Niemand hat posiert

Na, seid Ihr schon müde?" Stojan Kerbler lacht. Er steht in der Tür seiner Wohnung im 4. Stock eines Wohnblocks in Ptuj. Einen Aufzug gibt es nicht. Man muss die Treppe nehmen. "Ich gehe jeden Tag mindestens zweimal rauf und runter", erzählt der alte Herr. Er wird bald 82 Jahre alt. Seit dem Tod seiner Ehefrau lebt er allein in der Wohnung. Während des Lockdowns infolge der Corona-Pandemie haben ihn seine Kinder mit Lebensmitteln versorgt. Aber in den vergangenen 14 Tagen seien schon mehrere Künstler, Journalisten, Galeristen und Ausstellungsmacher da gewesen, berichtet er. Kein Wunder, denn der Fotograf ist seit 2020 Träger des Preseren-Preises, der höchsten slowenischen Auszeichnung für Kunst.

Seine Wohnung, hinter einer starken Tür mit doppelter Verriegelung, ist eine wahre Schatzkammer. An den Wänden hängen Fotos und Bilder, am Ende des Korridors steht eine Büste Kerblers. Besonders spannend ist das Labor, in dem er seine Fotos selbst entwickelt. Hier hängen auch Poster von großen Ausstellungen, in denen seine Fotos gezeigt wurden. Im Wohnzimmer gibt es ebenfalls Fotos und Bücher, einen Strauß frischer Blumen aus seinem Garten im Heimatort Ptujska Gora und einen kleinen Schreibtisch mit Computer. "Den Preseren-Preis habe ich bekommen, nicht gewonnen", stellt der Fotograf klar. "Gewinnen ist ein sportlicher Ausdruck. Ein jüngerer Fotograf sagte mir, dass dies keine Belohnung für mich sei, sondern für uns Fotografen der jüngeren Generation. Weil zum ersten Mal die Fotografie diese höchste Auszeichnung gewann. So empfinde ich dies auch als einen Sieg für die Fotografie. Natürlich auch in Anerkennung meiner persönlichen Arbeit."

Die erste Kamera erhielt er von seiner Mutter. "Das erste Kind meiner Eltern ist 1934 an Diphtherie gestorben, gerade als meine Mutter mit meiner Schwester schwanger war. Und weil es von dem verstorbenen ersten Kind nur ein oder zwei Bilder gab, hat meine Mutter eine Kamera gekauft. Die hat sie später dann mir gegeben." So entwickelte sich aus dem Wunsch der Mutter nach einer Dokumentation des Familienlebens langsam auch der Fotograf Stojan Kerbler, der sich später für seine Fotos Kameras ausborgte und erst 1959 die erste eigene kaufte. Kerbler studierte Elektrotechnik und war ab 1965 in einer Aluminiumfabrik, etwa zehn Kilometer westlich von Ptuj, beschäftigt. Er sorgte als Einkäufer dafür, dass täglich der hohe Stromverbrauch der Firma gedeckt war. "Es gab dort aber keinen Fotografen", erzählt Kerbler, "so habe ich während der Arbeitszeit für die Werkszeitung fotografiert. Die Arbeiter waren richtige Typen. Sie haben damals für die Fabrik gelebt, sie haben sich mit ihr identifiziert. Und die meisten kamen aus dem Haloze."

Dort, im wenige Kilometer südlich von Ptuj gelegenen Hügelland, findet Kerbler seine heute bekanntesten Motive, die er konsequent in Schwarzweißtechnik aufnimmt. "Die Menschen waren sehr offen und freundlich zu mir. Sie kannten meinen Nachnamen, weil meine Eltern Lehrer waren und sie unterrichtet hatten. Niemand hat für ein Foto posiert. Und das sieht man den Fotos an. Die Menschen waren einfach authentisch, sie hingen sehr an ihrem Land und waren glücklicher, als wir es heute sind."

Kerbler macht Fotos von Menschen in ihrem Alltag, zum Beispiel auf Festen, Märkten, auf dem Schulweg, bei der Weinlese oder beim traditionellen Schlachten. Wie viele Fotos im Lauf all der Jahre entstanden sind, kann er nicht sagen. Auch nicht, welches seiner Fotos ihm am besten gefällt: "Das ist so, als ob man eine Mutter fragte, welches ihrer Kinder das schönste sei."

Marjeta Ciglenecki, pensionierte Kunsthistorikerin der Universität Maribor, hat gemeinsam mit Stojan Kerbler und über ihn Bücher und Aufsätze publiziert. Als sie von ihrer Erfahrung erzählt, schmunzelt sie: "Als ich die ersten Fotos der Serie ,Koline' vom traditionellen Schweineschlachten im Haloze sah, war ich entsetzt. So viel Blut und Gewalt. Deshalb war ich froh, dass die erste Ausstellung mit diesen Bildern in Maribor stattfand und nicht in Ptuj." Diese Ausstellung wurde jedoch ein Erfolg, weitere folgten. "Im Zentrum seiner Fotos", erklärt Ciglenecki, "steht immer der Mensch. Kerbler fotografierte die Menschen frontal, sie verschmelzen mit der Landschaft und ihrer Tätigkeit." Für das beste Bild hält die Kunsthistorikerin heute ausgerechnet ein Bild aus der Serie ,Koline', und erklärt dazu: "Dieses Schwarzweißfoto zeigt 1977 einen Blick in eine typische Wohn- und Schlafstube im Haloze. Im rechten Viertel des Fotos sieht man in schwarzem Mantel den Rücken des Metzgers. Vor ihm liegt auf einem Tisch ein geschlachtetes Schwein, das wegen der extremen Kälte nicht im Hof des Hauses zerlegt werden konnte. Der Blick folgt den Umrissen des toten Tieres nach links, dort steht an der Wand ein einfaches Bett, über dessen Kante ein helles Wischtuch liegt. In dem Bett unter der Decke kaum erkennbar, ein sterbender Mann. Auf der Bettkante sitzt ein Besucher, mit schwarzem Hut und Mantel. Gegenüber steht ein zweites Bett an der rechten Wand. Darauf sitzen in Winterkleidung und mit Mützen vier kleine Kinder, die gebannt die Arbeit des Metzgers beobachten. So erzählt Kerbler in einem einzigen Foto vom Alltag und der Kultur im Haloze der 1970er Jahre. Aber gleichzeitig auch ganz allgemein von der menschlichen Existenz, von Leben und Tod, und das Foto unterstreicht diesen Kreislauf noch durch die elliptische Komposition des Bildes."

"Aber", sagt Kerbler, "diese Menschen gibt es nicht mehr. Früher war die Region Haloze dauerhaft bewohnt und wurde bewirtschaftet. Heute liegen viele Teile brach. Als Slowenien unabhängig wurde, schämten sich viele Menschen hier sogar für das Leben ihrer Großeltern. Aber das hat sich in letzter Zeit aufgrund des Preseren-Preises und des damit verbundenen Erfolgs geändert." Andererseits spiele es aber keine Rolle, dass die Bilder in Slowenien aufgenommen wurden. Denn Stojan Kerbler kennt Menschen, die diese Fotos an ihre Kindheit in Serbien oder anderen Ländern erinnern. "Diese Fotos sind universell, wenn sie einen berühren. Das kann geschehen, weil sie eine persönliche Erinnerung auslösen, oder weil einen das Leben der Menschen insgesamt berührt."

Marjeta Ciglenecki meint dazu: "Kerbler schuf eine präzise künstlerische Dokumentation der Landschaft, der Menschen und ihres Lebens im Haloze der 1970er Jahre, man muss aber nicht wissen, wo das Haloze liegt. Man versteht diese Bilder auch in New York oder Berlin oder Paris." Und so fand Kerbler über die Grenzen Sloweniens hinaus große Aufmerksamkeit. Beim internationalen "Festival der Poesie und des Weins" 2018 in Ptuj kam der deutscher Dichter Michael Krüger mit den Fotos von Stojan Kerbler in Kontakt. Kerbler zeigt stolz ein Gedicht, dass Krüger im Sommer 2020 schrieb, nachdem er, wie es in dem Gedicht heißt, "eine Stunde mit den Fotografien von Stojan Kerbler gesprochen habe. Wenn man solche Bilder sieht, die einen nie mehr verlassen, weiss man, dass wir das 20. Jahrhundert nicht abhaken können."

Seit 20 Jahren fotografiert Stojan Kerbler keine Menschen mehr. Nun porträtiert er in Schwarzweißfotos historische Höfe in Ptuj und schafft Serien zu den Themen Räume und Vergänglichkeit. Auch damit dokumentiert er besonders für junge Menschen eine verschwindende Welt.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Matija Berden Strelec, Matija Persak, Matic Kramberger

zurück