Von Ufer zu Ufer

Mit der Autofähre über den Zürichsee

 

Keine Wolke ist über dem See zu sehen. Das Wasser plätschert leise, Autos stehen in Kolonnen hintereinander aufgereiht und warten an der Anlegestelle. Es ist ein großer asphaltierter Platz mit aufgemalten Reihen. Es gibt welche für Autos, für Lastwagen und Busse. Am Rande hat es Bänke und einen Kiosk mit Fahrradständer. Das, auf das sie warten, kommt mit hoher Geschwindigkeit und Bugwelle auf das Ufer zu: die Fähre Meilen-Horgen. Sie verbindet die beiden Ufer des Zürichsees und ist eine zentrale Verkehrsverbindung in der Region. Jedes Jahr nutzen sie mehr als 1,2 Millionen Autos. Pünktlich nach Fahrplan erreicht das Transportschiff, das den Namen Zürichsee trägt, die Anlegestelle. Das Manöver dauert wenige Augenblicke, ein Mitarbeiter legt ein dickes Stahlseil um einen Poller und lässt sogleich die Stahlrampe herunter, damit die Autos auf das Schiff fahren können.

 

Zunächst verlassen die Autos, die von der anderen Seite des Seeufers kommen, die Fähre, die bis zu 40 Pkw transportieren kann. Bevor die wartenden Autos drauffahren können, haben Fußgänger und Fahrradfahrer den Vortritt. Auf der Fähre steht der Maschinist und weist den Autos ihre Plätze zu, sodass das Schiff nicht ins Ungleichgewicht kommt. Ein Kassierer verkauft die Tickets, die einfache Überfahrt für ein Auto kostet umgerechnet knapp 9 Euro.

 

Ganz oben in der Schiffsführerkabine sitzt Andreas Schön. Der 52-Jährige lebt mit seiner Frau und seinen vier Töchtern in Wädenswil. Stolz steuert er in seiner Uniform mit zwei Joysticks das Schiff. Seit 20 Jahren ist der aus Bayern stammende gelernte Schreiner schon dabei, seit eineinhalb Jahren arbeitet er als Schiffsführer. "Am Anfang fängt man als Kassier an. Später hat man die Möglichkeit, sich weiterzubilden und Maschinist zu werden. Dies war ich auch 13 Jahre lang und hatte das Glück, Schiffsführer zu werden. Dafür musste ich selbstverständlich auch eine Weiterbildung und Prüfungen machen", sagt Andreas Schön. "Früher hatte jede Fähre einen anderen Motor, und man musste für jeden Typ eine Prüfung absolvieren. Jetzt sind alle Motoren bei jedem Schiff gleich." Eine Fähre hat zwei Motoren à 550 PS, vorne und hinten einen. In der Kabine tönt jede knappe Minute ein penetranter Beep-Ton. Daraufhin muss Schön einen roten Knopf drücken. Dies dient zur Sicherheit: Man vergewissert sich, dass der Schiffsführer noch da ist. Würde er in Ohnmacht fallen und den Knopf nicht drücken können, würde sofort ein Alarm ausgelöst. So schnell wie möglich müsste jemand kommen, um das Schiff zu stoppen, damit es nicht ins Ufer reinfährt. "Zum Glück ist dies noch nie geschehen. Große Unfälle gab es noch nie bei der Fähre, höchstens Kleinigkeiten, wenn zum Beispiel die Motoren nicht vom Steuerstand in Betrieb genommen werden konnten." Denkbar ungünstigere Fälle wären, wenn die Hauptsteuerung ausfallen würde, doch es gibt eine Notsteuerung. Auch missliche Fälle wären: der Ausfall eines Motors, da es mit einem Antrieb sehr heikel ist anzudocken, oder ein Ausfall des kompletten Navigationssystems. "Je nach Fähre kann unterschiedlich viel beladen werden. Die Zürichsee, die ich gerade fahre, kann bis zu 120 Tonnen tragen. Sie selbst wiegt circa 290 Tonnen. Die größte Fähre ist die neue Meilen mit dem Maximalgewicht von 530 Tonnen, davon 150 Tonnen Zuladung."

 

Der Zürichsee ist einer der wenigen Seen in der Schweiz, der eine Fähre hat. Um auf die andere Seite des Sees zu kommen, kann man entweder über Zürich den halben See umfahren oder zwischen Rapperswil und Pfäffikon die Brücke nehmen. Beides dauert je nach Verkehrsaufkommen etwa 45 Minuten. Die Überfahrt dauert, je nach Verkehr auf dem See, zehn bis 15 Minuten. Das ist schneller und umweltfreundlicher. Die Fähre ist zwar ein öffentliches Verkehrsmittel, ist aber in Privatbesitz und finanziert sich selbst. Zehn Minuten sind vergangen, seitdem die Zürichsee losgefahren ist. Andreas Schön bremst langsam von 20 auf vier Stundenkilometer und nähert sich vorsichtig dem Ufer. "Stell dir vor, du würdest mit 20 auf das Ufer zufahren, du würdest die ganze Betonplattform wie einen Teig aufrollen." Unten bindet der Maschinist das Schiff fest und lässt die Rampe runter. Als Erste verlassen Fußgänger und Radler das Deck. Schön wechselt die Schiffsführerkabine. Auf beiden Seiten befindet sich eine, denn es ist fast unmöglich, rückwärts einzuparken. Dort übernimmt er das Steuer und wartet auf Rückmeldungen. So geht es hin und her. Bei der Fahrt nach Horgen mit der Aussicht auf die Alpenkette.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.01.2022, Nr. 25, S. 26 - Marie Alich, Kantonsschule Uetikon am See

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