Körperlich fit, mental herausgefordert

Die Pandemie schränkt alle ein. Aber wie erging es den Leistungssportlern, die 2020 bei großen internationalen Veranstaltungen wie Olympia in Tokio auflaufen wollten? "Die mentale Herausforderung ist größer als die körperliche", sprudelt es aus dem in Freiburg geborenen Läufer Marcel Fehr heraus. Der in Welzheim lebende mehrfache deutsche Meister, EM- und WM-Teilnehmer in seinen Paradedisziplinen 1500, 3000 und 5000 Meter trainiert schon von klein auf, hat aber so eine Situation noch nie erlebt.

"Körperlich konnte man sich fit halten", sagt Marcel entschlossen. Ein mentales, motivationstechnisch schwieriges Thema ist allerdings die fehlende Zielsetzung. "Alle Termine, die man sich gesetzt hat, wurden entweder abgesagt, verschoben oder auf ungewisse Zeit verlegt." Zuerst wurden aufgrund der Corona-Pandemie am 24. März die Olympischen Spiele in Tokio abgesagt und danach die Europameisterschaften in Paris Ende August. Die 120. Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften fanden am 8. und 9. August in Braunschweig zwar statt, jedoch ohne Zuschauer: dort belegte Marcel den 6. Rang über die 5000 Meter, die er bei fast tropischen Temperaturen in 14:11,47 Minuten absolvierte.

Wären aber Olympische Spiele ohne Zuschauer eine Option? Grundsätzlich nein: Olympia lebe von der Stimmung, den Zuschauern, der Kulisse und vom Austausch der Athleten. Er müsse dabei an seine EM in Berlin 2018 und das mit 60 000 Zuschauern gefüllte Stadion zurückdenken. Er berichtete nach seinem 5000-Meter-Lauf den "Stuttgarter Nachrichten": "Ich habe noch immer Gänsehaut. Kurz bevor ich aus dem Warteraum in den Innenraum des Stadions gelaufen bin, habe ich mir gedacht: So muss es sich früher angefühlt haben, wenn die Gladiatoren in den Katakomben auf der Schlachtbank saßen, bevor sie zu den grölenden Zuschauern rausgeführt wurden. Das war der absolute Wahnsinn." Aber bevor die Olympiade auch 2021 gar nicht stattfinde, sei es besser, Olympia ohne Zuschauer zu realisieren.

Ab Juli durfte wieder in Gruppen von bis zu 20 Personen trainiert werden. Marcel ist glücklich darüber, man kann sich wieder austauschen und gemeinsam laufen, was die Vorbereitung auf die Olympiade deutlich erleichtert. Diese hatte er genau geplant und straff durchgezogen: Er hat seinen Bachelor für Internationales Management 2017 und seinen Master für Management Mitte 2019 gemacht. Danach war er ein Jahr "nur" Sportler. Und es lief gut, Trainingslager auf Ibiza und in Kenia mit dem Nationalteam des deutschen Leichtathletikverbandes standen im Plan, aber durch Corona kam alles anders: Das Trainingslager in Kenia musste frühzeitig abgebrochen werden. Statt den geplanten fünf Wochen wurden es aufgrund der Unsicherheit über die Entwicklung und einer Reisewarnung des Auswärtigen Amtes nur zwei Wochen. Auf deutschem Boden angekommen, wurde dann infolge des Stadionverbots auf der Straße und im Wald trainiert.

 

Doch wie motiviert man sich, bei solchen Bedingungen weiter zu trainieren? Bei dieser Frage muss Marcel schmunzeln. "Wir sind Vollblutsportler so oder so." Die Grundmotivation, Sport zu machen, sei bei Leistungssportlern einfach vorhanden. Man habe sich daran gewöhnt, täglich Sport zu machen, und damit würde es einem nicht schwerfallen, sich zu bewegen. Aber die Verschiebung der Olympischen Spiele ins kommende Jahr habe ihn getroffen, denn es wären seine ersten gewesen. Als die Jugend-Olympiade 2010 in Singapur ins Leben gerufen wurde, war er 18 Jahre und zu alt. 2020 hatte Marcel bereits zahlreiche Weltranglisten-Punkte gesammelt.

Doch nun kann man sich bis Dezember 2020 nicht mehr für Olympia qualifizieren, selbst wenn Wettkämpfe stattfinden sollten. Der Weltverband hat entschieden, dass aufgrund der Corona-Pandemie alle Qualifikationspunkte für dieses Jahr ausgesetzt werden. Die Verordnung steht, die Punkte fehlen, wie geht man als Sportler damit um? Der Lang- und Mittelstreckler kann die gewonnene Zeit für weiteres konsequentes Training nutzen, wenn sich auch der Trainingsaufbau geändert habe. Immerhin finden nationale Wettkämpfe statt, die Teilnehmerzahl ist aber begrenzt: Bei den deutschen Meisterschaften sind 522 Athleten zugelassen. Trotz allem bleibt die Ungewissheit: Erreiche man nächstes Jahr dasselbe Niveau? Oder fehlen dann wichtige Punkte für Olympia? Er ist gespannt, wie sich die längere Aufbauphase für ihn auswirke. Trotz allem betont er, dass die Entscheidung des IOC richtig war: Eine faire Qualifikation sei unmöglich gewesen, da einige Sportler wie Schwimmer oder Turner gar nicht trainieren konnten und die Trainingsbedingungen im Lockdown einfach zu unterschiedlich gewesen seien. In seinem eigenen Trainingsalltag hat sich wenig geändert. Aber der Urbacher gibt nun auf Instagram Tipps für Laufeinsteiger. Seine Abonnentenzahl wächst, das mache ihm viel Spaß und sei auch Ansporn, das auszubauen. Und er habe nun mehr Zeit für seine Familie, für seine Eltern, die ihm den Hauptberuf Sportler finanziell mit ermöglichen. In anderen Ländern, erzählt er, seien die Folgen viel gravierender: In Kenia sichern sich die Läufer ihren Lebensunterhalt durch Siege bei internationalen Meetings. Diese Einnahmen sind komplett weggebrochen und damit auch ihre Grundversorgung, die den Sport für sie erst möglich mache.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Nina Miletic

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