Eiskalter Kurvenbau

In einem wunderschönen Bergpanorama und durch verschneite Oberengadiner Wälder in der Schweiz schlängelt sich die Natureisbobbahn von St. Moritz nach Celerina. Das erste Mal wurde sie 1904 in Betrieb genommen und ist damit die einzige und älteste Natureisbobbahn der Welt. Jedes Jahr wird sie im Winter innerhalb dreieinhalb Wochen auf einer Länge von 1722 Metern und mit einem Höhenunterschied von 130 Metern aufgebaut und von Athleten genutzt. "Eigentlich bereitet mir alles Freude. Etwas Einmaliges, das gibt es nur einmal auf dieser Welt. Es ist etwas sehr Spezielles, da steckt viel Herzblut drin. Man hat mit vielen Menschen zu tun, international und national, mit Gästen, Sponsoren, freiwilligen Helfern. Die Arbeit ist sehr vielfältig und spannend", sagt Damian Gianola, Geschäftsführer des Olympia Bob Run St. Moritz-Celerina.

Gianola ist seit vier Jahren Geschäftsführer, zuvor war er mit verschiedenen Funktionen im Olympia Bob Run tätig. Vor 20 Jahren half er erstmals als Ehrenamtlicher beim Weltcup auf der Bobbahn mit: Er regelte den Verkehr, schaufelte Schnee, half in der Küche oder verteilte Kleider für andere Helfer. "Einmal hatte es bei einem Anlass so viele Zuschauer, dass die ganze Straße komplett blockiert und überfüllt war. Wir mussten den Verkehr über beide Dörfer umlenken, weil sonst die Bobs nicht mehr zum Start gefahren werden konnten." Er erhielt eine feste Anstellung und war zuletzt im operativen Bereich für die Technik und die Abläufe bei Events wie Weltcup, Europacup, Cuprennen und für Gästefahrten verantwortlich. So lernte der 41-Jährige den Olympia Bob Run aus verschiedenen Perspektiven gut kennen und ist jetzt für den ganzen Betrieb zuständig.

Der zusammengedrückte Schnee knirscht unter den Schuhen beim Entlanggehen an der Bobbahn. Wenn man den Fußweg von Celerina hinaufstapft, kann man einen Blick auf die Natureisbobbahn erhaschen, vielleicht sieht man sogar einen Bob hinunterflitzen. Das Herzstück der Bahn, die Horse-Shoe-Kurve, liegt ein wenig weiter oben im Gelände und ist ein guter Ort, die blitzschnellen Bobs zu bestaunen. Die Naturbahn besteht nur aus Eis und muss perfekt modelliert sein, damit die Bobs möglichst schnell werden und eine runde Fahrt haben. Der Bau der Bahn läuft jedes Jahr gleich ab und startet im November. "Die Bobbahn wird von einer Baumannschaft mit 15 Personen aus dem Südtirol gebaut. Seit dem Beginn der ersten Bahn waren das immer verschiedene Unternehmen, doch oft geschah die Übergabe intern, man kann sagen, dass es Familienunternehmen sind. Die Älteren haben ihre Jungmannschaft mit hierhergenommen. So wurde das Wissen immer wieder an die Jüngeren weitergegeben", erklärt der braunhaarige Mann. Der Bau beginnt mit dem Heranbringen von Schnee, der als Grundlage für die Form der Bobbahn dient. Solange noch kein natürlicher Schnee gefallen ist, wird mit dem künstlichen Produzieren von Schnee begonnen. Beim Bau wird eine Mischung aus Kunst- und Naturschnee verwendet, wobei der Kunstschnee geeigneter ist, weil er sich leichter modellieren lässt und stabiler ist. Um den 25. November herum startet der tatsächliche Bau der Bahn und dauert dreieinhalb Wochen. Zuerst wird der herangebrachte Schnee richtig nass gemacht, so dass Schneematsch entsteht. Dieser wird zu der richtigen Form der Bahn modelliert. Sobald die grobe Bobbahn steht, geht es an den Feinausbau. Die Mannschaft verteilt sich der Bahn entlang, ungefähr 150 Meter je Person. "Es ist unglaublich viel Augenmaß. Das hört sich immer so speziell an, doch das ist so. Die Arbeiter bauen die Bobbahn jedes Jahr am gleichen Ort, sie weicht nur um drei bis vier Prozent ab, vielleicht einmal fünf. Dabei werden verschiedenste Anhaltspunkte verfolgt, beispielsweise markante Steine oder Bäume. So wird das Ganze vermessen. Die Bahn wird auf der Erfahrung der Arbeiter und dem Maß des Auges errichtet. Das scheint jetzt vielleicht sehr einfach, doch hinter dem ganzen Prozess steckt unglaublich viel Wissen. Indem die Arbeiter die Bahn fein von Hand modellieren, erhält sie die perfekte Form", erklärt Gianola. So entstehen auch die Kurven, die schwierig zu bauen sind. Es ist eine feine, aber auch anstrengende Arbeit. Alles wird von Hand geschaufelt. 15 Personen sind permanent beim Modellieren und Herumtragen von Schnee. Der Bau wird durch keine technischen Hilfsmittel erleichtert, die Bahn wird allein durch Menschenhand erschaffen. Bis jetzt wurde die Natureisbobbahn seit 100 Jahren jedes Jahr, außer während des Zweiten Weltkriegs, aufgebaut. "Sobald die Bahn steht, sind die Arbeiter für ihre 150 Meter die ganze Saison verantwortlich. Sie spritzen Wasser auf die Bahn, kratzen Eis heraus, räumen Schnee und stellen die Sicherheit an der Bahn sicher", sagt Gianola. Das Ende der Saison wird durch das Wetter und die Temperaturen bestimmt. Am ersten Wochenende im März wird die Bahn der Natur zum Wegschmelzen überlassen.

 

Das Hauptproblem, das den Bau und die Saison stören kann, ist das Wetter. Regen und zu hohe Temperaturen können der Bahn zum Verhängnis werden. Die Anlage ist komplett natürlich, eine Kühling gibt es nicht. Um die Bobbahn vor Wärme und Sonne zu schützen, sind von oben bis unten in die Bahn direkt Sonnensegel integriert, die an eingebauten Holzpfosten aufgehängt sind. Sie werfen Schatten auf das Eis und können je nach Sonnenstand stärker geöffnet oder geschlossen werden. Mittlerweile sind die wegen der Klimaerwärmung steigenden Durchschnittstemperaturen ein Problem. "In den letzten Jahren hatten wir Probleme beim Anfang, es war schwierig, die Bahn pünktlich zu öffnen. Ansonsten ist es hier im Engadin aber immer noch genug kalt. Aber klar wird es immer mehr ein Thema, dass es zunehmend wärmer wird. Wir haben das Programm so aufgebaut, dass wir aufgrund der Temperaturen früher am Morgen mit dem Fahren anfangen. Im Februar beginnen wir morgens um 8 Uhr, im März schon um 7 Uhr. Wenn die Sonnensegel nichts mehr nützen, schauen wir, dass wir die kalten Temperaturen am Morgen ausnutzen können, wenn die Bahn noch kalt ist."

Während des Sommers kümmert sich Gianola um das Marketing und Sponsoring. Er sucht Partner, die den Olympia Bob Run mitfinanzieren. Während die Mannschaft im Winter nur mit ihrer Körperkraft eine riesige Eisskulptur aufbaut, sind die Männer im Sommer Waldarbeiter oder unterhalten eigene Bauernhöfe. Einige sind Maurer oder haben andere handwerkliche Berufe. "Speziell ist, dass wir jedes Jahr internationale Veranstaltungen durchführen: Weltcup, Europacup und jetzt die WM 2023. Wir sind die einzige Natureisbobbahn, die solche Veranstaltungen jedes Jahr noch durchführt. Auf das sind wir stolz", sagt Gianola.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Hannah Gerster

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