Kein Tag ist wie der andere im Leben von Alex Rübel. Wie auch, wenn er nicht nur eine Verantwortung gegenüber seiner Familie hat, sondern auch gegenüber den rund 4000 Tieren und den etwa 200 Angestellten, die alle auf ihn zählen? "Zoodirektor zu sein ist kein Job, das lebt man", erklärt der Tierliebhaber mit einem Lächeln. In den vergangenen 30 Jahren seines Lebens lebte er sieben Tage die Woche, 52 Wochen im Jahr für den Zürcher Zoo. Viel Freizeit bleibt da kaum. Dafür ist es einer der wohl vielseitigsten Berufe, die es überhaupt gibt. Zwischen seinen täglichen Aufgaben mit den Angestellten, Tieren, Besuchern, Medien und Finanzen ist besonders die Kommunikationsfähigkeit gefragt. Während dieser Jahre bekam Alex Rübel mit einigen Sprachkenntnissen aus der Schulzeit viel Übung darin und entwickelte sich zu einem guten Redner. Im Allgemeinen waren es aber nicht die Fächer aus seiner Schulzeit, die man vielleicht vermutet, die ihm am meisten brachten. "Weder Biologie noch Mathematik oder Deutsch halfen mir am meisten", stellte er selbst verwundert fest, "sondern Latein und Griechisch." Diese beiden Fächer vermittelten ihm einen enormen kulturellen Hintergrund, obwohl er sie weder besonders mochte noch extrem gut darin war. "Meine Stärke ist nicht das Wissen, aber ich glaube, ich bin relativ gut im Analysieren. Das habe ich dort gelernt. Das ewige Suchen nach dem Verb in einem lateinischen Satz hat wohl mein analytisches Denken geschult, und dieses analytische Denken hat mir während meiner Zeit im Zoo enorm geholfen."
Auch bevor der inzwischen 65-jährige Mann die Stelle als Zoodirektor innehatte, arbeitete er im Zürcher Zoo, damals aber noch als stellvertretender Zootierarzt. Nach dem Berufswechsel war er dann plötzlich der Chef seines Chefs. "Der größte Unterschied zwischen den beiden Tätigkeiten ist wohl die Verschiebung der Hauptaufmerksamkeit vom Tier auf den Menschen." Kontakt zu Menschen hat der ehemalige Pfadfinder schon immer gemocht, und er würde jederzeit die Menschen den Tieren vorziehen. Dennoch, um seine Hauptaufgabe zu erfüllen, sind Tiere das Mittel zum Zweck, denn er will mit den Tieren die Menschen erreichen. "Ich möchte die Besucher und die Bevölkerung motivieren, sich für die Tierwelt einzusetzen. Freude an den Tieren zu wecken ist die Voraussetzung dafür, dass man sich in sie hineinversetzen kann und will."
Beim Antritt seiner Zoodirektorenstelle hat Alex Rübel einen 30-Jahres-Plan entwickelt, in dem er vier große Projekte untergebracht hat. Dabei handelt es sich um neue Bereiche, die den Zoo auf 27 Hektar Fläche erweitern sollten. Bei jedem dieser Großprojekte wird ein Abschnitt im Zoo gebaut und gestaltet nach einem gleichnamigen Nationalpark irgendwo auf der Welt. Es handelt sich dabei um den Masoala-Regenwald - dessen Vorbild der Masoala-Nationalpark auf Madagaskar ist -, das Pantanal-Feuchtgebiet, das Pantanal-Binnenland-Feuchtgebiet in Brasilien -, den Elefantenpark "Kaeng Krachan", Thailand, und die Lewa-Savanne, die sich auf Kenia bezieht. Jede dieser großen Unternehmungen ist gepaart mit einem Projekt zum Naturschutz im realen Land. Der Masoala-Regenwald war für ihn das Wichtigste der Projekte. "Von der Erde über Pflanzen, Frösche, Reptilien bis zu Vögeln und Säugetieren kann alles in einem Raum leben, gemeinsam mit dem Menschen", erklärt er seine Begeisterung für diese tropische Halle, die im Hitzesommer 2003 eröffnet wurde. Während der Vorbereitung war er zwanzigmal in Madagaskar, hat dort die Natur studiert und sich mit dem gleichnamigen Nationalpark beschäftigt. Auch sonst reiste Alex Rübel viel in der Welt umher für die Feldforschung.
Kurz vor seiner Pensionierung ist der studierte Tierarzt zufrieden mit der Durchführung seines 30-Jahres-Plans, obwohl er gerne noch etwas für die Menschenaffen gemacht hätte. Während der gesamten Zeit war das Augenmerk der Welt immer wieder auf unterschiedliche Themen gerichtet, etwa auf die Abholzung des Regenwaldes, den Plastikmüll oder auch auf Evolutionsverschwörungstheoretiker, dennoch blieb Rübel mit den großen Projekten bei seinem Plan. "Ich habe immer versucht, mich nicht nur vom Zeitgeist leiten zu lassen." Durch seine Position stand der gebürtige Zürcher immer im Interesse der Öffentlichkeit, sowohl Lob wie auch Kritik waren ständige Begleiter. Mit der Zeit lernte er, mit Kritik umzugehen, unfundierte Kritik trifft ihn schon lange nicht mehr. "Allerdings gibt es auch Kritik, die mich getroffen hat", erzählt Rübel mit trauriger Stimme, während er sich durch das weiße Haar fährt. "Als ein Elefant zuerst einen Wärter geringfügig verletzt und zwei Wochen später einen anderen Wärter fast getötet hätte, musste er eingeschläfert werden. Postwendend bekam ich Briefe, in denen ich immer wieder als Mörder beschimpft wurde." Obwohl ihn als Tierliebhaber diese Worte beschäftigt haben, konnte er die Reaktionen ertragen. Er fand es schwieriger, wenn er Entlassungen bei den Mitarbeitenden vornehmen musste, da hat er dann auch mal schlecht geschlafen, wie er erklärt. "Mit all diesen Turbulenzen war die wohl größte Überraschung während meiner Karriere, dass ich noch immer hier bin, denn meistens beenden Zoodirektoren oder Zoodirektorinnen ihre Laufbahn nicht freiwillig."
Alex Rübel war neben anderen Funktionen von 2001 bis 2003 auch Präsident des Weltzooverbandes. "Für mich war wichtig, dass der Zoo zu einem Naturschutzzentrum wird, das kann man nicht allein." Deswegen suchte er sich in anderen Zoos auf der ganzen Welt immer wieder Anregungen für den Zoo Zürich. "Ich habe schon überall Ideen gestohlen und sie dann aber nicht eins zu eins umgesetzt." Er diskutierte liebend gern mit Kollegen und Kolleginnen, er will die ganze Zoowelt in Richtung Naturschutz steuern. So kann man immer, wenn man im Zoo zu Besuch ist, für ein Naturschutzprojekt spenden. "Jeden Franken, den wir nicht im Zoo ausgeben, können wir in Naturschutz investieren." Das hat sich für den Veterinär nach seinem Wechsel zum Zoodirektor nämlich auch verändert: "Als Tierarzt ist man Feuerwehr, man kommt immer, wenn es schon brennt, als Zoodirektor habe ich die Möglichkeit, etwas zu tun, bevor es brennt."