflug befindet. So sieht der normale Ablauf an einem gewöhnlichen Springnachmittag aus.

 

Roger Leuthold kennt dieses Leben. Fallschirmspringen macht er schon lange. Er ist Betriebsleiter von Skydive Zürich. "In der Schweiz gibt es rund 20 Sprungplätze, sogenannte drop zones, und eine davon sind wir." Der kleine Flugplatz Speck liegt im Zürcher Oberland, eingebettet zwischen Pfäffikon am Pfäffikersee und Fehraltorf. Der Ort ist beliebt unter Hobbypiloten und eben auch Fallschirmspringern, sowohl regelmäßigen Springern als auch Sprunggästen. "Skydive Zürich ist ein Verein mit mehr als 80 Mitgliedern", sagt Leuthold, und alles wird ehrenamtlich organisiert. Der Verein ist zwar eigenständig, aber er ist im offiziellen Verband von Swiss Skydive, der die gesetzlichen Vorschriften vorgibt und auch die Sicherheitsvorkehrungen kontrolliert.

 

Es gibt auch Tandemflüge. Ein Laie kann so mit einem Sprungmeister zusammen aus einer Höhe von 3000 Metern aus einem Flugzeug springen. Viele machen es wegen des Nervenkitzels und des Adrenalinkicks, andere aber auch aus reiner Neugier. Skydiving gilt als Extremsportart, denn neben der psychischen Anspannung sind die körperlichen Belastungen - beim Ausstieg aus dem Flugzeug und am Fallschirm - nicht zu unterschätzen und treiben einem rasch den Puls in die Höhe.

 

Zuerst ist da der Moment beim Einsteigen in den Flieger, wenn ich weiß, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Die modifizierte Cessna 182 hat nur einen Sitz für den Piloten. Die maximal vier Fallschirmspringer sitzen hinter und neben dem Piloten am Boden. Zur Sicherheit schnallt man sich mit Haken am Boden fest. Dank des massiv verstärkten Motors dauert der Flug auf drei Kilometer Höhe nur 15 Minuten. Mittels vier Karabinerhaken wird der Laie am Bauch des Sprungmeisters fixiert. Sobald die Sprunghöhe erreicht ist, wird die Türe aufgemacht, und der Blick öffnet sich nach unten in die Tiefe. Mit einer klar vorgegebenen, komplizierten Abfolge von Schritten und Griffen muss der Fluggast als Erster aus dem Flieger klettern und sich beim Flügel festhalten. Mit dem starken Wind, dem Lärm der Propeller und in der eigenen Nervosität ist das gar nicht so einfach. Und dann loslassen! Vierzig Sekunden später und zweitausend Meter tiefer wird die Fallschirmleine gezogen, ein kurzer Ruck, und man gleitet sanft auf die Erdoberfläche zu.

 

Die Sicherheit ist immer die große Diskussion bei einer solchen Extremsportart. Aber Sicherheit ist für Leuthold kein Thema. "Ich springe nächstes Jahr schon seit 20 Jahren." Unfälle passieren selten. Die Sicherheit ist durch den Verband Swiss Skydive amtlich organisiert. Zum Beispiel dürfen die Notfallschirme nur von wenigen Spezialisten in der Schweiz gefaltet und verpackt werden. Wenn bei einem Sprung etwas schiefläuft und der Hauptfallschirm nicht aufgeht, wird der Notfallschirm ausgelöst, ab einer gewissen Höhe sogar automatisch. Danach muss der Notfallschirm an den Experten geschickt und neu verpackt werden. Das Gefährlichste am Fallschirmspringen ist die Landung. Man kann sich da schnell seinen Fuß verknacksen oder einige blaue Flecken holen. Um diese Gefahr zu minimieren, landet man als Tandempaar auf dem Hintern und rutscht auf dem Gras bis zum Stillstand.

 

Da beim Fallschirmspringen ein Flugzeug benötigt wird, sind Reklamationen keine Seltenheit. Skydiving steht im Spannungsfeld zwischen privatem Vergnügen und öffentlichen Bedürfnissen. "Wir haben schon Reklamationen von Einwohnern bekommen, wegen des Fluglärms, der Regelmäßigkeit und Frequenz. Ich finde, dass leider im heutigen Zeitalter gewisse Sachen nicht mehr so toleriert werden. Wir nehmen diese Anforderungen aber ernst und haben in den letzten paar Jahren sehr viel Geld investiert in bessere Schalldämpfer und leisere und stärkere Motoren." Die CO2-Emissionen sind auch ein weiteres Problem. "Die zukünftige Technologie wird kommen mit Elektroflugzeugen - aber das geht noch eine Weile. Bis dahin braucht man beim Fallschirmspringen leider ein CO2 ausstoßendes Flugzeug."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2021, Nr. 248, S. 30 - Matthias Moser, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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