Einen Gegner schlägt man nur im Wir", sagt am anderen Ende der Leitung Sebastian Buntkirchen, Geschäftsführer der vereinseigenen Stiftung des FC Schalke 04, "Schalke hilft!". Zu Beginn des Lockdowns in Deutschland stellte er sich deshalb zusammen mit den Stiftungsmitarbeitern sofort die Frage, wie sie den Menschen in der Umgebung Gelsenkirchens helfen könnten, woraufhin sie das Projekt der Kumpelkiste 2.0 ins Leben riefen. "Unterstützt wurde diese Aktion von Schalke-Fans in ganz Deutschland, die durch ihre zahlreichen Essens- und Geldspenden einen ganzen Container vor der Veltins-Arena füllten", freut sich Thomas Kirschner, Fanbeauftragter des Vereins. An Krankenpflegepersonal, Menschen in Kurzarbeit sowie an Menschen, die einer Risikogruppe angehörten und deshalb nicht einkaufen konnten, verteilte die Stiftung Carepakete, die sogenannten Kumpelkisten. Ultras des Vereins, das heißt Fans, die bei den Heimspielen der Königsblauen in der Nordkurve die Fangesänge anstimmen und sich in eigenen Fanclubs mit außerfußballerischen Projekten sozial engagieren, standen Buntkirchen, Kirschner und ihren Teams zur Seite.
"Wir möchten mit der Stiftung unserer Grundverantwortung als Verein nachkommen und den Menschen etwas zurückgeben", beschreibt der 40-jährige Diplom-Wirtschaftsingenieur Buntkirchen die Aufgabe der Stiftung. Diese ist eine vom Verein ausgelagerte Organisation, die ihre unterschiedlichen Projekte in Kooperation mit dem Verein durchführt, um eine Eins-zu-eins-Verwendung der gespendeten Mittel garantieren zu können. Sie ist der Mittelpunkt aller sozialen Aktivitäten des FC Schalke 04.
Neben der Kumpelkiste 2.0 gibt es weitere Aktionen wie das "1000-Freunde-Ticket": Im alten Tabakladen an der Schalker Meile werden Tickets für Heimspiele zu dem Preis verkauft, den der sozial schwache Fan in seiner schwierigen Situation bezahlen kann. "Alle Fans sollen die Möglichkeit haben, ihre Schalker spielen zu sehen", sagt Buntkirchen ergriffen, als er ausführt, wie ein Fan die Erlöse ausbreitete, die er nach stundenlangem Pfandflaschensammeln erzielte. International aktiv ist die Stiftung bei dem Projekt "Football Club Social Alliance", einem Programm von verschiedenen Fußballvereinen und in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsministerium, in dessen Rahmen Trainerschulungen in Ländern wie Chile, Mexiko, dem Libanon oder auch Ruanda ermöglicht werden. Mit dem Projekt "Herzenswünsche" erfüllt die Stiftung schwerkranken Menschen letzte Wünsche, beispielsweise einen letzten Besuch in der Veltins-Arena.
"Wer Schalke 04 im Herzen trägt, ist Teil unserer Vereinsfamilie", sagt Buntkirchen, der seit sieben Jahren Leiter der Stiftung ist und den es hörbar mit Stolz erfüllt, dass bei Projekten alle an einem Strang ziehen, von den Fans bis hin zu den Spielern des Vereins. Diese Solidarität geht auf die geschichtliche Verankerung des Vereins im Bergbau zurück, wo die Knappen zu einer besonderen Gemeinschaft wurden. "Herz, Zusammenhalt und Solidarität waren Werte, die sowohl unter Tage als auch im Fußball eine tragende Rolle spielten", erklärt Sebastian Pantförder, Koordinator Tradition & Museum, die Tatsache, weshalb sich die Arbeiter seit Beginn der Vereinsgründung mit dem Fußball identifizierten und weshalb bis heute das Steigerlied im Stadion zu hören ist. "Schalke war der Stolz des kleinen Mannes im Ruhrgebiet", sagt Pantförder, der von klein auf Schalke-Fan ist.
Ernst Kuzorra, Schalke-Profi und Nationalspieler in den 1930er Jahren, steht sinnbildlich für diese Solidarität unter Tage. Kuzorra war wie viele der damaligen Spieler neben seiner Tätigkeit als Fußballer auch unter Tage als Arbeiter beschäftigt. Er musste jedoch, wie er selbst sagte, nie wirklich arbeiten. "Mit der Kohle, die ich gefördert habe, könnte man keinen Eimer Wasser heizen", zitiert Pantförder Kuzorra. Verantwortlich dafür waren seine Kumpel, die ihm die Arbeit unter Tage abnahmen, damit er sich erholen konnte und sie im Gegenzug am Wochenende auf dem Feld gut vertreten konnte. Für Kuzorra war es deshalb Ehrensache, auf dem Platz alles zu geben.
"Wenn ich gebraucht werde, bin ich da", sagt auch Olaf Thon, eine weitere wichtige Vereinslegende, die dafür sorgt, dass die sechsstellige Summe, die der Verein jährlich an die Stiftung gibt, häufig sogar verdoppelt werden kann. Der ehemalige königsblaue Kapitän, mit dem FC Schalke 04 Pokal- und Uefa-Cup-Sieger, organisiert zum Beispiel ein jährlich stattfindendes Golfturnier des Schalker Golfkreises, bei dem 100 000 Euro Spenden für Aktionen der Stiftung gesammelt werden. Bei dieser und anderen Veranstaltungen sorgt er als Kapitän der Traditionself für gute Stimmung, indem er zusammen mit anderen ehemaligen Spielern Lieder covert wie beispielsweise "Blau und Weiß, wie lieb ich dich ...", um dabei Teilnehmer und Spender anzuwerben.
Ein anderes von der Stiftung finanziertes Projekt, bei dem das große Engagement innerhalb des Vereins zu erkennen ist, ist die Antidiskriminierungskampagne, die in Zusammenarbeit mit der Archivarin des Vereins Christine Walther ins Leben gerufen wurde. Besonders ans Herz gewachsen ist der promovierten Ethnologin die Aufarbeitung der jüdischen Vereinsgeschichte, die im Jahr 2004 begann, als die Straßen rund um die neuerbaute Arena benannt werden sollten. Die Geschäftsstelle des Vereins sollte am Fritz-Szepan-Weg liegen, so der Vorschlag des Clubs. Das Institut für Stadtgeschichte deckte jedoch auf, dass Szepan von der NS-Zeit profitiert hatte, indem er ein jüdisches Kaufhaus am Schalker Markt für einen viel zu geringen Preis übernahm. Schalke hilft! sorgte in Zusammenarbeit mit dem Institut für Stadtgeschichte in den vergangenen Jahren dafür, dass in Gelsenkirchen Gedenktafeln in Erinnerung an die jüdischen Vereinsmitglieder errichtet wurden. Eine davon hängt an der sogenannten Tausend-Freunde-Mauer an der Veltins-Arena. Mit Hilfe eines kleinen Buchbandes, der die Besucher zu den verschiedenen Orten leitet, an denen jüdische Schalker gewohnt oder gearbeitet haben, wird dieses Kapitel der Vereinsgeschichte für Interessierte nachvollziehbar.
Ein Erlebnis, das Christine Walther im Zuge ihrer Recherchen besonders in Erinnerung behalten hat, war die Begegnung mit dem Neffen des ehemaligen Schalker Spielers Ernst Alexander. Aufgrund der antisemitischen Hetze der Nationalsozialisten blieb Alexander der Sprung in die erste Mannschaft verwehrt. Später deportierten die Nazis ihn vom Lager Westerbork in den Niederlanden nach Ausschwitz, wo sie ihn ermordeten. Der Neffe wusste nicht von der Existenz des Onkels, erst durch die Stiftung erfuhr er von dessen Lebensgeschichte.
"Auf Schalke waren wir schon immer solidarisch mit den Menschen aus Gelsenkirchen", umreißt Walther eine weitere Motivation, die Stiftungsarbeit voranzubringen. "Wenn es den Menschen im Ruhrgebiet schlechtgeht, kommt es ihnen aus dem Herzen heraus, und sie stehen zusammen", fügt Buntkirchen hinzu und verweist auf das Grubenunglück von 1984 in der Schalker Heimatzeche Consolidation in Gelsenkirchen. Damals veranstaltete der Verein ein Benefizspiel in der Glückauf-Kampfbahn, dem Stadion, das Schalke vor allem der Zeche zu verdanken hat, zugunsten der Hinterbliebenen. 1997, im Jahr des Schalker Uefa-Cup-Sieges, lud der Verein rund 4000 Bergleute zu einem Bundesligaspiel ins Parkstadion ein und gab ihnen damit eine Bühne für ihre Proteste gegen die geplanten Zechenschließungen. Ein Projekt, mit dem die Stiftung den negativen Folgen des Strukturwandels entgegenwirken möchte, sind die Stipendien, die sie in Kooperation mit der Gelsenkirchener Hochschule an jugendliche Auszubildende und Studenten aus bildungsfernen Schichten aus Gelsenkirchen vergibt. Koordinator Pantförder erinnert an den Solidaritätsgedanken aus Arbeitertagen, auf den sich auch die Stiftung beruft: "Hier wird man nicht fallengelassen, hier hilft man sich!"