Als Braut nicht willkommen

Mit einem Strohhalm begann die größte Veränderung im Leben der heute 76-jährigen Finnin Anja Chadha, mit Mädchennamen Mikkonen. Sie lebt wieder in Helsinki und liebt es, zu gärtnern und Zeit in der Natur zu verbringen, fast täglich sitzt sie auf ihrem Fahrrad. Am 3. August 1975, in ihren frühen Zwanzigern, zog sie von Finnland nach England. Dort traf sie auch ihren Ehemann Vinod Chadha, mit dem sie verheiratet ist. Weil Vinods Vater einen Herzinfarkt hatte, musste einer der drei Brüder, die alle nach England ausgewandert waren, zurück in die indische Hauptstadt Delhi ziehen, um den Eltern zu helfen. Sie entschieden dies mit dem Ziehen von Strohhalmen - und Vinod zog den kürzesten.

Anja Chadha hatte Indien zuvor schon zweimal besucht, der dritte Aufenthalt sollte 15 Jahre dauern. Wie willkommen sie sich dort gefühlt hatte, findet sie schwer zu sagen. "Ich war zwar auf eine Art schon willkommen, aber einfach nicht als Schwiegertochter." Ihr Ehemann, der in den Branchen des Steuerwesens und der Betriebswirtschaft tätig war, hatte hingegen hohe Erwartungen an seine Familie. Deshalb war er enttäuscht, dass sie es Anja nicht einfacher machten, sich zu integrieren. "Zu dieser Zeit waren für die indische Bevölkerung Ausländer etwas sehr Spannendes. Der Widerspruch war eben, dass ich gar keine Ausländerin war, da ich ja mit einem Inder verheiratet bin. Innerhalb der Familie wiederum repräsentierte ich aber jemanden, der nicht Hindu ist und war deshalb nicht ,sauber'." Die Religion war einer der ausschlaggebendsten Unterschiede. Sie war keine Vegetarierin und hatte auch kein Interesse daran, Vegetarierin zu werden, so wie es von ihr erwartet wurde, oder zum Hinduismus zu konvertieren. Vinod und seine Geschwister aßen zwar auch Fleisch, seine Mutter hingegen nicht.

Merkwürdig fühlte es sich für die Europäerin zudem an, im eigenen Haus bedient zu werden und Leuten Anweisungen zu geben. Sie vermisste ihre Privatsphäre, die in Finnland und England für sie selbstverständlich war. Denn in Indien hatte sie immer jemanden bei sich, auch wenn sie außer Haus war. Manchmal lief der Koch einige Meter hinter ihr her, nur um sicherzustellen, dass ihr nichts passierte. Doch es hat auch einiges gegeben, womit sie sich gut identifizieren konnte. Die Leute seien durch das Streben nach gutem Karma freundlich gewesen, hilfreich, sowie auch direkter, als sie es von Finnland gewohnt war.

Anja Chadha hatte an der Universität von Helsinki Französisch und Wirtschaft studiert. In Delhi, ihrem zeitweisen Wohnort, arbeitete sie unter anderem fünf Jahre lang bei der World Bank, die im Jahre 1944 gegründet worden war. Sie schätzte ihre Arbeit, da dort Leute aus allen möglichen Ländern und Religionsgemeinschaften arbeiteten. Parsen, Sikhs, Hindus, Muslime und Christen. "Jeder respektierte den Glauben der anderen." Nach zehn Jahren in England und fünfzehn Jahren in Indien ging es im Jahr 1990 für sie wieder zurück nach Finnland. Was ihr dort als Erstes auffiel, war die Qualität der Luft. In Indien sah sie selten einen blauen Himmel, irgendetwas hatte ihn immer verdeckt. Zudem merkte sie auch, wie sehr ihr die Jahreszeiten gefehlt hatten. "In Indien gibt es einfach die heiße und die ein bisschen weniger heiße Zeit, ich vermisste die vier Jahreszeiten, die man in Finnland hat", erzählt sie in ihrem mit leicht finnischem Akzent grundierten Englisch, und auf ihrem länglichen Gesicht erscheint ein Schmunzeln.

Auch bestimmte Esswaren wie Roggenbrot oder das finnische Ostergericht "Mämmi", einen süßlich-klebrigen, braunen Pudding aus Malz, Wasser, Roggenmehl und Sirup, hat sie vermisst. In Indien gab es zu dieser Zeit ein rigides Importverbot, weshalb auch viele Esswaren nicht erhältlich waren. Beispielsweise Joghurt mit zugeführtem Aroma kam erst in die Läden, als die Familie Chadha zurück nach Finnland zog. Und Streichkäse war das Käseähnlichste, was man in den Läden finden konnte.

Anja Chadha steht in ihrer Küche im ersten Stock des älteren Hauses in Vantaa, leicht nördlich von Helsinki gelegen, und fügt lachend hinzu: "Als wir dort ankamen, konnte man nicht wirklich Käse kaufen. Aber während ich bei der World Bank arbeitete, gab es eine Sekretärin, deren Kollegin Stewardess bei einer Airline war. Sie hatte jeweils von dieser Stewardess den von den Flügen übrig gebliebenen Käse bekommen, welchen wir dann untereinander aufgeteilt haben."

An die großen Unterschiede im Aufbau der beiden Gesellschaften kann sie sich auch gut erinnern: Im Vergleich zu Indien war in Finnland die Gesellschaft schon zu dieser Zeit sehr antihierarchisch aufgebaut. Unabhängig von der beruflichen Tätigkeit erfuhr man in Finnland gleichwertigen Respekt von seinen Mitbürgern. In Indien sind hingegen bis heute die Spuren des Kastensystems sichtbar, obwohl laut der indischen Verfassung seit 1950 niemand mehr aufgrund seiner oder ihrer Kaste diskriminiert werden darf.

In den fast 25 Jahren ihrer Abwesenheit hat sich Anja Chadhas Heimatland Finnland auch in der Technik-Branche stark entwickelt, was ihr, als sie und ihr Ehemann mit ihren beiden Töchtern wieder zurückgezogen waren, beim Wortschatz Schwierigkeiten bereitete. Beispielsweise das Wort für Diskettenlaufwerk, "korppu", war für sie neu. Ansonsten konnte sie ihr Finnisch in Indien pflegen, da sie in Delhi einige finnische Kolleginnen hatte. Zudem fiel ihr auf, dass es nicht selbstverständlich ist, dass alles immer funktioniert und organisiert ist. Teilweise kamen in Indien Handwerker ins Haus, die, um ihren Job auch wirklich zu vollenden, noch etwas auf den angekündigten Preis drauf verlangten. Das wäre in Finnland so nie vorgekommen.

Anja Chadha sieht nun auch die "westliche Medizin" auf eine andere Art und Weise. Als ihre Tochter als Kind einen Ausschlag bekam, dessen Ursprung kein Arzt mit Hilfe der westlichen Medizin erklären konnte, besuchten sie einen ayurvedischen Arzt. Der Arzt habe auf einem indischen Bett "wie ein Fakir in der heißen Sonne" gesessen. Mit Hilfe des Pulsmaßes fand er heraus, was das Problem war, und nachdem sie die verschriebenen Heilkräuter angewendet hatten, verschwand der Ausschlag bald wieder. "Es war für mich eine sehr Augen öffnende Erfahrung, da man immer denkt, dass der europäische Weg der einzige korrekte Weg ist. Aber das ist nicht unbedingt so. Man muss weltoffen sein."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Siona Lehmann

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