Nach Feierabend in Dubai oder Seattle: Robert aus Bochum wird Schiffsmechaniker
Eine Ausbildung auf den Weltmeeren und nach Feierabend in den unterschiedlichsten Städten an Land gehen, das ist Realität für Robert Cornelsen. Nachdem der Bochumer sein Abitur bestanden hatte, entschied er sich für eine Ausbildung zum Schiffsmechaniker. "Mich hat schon immer das Thema Schifffahrt gereizt; es ist schwer zu erklären, warum. Aber da ist eine Grundfaszination da." Die dreijährige Ausbildung bei der deutschen Reederei Hapag-Lloyd bietet viel Abwechslung. Während der dreimonatigen Schulblöcke im niedersächsischen Elsfleth belegt der 20-Jährige die Fächer Deutsch und Englisch, der Fokus liegt aber auf dem nautischen und technischen Unterricht. Die Rettung mithilfe von Rettungsinseln und -booten wird trainiert. Zudem gibt es Brandabwehrunterricht. Dabei wird in Brandcontainern eine Rauchentwicklung simuliert, und die Auszubildenden lernen das Arbeiten mit einer Atemschutzmaske. "Auch wenn ein tatsächlicher Ernstfall wahrscheinlich immer noch ganz anders aussieht als die Übung, hat man dann zumindest Routine in dem, was man tut, und die Handgriffe sind gefestigt", erklärt Robert. "Außerdem stärken diese Übungen die Teamarbeit."
Teamarbeit ist auch an Bord gefragt. Oft ist man während der sogenannten Seefahrtszeit bis zu vier Monate am Stück unterwegs. Dabei sehe man wenig Leute, aber es baue sich schnell eine gute Gemeinschaft der Crew auf. "Wo man eigentlich denken würde, dass man sich nach zwei Monaten tierisch satthat, kommt man trotzdem gut miteinander klar. Man arbeitet miteinander und verbringt die Freizeit miteinander. Das muss nicht in jedem Fall gut funktionieren, aber zurzeit zeigt die Praxis wieder, dass es sehr gut funktionieren kann und dann auch sehr viel Spaß macht." Von den 24 Besatzungsmitgliedern sind die Auszubildenden die jüngsten, manche sind nur ein paar Jahre älter, andere wiederum 65 Jahre alt. Ein Großteil sind Filipinos.
Die Mannschaft wird jede Reise neu zusammengestellt, manchmal trifft Robert unverhofft Matrosen und Stewards vorheriger gemeinsamer Überfahrten wieder. Abends grillt die Crew häufig an Deck. "Nach dem Grillen sagen manche, wenn sie auf die Kammer gehen, sie gehen jetzt nach Hause. Das fühlt sich für mich nicht ganz richtig an. Obwohl ich es hier sehr schön finde, bleibt Deutschland für mich 'zu Hause'." In einem alten Schlager heißt es: Seemann, deine Heimat ist das Meer. Doch der Seemannslehrling sieht das anders: "Ich würde sogar so weit gehen und sagen, das Meer soll gar nicht zur Heimat werden. Dazu fehlen einfach die Familie und die Leute, die man eben nicht erreichen kann." Auf See gibt es oft nur schwaches Internet. Zum Ausgleich kann er seinen Urlaub in Deutschland verbringen.
Auch Weihnachten verbringt Robert am liebsten in der Heimat, doch direkt seine erste Fahrt fand über die Feiertage statt. Das Schiff war weihnachtlich geschmückt mit einem hohen Tannenbaum und Dekoration im Wohnbereich. Die zwölf Auszubildenden waren verantwortlich für das Krippenspiel. Es war schwer, passende Requisiten an Bord zu finden, sodass die Heiligen Drei Könige letztendlich in einem Einhornkostüm angeritten kamen, das Einzige, was schnell aufzutreiben war. "Das hat für Lacher im Publikum gesorgt, aber wir haben trotzdem versucht, es ernst zu nehmen." Später wurde gewichtelt, und jeder bekam ein kleines Geschenk. Für das Festessen hat sich der Koch viel Mühe gegeben: Es gab ein internationales Buffet mit riesigen Nachtischen. Gegessen wurde in der Offiziersmesse, die nur für besondere Anlässe genutzt wird. Das Fest hat den Teamgeist gestärkt. "Es war eine tolle Atmosphäre und sehr lustig. Es war ganz anders als Weihnachten mit der Familie, aber eine besondere Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte."
An der Ausbildung hat Robert besonders gereizt, dass sie international ist und die Möglichkeit bietet, die Welt zu entdecken. So kann er nach Feierabend vom Schiff steigen und steht in Miami Beach, Dubai, New York oder Kolumbien. Er bedauert, dass sie pandemiebedingt im letzten Jahr kaum an Land gehen durften. So ist er viel rumgekommen, hat aber viele Häfen nur vom Schiff aus gesehen. Kürzlich war er in Seattle und wartete auf sein Schiff, um eine neue Fahrt anzutreten, doch das Schiff hatte einige Tage Verspätung, sodass er Seattle erkunden konnte.
In seinem Arbeitsalltag stehen unter anderem Leinenarbeit beim An- und Ablegen oder Instandhaltung von Maschinen auf der Tagesordnung. Die Auszubildenden übernehmen auch Maschinenraum- oder Brückenwachen. In einer Metallwerkstatt an Bord erlernen sie grundlegende Metallfähigkeiten wie feilen, sägen und bohren. Da Hapag-Lloyd die Ausbildung auf Containerschiffen anbietet, überwacht Robert auch den Ladevorgang am Hafen. Bei Fahrten in Landnähe, den sogenannten Manöverfahrten, wird ein Brückenbuch geführt, in dem die Positionen des Schiffs und die passierten Bojen festgehalten werden, zum Beispiel beim Anlaufen eines Hafens oder Passieren eines Kanals. Kürzlich flog bei geöffneter Brückentür im Panamakanal ein Papagei auf das Schiff und blieb einfach auf dem Kartentisch sitzen. "Es war kein Leichtes, den Papagei loszuwerden", erzählt Robert lachend.
Sonntags hat er frei. Dann soll er an einem Monatsbericht schreiben. Die Crew kann in einem Sportraum trainieren, obwohl Robert lieber am Bug bei weiter Aussicht Sport treibt. An Deck gibt es einen Pool, oder sie spielen Basketball. Bei stärkerem Seegang ist dies allerdings schwer, genau wie das Tippen auf einer Tastatur. Unwetter werden gezielt umfahren, um das Schiff keinen unnötigen Belastungen auszusetzen, Treibstoff zu sparen und den Fahrplan einzuhalten. Dennoch wankt man bei hohen, schweren Wellen, oder Gegenstände verselbständigen sich.
Auf langen Überfahrten mit unterschiedlichen Zeitzonen an Start und Ziel wird die Zeit täglich um eine Stunde umgestellt, damit man zur passenden Tages- und Uhrzeit ankommt. Die gut bezahlte Ausbildung bietet eine breit gefächerte Grundlage für eine maritime Zukunft. Robert möchte Nautik oder Schiffsbetriebstechnik studieren, um als Offizier an Deck oder in der Maschine arbeiten zu können. Andere entscheiden sich für Arbeit an Land, im Hafen oder als Lotse. "Meinen Lebensweg habe ich noch nicht durchgeplant. Ich weiß es zu schätzen, dass ich das erleben darf."