Next Rider, Nicolas Huber, dropping in now!" Den letzten Handschlag mit dem Coach und sich mit der richtigen Musik in den Ohren noch einmal fokussieren, tief durchatmen, dann geht es los. Es sind solche Momente, die vom Jubeln der Zuschauer und der gleichzeitigen Anspannung und Aufregung leben, die einen Wettkampf für den Schweizer Freestyle-Snowboarder Nicolas Huber so einzigartig machen.
Nicolas ist 25 Jahre alt und kommt aus Männedorf am Zürichsee. An den Slopestyle-Weltmeisterschaften 2017 in Sierra Nevada fand der für ihn bis jetzt beste Contest seiner Karriere statt. Im Finale stand der damals 22-Jährige seinen Traum-Run und übertraf damit selbst seine kühnsten Erwartungen. "Das war der eine von tausend Runs, in dem ich all meine Tricks zeigen konnte, auch viele, die ich noch gar nicht sicher konnte." Normalerweise versucht ein Snowboarder höchstens einen Trick, den er nicht sicher kann, falls er schon einen guten Lauf hatte. Nicolas Huber wusste aber, dass dies nicht reichen würde und ging gleich aufs Ganze. So konnte er sich mit etwas Glück gegen die Weltbesten behaupten, holte sich die Silbermedaille und damit den Eintritt in das Swiss Snowboard Team.
Seine Freude ist kaum zu übersehen, als er das letzte Rail, eines der Objekte in einem Run, sauber steht. Als er bei der Siegerehrung in Badehosen und mit dem Snowboard auf dem Podest stand, gab er der Welt des Snowboardens gleich ein Statement über seine Persönlichkeit. Wer seine Instagram-Posts kennt, weiß, dass er sein Leben durchaus anders lebt als viele. Ob er nun Rollenspiele mit sich selber macht, sich nackt in den Alpen präsentiert oder am Anfang seiner Snowboard-Videos eine Ansprache hält, immer scheint er, wie er auch selbst sagt, sein Leben voll auszukosten.
An einem Anlass in Männedorf, bei dem Nicolas Huber über seine Silbermedaille sprach, während man seinen Freestyle-Look an seinen lockeren Hosen und seinem schlichten T-Shirt nicht übersehen konnte, erzählte sein ehemaliger Lehrer der Sekundarstufe Männedorf eine kurze Geschichte über Nicolas als Teenager: "Einmal machte er einen Vorwärts-Salto, während er aus dem Fenster eines Klassenzimmers im ersten Stock sprang", berichtet er, "da weiß man gar nicht, was man machen soll."
Dass Nicolas mal einen Triple Cork 1440 auf dem Snowboard machen würde, bei dem man sich dreimal über Kopf und viermal um die eigene Achse dreht, dachte er damals noch nicht. Denn das Snowboarden entdeckte er erst durch einen engen Freund, mit dem er am Corvatsch im Oberengadin seine ersten Tricks erlernte. "Die Anfangszeiten meiner Karriere waren sehr gefährlich", sagte Nicolas, der mit zwölf Jahren das erste Mal auf dem Board stand. "Wir waren vom Snowboarden so begeistert, dass wir bei jedem Wetter rausgingen. Meist waren wir im Tiefschnee und versuchten aus lauter Euphorie Tricks, die wir nicht konnten."
Mit der Zeit zahlte sich seine Waghalsigkeit wohl aus, aber das war nicht immer so. Als er als Park Shaper im Snowpark Corvatsch arbeitete, den Park in Stand hielt und so jeden Tag snowboarden konnte, wurde ihm seine Waghalsigkeit auch zum Verhängnis, da er oft wegen Verletzungen Pausen machen musste. "Wenn man jeden Tag trainiert und immer gefährlichere Tricks versucht, verletzt man sich auch oft." Auf die Frage, wie man mit dem Risiko denn umgehe, meinte er: "Des Risikos bin ich mir durchaus bewusst, aber man darf sich nicht zu viele Gedanken darüber machen und muss es einfach akzeptieren. Für mich ist das Snowboarden das Risiko hundertmal wert." Trotz allem sei das Risiko-Management ein wichtiger Aspekt, vor allem beim professionellen Snowboarden. "Wenn man Tricks versucht, auf die man nicht vorbereitet ist, sind Zwangspausen wegen Verletzungen praktisch unumgänglich."
Er ist ein Freak, wie er selbst von sich sagt. Vor seinem Durchbruch im Snowboarden hieß er auf Instagram noch Dernudist. Den Namen änderte er aber dann zu Hubercop, als er Vizeweltmeister wurde. Seine Videos auf Instagram haben aber nach wie vor ein gewisses Extra, etwa wenn er Fotos von sich in Schwimmhilfen zeigt oder im silbernen Anzug vor dem Podest posiert. Er meint: "Es macht mir einfach Spaß, Leute zu unterhalten." Seine Frau Sonja Huber, die er 2018 heiratete, ist eine ehemalige professionelle Snowboarderin aus Russland und ebenfalls aktiv auf Instagram. Zusammen mit ihr und noch anderen Studenten teilt er sich eine Wohnung in Chur. In nur zwanzig Minuten ist er von dort aus mit dem Auto in Laax, einem der besten Parks der Welt, oder ebenso schnell in anderen Skigebieten. Einen viel besseren Wohnort für einen Snowboarder kann man sich nicht vorstellen, aber auch dies nützte ihm nichts, als wegen des Coronavirus Anfang März die Skigebiete geschlossen wurden.
Diese Snowboard-Pause nutzte er, um im Spital in Chur auszuhelfen und etwas Geld zu verdienen. Auch schon vor seiner professionellen Karriere versuchte er sich in den verschiedensten Jobs. Im Snowpark Corvatsch arbeitete er als Shaper oder ging von Tür zu Tür, um Flyer zu verteilen. In nächster Zeit möchte er ein erziehungswissenschaftliches Fernstudium antreten, so kann er eine Ausbildung machen, ohne an einer Universität zu sein. Ebenfalls möchte er noch die Polizeischule besuchen. "Denn leider kann man mit dem Snowboarden nicht bis 65 Geld verdienen", wie er selbst sagt.
Nicolas trainiert meist in Laax mit dem Swiss Snowboard Team, oft müssen sie allerdings für Wettkämpfe oder Trainingscamps ins Ausland reisen, denn nur selten ist ein Wettkampf in der Schweiz. Auf diesen Reisen ist Nicolas so gut wie immer mit seinen Team-Kollegen unterwegs, trainiert mit ihnen, isst mit ihnen und lebt mit ihnen, während seine Frau zu Hause in Chur Tourismus studiert. Als ehemalige Profi-Snowboarderin versteht sie dies aber. Es scheint, als würde man als Snowboarder viel von der Welt sehen, aber für Nicolas ist das nicht genug. Auf die Frage, was ein Traum für ihn neben dem Snowboarden sei, antwortet er: "Ich würde gerne noch eine Weltreise machen. Beim Snowboarden kommt man zwar schon in viele verschiedene Länder, aber man sieht meist nur den Flughafen, den Park und das Hotel."