Zementsäcke im Palazzo

Ein Ofenbauer vom Zürichsee beherrscht alte Handwerkstechniken und restauriert historische Häuser. Die muss man spüren, sagt er und widmet sich dem 1670 erbauten Palazzo Comacio.

 

Im südlichsten Zipfel des Kantons Graubünden, dem Misox, liegt die Ortschaft Roveredo. Sie wird zerschnitten durch die Autobahn, eine Bausünde aus den 1960er-Jahren. Man merkt schnell, dass die goldenen Jahre des Ortes längst vorüber sind. Hinter dem trostlosen Ort wird es wieder ländlicher. Bald erscheint der Kirchturm von San Giulio, dieser Ortsteil scheint trotz der Bauwut der letzten Jahrzehnte unbeschadet geblieben zu sein. Die Gassen werden immer schmaler und verwinkelter. Wo immer man auch hinschaut, sind nur alte Häuser zu sehen. Die kleinen Gärten sind liebevoll gepflegt, und da ist sie endlich, die Idylle, wie man sie sich in einem Dorf südlich des Alpenhauptkamms vorstellt. Am südlichen Ortsrand erhebt sich, wie falsch dimensioniert, der Palazzo Comacio. Der Grundriss ist quadratisch, die Wände sind so zurückversetzt, dass an den Ecken jeweils vier Türme entstehen, bei denen sogar noch die originalen Schießscharten zu sehen sind. Einzig über dem Eingangstor verrät ein altes, verblasstes Fresco, dass es sich um ein bedeutendes Gebäude gehandelt haben muss. Sonst ist alles schlicht, das Dach aus geschiefertem Gneis. Und die Fenster im Erdgeschoss sind vergittert.

 

Das große Tor steht offen, und überall sind Baugeräte, Eimer voll Schutt, große Bottiche mit aufgeschlemmtem Kalk, Zementsäcke und Werkzeuge zu sehen. Die mächtige Gewölbedecke der Eingangshalle ist Ehrfurcht einflößend. Aus dem Nebenzimmer ist immer wieder ein Kratzen und dann ein dumpfes Platschen zu hören. Rolf Heusser ist gerade dabei, den Kamin der ehemaligen Küche des Palazzos wiederaufzubauen. Heusser, der in Stäfa am Zürichsee aufgewachsen ist, hat ein Faible für alte Gebäude entwickelt. Angefangen hat alles um die Jahrtausendwende im benachbarten Männedorf, als dort die Alte Schmitte, das älteste erhaltene Gebäude des Ortes, restauriert werden sollte. "Das Haus war in einem so maroden Zustand, dass ein Kaufinteressent nach dem anderen abgesprungen ist, und so konnte ich das alte Gebäude sehr günstig erstehen. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, den Zuschlag zu bekommen, aber es war auch eine Herausforderung, die Böden waren durchgefault, und man musste aufpassen, dass man nicht ein Stockwerk tiefer landet", erzählt er.

 

Gelernt hat Rolf Heusser den Beruf des Ofenbauers, dadurch kam er schon früh mit alten Handwerkstechniken und Materialien in Berührung. Als Ofenbauer kommt man zwangsläufig in die Situation, bei Restaurierungen mitzuarbeiten und dabei auch den Handwerkern anderer Gewerke auf die Finger schauen zu können. Allzu oft gefiel es ihm nicht, wie mit der alten Substanz umgegangen wurde, und so reifte die Entscheidung, ein Haus in Eigenregie restaurieren zu wollen, es selbst in die Hand zu nehmen und die Entscheidungen so zu treffen, wie sie stimmig für ihn sind. "Ich möchte die Authentizität wieder ins Haus zurückbringen, und das gelingt nur, wenn man sich in die damalige Zeit hineinversetzt."

 

Bei der Arbeit trifft Rolf Heusser oft auf Spuren, die darauf hindeuten, wie zur Zeit, als das Haus erbaut wurde, gelebt wurde. Das ist für ihn elementar wichtig, denn nur wenn man sich in den Alltag, die Lebensweise von damals hineinversetzt, kann man das Haus in den originalen Zustand zurückbringen. "Manchmal denke ich, dass ich im falschen Jahrhundert geboren wurde", merkt er nostalgisch an. "Ein altes Haus kann man nicht einfach restaurieren, mer muess es gspüre." Heusser trägt Arbeitshosen, die Taschen gefüllt mit jeder Menge Werkzeug. Es scheint, als würde er immer lächeln. Bei der Arbeit ist ihm die Konzentration ins Gesicht geschrieben, wobei aber keine Spur von Stress zu erkennen ist. Die Hände sind gezeichnet von jahrelanger handwerklicher Arbeit. Wenn man beobachtet, wie Rolf Heusser den Mörtel auf dem Schamottstein verteilt, ist der Genuss bei der Arbeit nicht zu übersehen. Am liebsten möchte man selber eine Kelle in die Hand nehmen und mitmachen. Der ruhige Arbeitsfluss ist beeindruckend, und so wächst das Ofengewölbe stetig. Im Voraus wurde alles genau geplant und berechnet.

 

Der Palazzo Comacio ist nun schon das vierte Haus, das er renoviert hat. Während der Restaurierungsarbeiten teilt sich Rolf Heusser sein Zimmer mit seinen angestellten Handwerkern, zurzeit einem Fensterbauer.

 

Inzwischen sieht er sofort, wenn er ein altes Haus betritt, was zu tun ist und mit welchem Aufwand, welchen Arbeitskräften zu rechnen ist. "Die, die die Arbeit verrichten, also die Handwerker, sollten die Gebäude besitzen, nicht die Banken", sinniert er. Durch die unermüdliche Restaurierung denkmalgeschützter Liegenschaften in den vergangenen 20 Jahren konnte er diesen Gedanken auch umsetzen. Neben der Alten Schmitte, für deren Restaurierung er prompt den Kulturpreis der Gemeinde Männedorf gewonnen hat, hat er noch eine Jugendstilvilla und das Pächterhaus in Männedorf in alten Glanz zurückversetzt. Die Restaurierungen erfolgen immer unter Rücksprache mit der Kantonalen Denkmalpflege.

 

Wenn das Haus dann fertig ist und er den nächsten verborgenen Schatz ausfindig gemacht hat, vermietet er es, um die nächste Restaurierung finanzieren zu können. Durch den Kontakt mit dem Denkmalpfleger wurde er auch auf den Palazzo Comacio aufmerksam gemacht. "Es handelt sich um den Sommersitz des bedeutenden Baumeisters Tommaso Comacio, der auch von San Giulio stammt. Er hat sich den Palazzo im Jahre 1670 erbauen lassen." Das mächtige Gebäude wurde im Lauf der Zeiten im Inneren immer wieder umgebaut. Die einschneidendste Veränderung geschah dann in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als alle Stockwerke in jeweils zwei Wohnungen unterteilt wurden.

 

Fast alle Veränderungen und nachträglichen Einbauten wurden jetzt zurückgebaut, wobei die Bedürfnisse der heutigen Zeit nicht außer Acht gelassen werden. So versorgt der wiedererstandene Ofen auch gleich die Fußbodenheizung unter dem historisierenden Gneisboden. "In der Wärme des Ofens ist die Sonne des Sommers gespeichert", sagt der 56-jährige Heusser schmunzelnd, und die braucht es auch, wenn man hier den Winter durchstehen möchte. Denn hier bleiben möchte er, der Palazzo ist inzwischen belebt, nicht mehr nur mit den Handwerkern und alten Freunden. Daher könnte es das letzte Haus sein, dem er wieder seine alte Identität zurückgebracht hat.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.09.2021, Nr. 224, S. 30 - Tim Maurer, Kantonsschule Uetikon am See

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