Sein bester Lehrer war die Bühne selbst: Ilker Arcayürek hat sich ohne ein klassisches Musikstudium in der Opernwelt etabliert.
Ich wollte zuerst gar nicht singen", erklärt Ilker Arcayürek während einer Probepause für die Matthäuspassion in Barcelona im Videogespräch. Der 36-jährige Opernsänger mit schwarz gelocktem Haar kam im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie nach Wien, zuvor lebte er in Istanbul. "Natürlich ist es anfangs schwierig, wenn man die Sprache nicht versteht. Ich habe die Sprache allerdings relativ schnell gelernt, übers Fernsehen oder andere Medien, aber auch mit Büchern. In der Schule hatte ich auch bald sehr gute Noten. Man kann also sagen, dass die Sprache das wichtigste Medium ist, sich in einer Gesellschaft zu integrieren, was mir dann auch sehr gut gelungen ist", sagt Arcayürek. "Im Alter von neun bin ich dann zu den Mozart-Sängerknaben gekommen, wo ich als Solist die Liebe zum Gesang sozusagen auf den zweiten Blick kennengelernt habe. Es hat mich damals fasziniert, mit Gleichaltrigen zu spielen und zu singen."
Erste Erfahrungen mit Auftritten machte er, als bei einer Tournee nach Japan der Stimmbruch des eingeplanten Solisten einsetzte. "Ich habe das Ganze dann auf einer Zugfahrt schnell einstudiert", erinnert sich Arcayürek. Er übernahm dabei die Rolle der Konstanze in einem Singspiel von Mozart. Hier zeigte sich bereits sein Talent, Inhalte schnell einstudieren zu können, was im Opernbereich natürlich essenziell ist. Bald darauf folgten weitere Auftritte an der Wiener Volksoper, wo die Zauberflöte aufgeführt wurde. Hierbei sang er die Rollen des ersten und zweiten Knaben. "Ich habe dort erstmals meine zukünftigen Idole wie Placido Domingo oder Agnes Baltsa kennengelernt. Da wurde mir klar, dass ich so etwas später auch einmal machen möchte, ich habe sozusagen Blut geleckt", betont Arcayürek. "Ich hatte damals eine sehr hohe Sopranstimme. Normalerweise mutieren genau diese zu tiefen Bässen, also habe ich mir eingeredet, dass ich trotzdem Tenor werde. Irgendwie hat das dann auch geklappt."
Der Chorgesang gefiel ihm so gut, dass er bis zum Alter von 25 Jahren in verschiedenen Chören aktiv war. Dadurch habe er ein Gefühl für Harmonien ausgebildet und die Fähigkeit, sich dem Gesamtklang unterzuordnen. "Viele Dirigenten verlangen genau das, für mich ist das aufgrund meiner Chorerfahrung ein großer Vorteil gegenüber einem klassischen Solisten." Daneben erwarb er sich ein großes Opernrepertoire, beispielsweise Ferrando aus der Oper Cosi fan tutte, Tamino aus der Zauberflöte bis hin zu Lensky aus Eugen Onegin, Nemorino aus L'elisir d'amore und Rodolfo aus La Boheme.
Der Weg, den Arcayürek bis in den professionellen Bereich gegangen ist, ist allerdings unkonventionell, da er nie eine Musikhochschule besucht hat. "Seit meinem 16. Lebensjahr bin ich auf mich selbst gestellt und musste auch mein Geld selbst verdienen." Er habe sich den privaten Gesangsunterricht selbst finanziert, sobald ihm dies möglich war. "Ich arbeitete zuerst neben der Schule in einer Bäckerei, bis ich die Schule kurz vor meinem Abitur abbrechen musste. Ich konnte also auf Vollzeit wechseln und nahm sogar Nachtschichten an, um nachmittags dann singen zu können." Später arbeitete er in einem Callcenter.
Folglich lernte Arcayürek gewisse Inhalte eines klassischen Musikstudiums nicht. "Ich hatte dementsprechend nie Rhetorikunterricht oder Musikwissenschaftsunterricht und dergleichen, was mir natürlich fehlt. Mein bester Lehrer war die Bühne selbst." Im Jahr 2009 nahm der Sänger beim Wettbewerb für Wiener Lied und Operette in Baden bei Wien teil und landete unter den Top 5 der Teilnehmer, wofür es zwar keinen Preis gab, aber eine Einladung für ein Vorsingen beim Opernstudio am Opernhaus Zürich. Das kann als der Startpunkt seiner Karriere bezeichnet werden. Denn so erhielt er ab 2010 eine Mitgliedschaft am Opernstudio der Oper Zürich, ab 2013 eine Festanstellung am Stadttheater Klagenfurt, und von 2015 bis 2018 war er Ensemblemitglied des Staatstheaters Nürnberg. Seitdem ist er freischaffender Künstler.
2016 gewann er beim internationalen Wettbewerb für Liedkunst der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie den ersten Preis. "Sicherlich war dieser Wettbewerb auch ein großer Türöffner in meiner Karriere, da ich infolgedessen zahlreiche Einladungen von Agenturen und Konzertveranstaltern erhielt." Unmittelbar darauf bekam er Anfragen aus Barcelona und Vancouver. Außerdem war der Tenor Finalist des BBC-Cardiff-Singer-of-the-World-Wettbewerbs.
Infolge seiner zahlreichen Engagements und Auftritte kam er viel in der Welt herum. Er bereiste die Vereinigten Staaten, Japan und Europa. "Man versucht natürlich immer das Beste aus jedem Land mitzunehmen und dabei verschiedene Kulturen kennenzulernen. Jede Reise hat ihren besonderen Reiz, bei längeren Engagements kommt man vielleicht auch dazu, ein wenig Sightseeing zu betreiben." Außerdem seien langfristige Freundschaften entstanden, da man bei den Reisen immer viele neue Menschen kennenlerne. Dies sei besonders wichtig, weil gute Kollegen einen gewissen Familienersatz darstellen, gerade wenn man auf Konzertreisen in seinen Hotels oft allein ist.
Besonders gerne singt Arcayürek Kunstlieder in Form eines Liederabends, da er in die Welt der Lyrik eintauchen und sich musikalisch besonders gut ausdrücken kann. "Wenn ich Kunstlieder singe, wähle ich diese so aus, dass sie einen persönlichen Bezug zu mir und meiner Geschichte haben. Jedes dieser Lieder hat eine Botschaft und eine Aussage, welche ich für mich zu entdecken und auf mein Leben umzumünzen versuche. Wenn es persönlich wird, ist man selbst von dieser Musik berührt und kann somit auch andere emotional berühren." Es sei ihm besonders wichtig, bei Auftritten seinen Emotionen freien Lauf zu lassen, was bei dieser Liedform am besten möglich sei. "Die Körpersprache und Mimik wird international verstanden, dafür muss man keinen Text verstehen. Ich versuche das also so gut wie möglich herüberzubringen."
Die Corona-Krise stellt für den freischaffenden Künstler, der seit 2018 mit Frau und Tochter in Zürich lebt, eine neue Situation dar. Trotz der Absagen sämtlicher Projekte kam er finanziell verhältnismäßig gut weg, da er durch Einzahlungen im Vorjahr an die Schweizer Künstlerversicherung Entschädigungen erhielt, die zumindest einen Teil seiner vorher üblichen Einnahmen abdeckten. "Vielen Kollegen in Österreich oder Deutschland erging es leider viel schlechter, ein Freund von mir musste sogar seine Wohnung verkaufen, um davon leben zu können." Er selbst habe zusätzlich das Glück, dass seine Frau Geld verdiene, ohne das er wohl auch in Schwierigkeiten geraten wäre. "In einem festen Engagement erhält man bei Krankheitsfällen sein volles Gehalt, als freischaffender Künstler muss man natürlich den Schaden tragen, wenn man dann doch kurzfristig ausfällt. Dennoch ist für mich der Vorteil, dass man sich seine Auftritte selber aussuchen kann, sofern man genügend Anfragen erhält, und man sich auch selber einteilen kann, wie viel man arbeitet. Für mich ist das natürlich gut, da ich auch mal mehr Zeit mit meiner Familie verbringen kann", betont Arcayürek. Er zieht ein festes Engagement in Zukunft dennoch in Erwägung, sofern das Angebot für ihn passt.