Ein Captain über Christmas Drop für Mikronesien
Was mich wirklich berührt hat, war, als mir gesagt wurde, dass die Kinder auf diesen Inseln nicht glauben, dass der Weihnachtsmann einen magischen Schlitten fährt, sondern eine C-130", sagt Dan Mumford aus Cocoa Beach, Florida, Pilot der United States Air Force. "Sie sehen unser Flugzeug und glauben, dass sie den Weihnachtsmann vor sich haben." Die Rede ist von der ältesten humanitären Lufttransportaktion des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums und der US Air Force, der sogenannten Operation Christmas Drop (OCD). Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, von der Außenwelt abgeschnittene Inselbewohner in Mikronesien, eines aus vielen Inseln bestehenden Inselstaates im Pazifik, mit lebenswichtigen Gütern zu versorgen. Denn diese Inseln liegen so abgelegen, dass sie höchstens alle vier bis fünf Monate ein Schiff mit Hilfsgütern erreicht, und sind so klein, dass auf ihnen kaum Landwirtschaft betrieben werden kann.
Ihren Anfang nahm diese mittlerweile Tradition gewordene Operation in der Weihnachtszeit des Jahres 1952, als die Besatzung eines B-29-Superfortress-Langstreckenbombers beobachtete, wie Bewohner der Insel Kapingamarangi, 3500 Meilen südwestlich von Hawaii, ihnen zuwinkten. In der der Vorweihnachtszeit eigenen weihnachtlichen Stimmung, die die Crew "im Himmel" erfasste, warf diese ein an einem Fallschirm befestigtes Bündel mit Hilfsgütern über der Insel ab, was der Aktion ihren Namen verlieh. Seither wird diese Operation, bei der es sich mittlerweile um eine offizielle Aktion der US-Luftwaffe handelt und die auch aus dem Bundeshaushalt des Verteidigungsministeriums finanziert wird, jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit durchgeführt. Neben Kapingamarangi werden mehr als 50 Inseln im Pazifik von den Vereinigten Staaten mit ihren regional Verbündeten wie Japan, Australien und seit Kurzem auch Neuseeland aus der Luft beschenkt und versorgt.
Captain Dan Mumford, der seit Abschluss seiner universitären Ausbildung an der University of Florida im Jahr 2016 als Pilot der US-Luftwaffe in Yokota Air Base, Japan, stationiert ist, ist seit einigen Jahren an der Aktion beteiligt. Für ihn gehören diese Christmas-Drop-Einsätze zu seinem Job, der viele verschiedene Hilfs- und Katastropheneinsätze umfasst. Das Besondere sei für ihn die Tradition, der "Weihnachtsabwurf" jährt sich nächstes Jahr zum 70. Mal.
Die Hilfsaktion beschränkt sich selbstverständlich nicht nur auf den Abwurf, sondern bedarf vieler freiwilliger Helfer, die Monate vor dem Fest beginnen, Spenden zu sammeln, indem sie Spendenboxen im ganzen Land aufstellen und Gelder bei lokalen Unternehmen und Bürgern sammeln. "Die örtlichen Gemeinden sind unglaublich hilfsbereit", erzählt Captain Mumford. "Ohne ihre Unterstützung hätten wir gar nicht die Hilfsgüter zum Abwerfen. Lokale Unternehmen spenden tonnenweise Lebensmittel und Hardware. Familien opfern ihre Zeit, um die Kisten zu bauen und zu packen, bevor sie in die Flugzeuge verladen werden." Neben lebenswichtigen und praktischen Gütern wie Medizin, haltbaren Nahrungsmitteln, Angelschnüren, Moskitonetzen, Lampen, Schulutensilien und Kleidung versuchen die Helfer der OCD auch ein wenig Weihnachtsstimmung in die Päckchen zu bringen, indem Spielsachen und Süßigkeiten für die Kinder eingepackt werden.
"Bis 2021 haben wir über 25 000 Kilo lebenswichtige Hilfsgüter auf 56 mikronesischen Inseln abgeworfen und damit rund 20 000 Menschen erreicht", berichtet Captain Mumford stolz. Und die Reichweite der Aktion dehnt sich jedes Jahr auf mehr Inseln aus, weil mit zunehmender Erfahrung die Fähigkeiten verfeinert wurden und sich immer neue Verbündete den Bemühungen der US Air Force anschließen. Allerdings, und hierauf legt Captain Mumford Wert, wird nur an Inseln geliefert, die sich an der Mission beteiligen möchten.
Die Kommunikation mit den Inselbewohnern ist schwierig. Denn auf den Inseln gibt es keine Telefone. "In den ersten Jahrzehnten der Operation warfen wir die Vorräte ab, ohne uns mit den Inseln abzusprechen, sodass die einzige Warnung, die die Menschen erhielten, das Geräusch unserer Flugzeuge war. Das war ein aufregendes Geräusch für sie. Sie ließen ihre Werkzeuge fallen, rannten zum Strand und winkten den Flugzeugen zu, wenn die Kisten fielen. Aber wir wollten es besser machen", sagt Captain Mumford. Vor rund 35 Jahren wurde daher ein System von Amateurfunkgeräten eingerichtet, um die Kommunikation mit den Chefs zu erleichtern, von denen doch wenigstens einige dank weniger Besucher der Inseln zumindest in Ansätzen der englischen Sprache mächtig sind.
Die Kommunikation über Amateurfunkgeräte stellt bis heute die einzige Möglichkeit dar, die Inseldörfer zu erreichen. Für die Menschen auf den Inseln, die zu Weihnachten durch OCD die größten Hilfslieferungen des Jahres erhalten, ist es der wichtigste Tag des Jahres. Und so ist es auch für den Captain erst so richtig Weihnachten, wenn er über die Inseln fliegt.