Stehende Sessellifte, leere Pisten, ein kalter Wind, der über sie hinwegfegt - und vier Kässbohrer. Sie fahren versetzt hintereinander die Piste Planatsch im Skigebiet Sedrun im obersten Gebiet der Surselva unterhalb des Oberalppasses hoch, das in der Nähe der Schweizer Rhein-Quelle liegt. Die Raupen der Pistenbullys fressen sich in den Schnee: Es sind eiserne Krallen, die ihn zerfetzen. Sie schieben den Schnee vor sich her, vermischen die Schneeschichten. Hinten wird er geebnet und bleibt von geraden Rillen zerfurcht liegen.
Der Schnee reflektiert das Licht der Scheinwerfer, die Kabine ist fast taghell. David Flurys rote Haare und sein Bart wirken schwarz. Sein Gesicht sowie die Mütze mit der schwarzen Aufschrift "Pistenbully" leuchten weiß. Die Augen des Fahrers sind auf die Piste gerichtet, seine Hände umklammern das Steuerrad des Pistenfahrzeugs. Einen großen Teil der Unebenheiten fängt der gefederte Sitz ab, doch David Flury wird trotzdem durch die Unebenheiten hin und her geschüttelt. Das Fahrzeug erreicht den Fuß eines Hangs, der Fahrer wird in seinen Sitz gedrückt. Der Motor wird lauter, der Pistenbully kriecht den Hang hinauf. Das Fahrzeug ist zwar langsam, doch Mühe, diesen zu bezwingen, hat das 400-PS-Monster nicht. "Über mehr als 15 Stundenkilometer kommt man nicht. Ich war allerdings einmal drüben in Andermatt und habe einen steilen Hang präpariert, damit dort keine Lawine runterkommt. Unter dem Schnee war alles vereist, meine Maschine hat den Halt verloren und ist den Hang runtergerutscht. Da habe ich sicher 40 Stundenkilometer erreicht", erzählt Flury grinsend.
Seit 22 Jahren fährt David Flury schon. Davon hat er ein halbes Jahr in Disentis verbracht, die restliche Zeit im Skigebiet Sedrun im Vorderrheintal, in der Nähe von Disentis. Jede Nacht fährt er die Pisten entlang und macht sie für den nächsten Tag wieder fahrbar. Das sind vierzig bis sechzig Kilometer in einer Nacht. "Die Pisten sind nie gleich, jede Nacht herrschen hier oben andere Bedingungen in Bezug auf Wind, Temperaturen und Schneefall. Außerdem hat man hier oben wunderschöne Sonnenuntergänge, und man kann Wildtiere sehen. Manchmal höre ich Radio oder unterhalte mich mit den Kollegen in den anderen Fahrzeugen. Manchmal müssen wir auch betrunkene Leute vom Après-Ski nach unten fahren. Es ist zwar ein Einzeljob, langweilig wird einem hier oben aber nicht", lacht er.
Dabei wollte der 41-Jährige diesen Beruf zuerst gar nicht ausüben. Ursprünglich hatte David Flury eine Schreinerlehre angefangen. "Im Winter hat es nicht genug Arbeit für einen Schreiner, daher brauchte ich einen Beruf. Da habe ich das Angebot gesehen und dachte mir: Warum nicht?" Aus einem spontanen Gedanken wurde Realität. Heute ist er der Chef eines fünfköpfigen Teams. Er ist der Älteste und hat am meisten Erfahrung. "Die anderen sind erst seit ein paar Saisons dabei. Ich kann jetzt allerdings noch nicht sagen, ob sie sich für diesen Beruf eignen. Es braucht drei Jahre, bis man's sieht. Wenn man dann die Maschine nicht in der Hand hat oder immer nur schlechte Pisten macht, ist man nicht für den Job geeignet."
Um halb fünf treffen sich die Kollegen, Frauen gibt es keine. Zusammen besprechen die vier heutigen Fahrer in der Garage ihre Vorgehensweise der Planierung. "Heute hat einer frei, darum sind wir nur vier. Wir haben jede Saison einen anderen Arbeitstakt. In der jetzigen arbeiten wir vier Tage und haben dann einen Tag frei. Bei uns gibt es kein Wochenende, und Ferien haben wir nur im Sommer. Der Takt ist wetterabhängig, genauso wie die Anzahl Fahrer pro Nacht oder wer welche Piste planiert. Auch die Dauer des Planierens hängt vom Wetter ab. Das ist das einzig Nervige am Beruf." Nach der Besprechung mit dem Team werden die Fahrzeuge in der Garage kontrolliert: Befindet sich genug Diesel im Tank? Sind die Hydraulikschläuche dicht? Sind die Raupen in Ordnung? "Es gab Fälle, bei denen einem Kollegen während der Arbeit eine Raupe abgefallen oder Hydraulikflüssigkeit ausgelaufen ist. Dann bleibt man für eine Zeit auf der Piste stecken." Erst als alles erledigt ist, steigen die Fahrer in ihre Fahrzeuge und lassen die Motoren an. Das Garagentor öffnet sich, und ab geht es auf die Piste.
Die Pistenbullys fahren hintereinander die schmale Piste hoch. David Flurys Fahrzeug ist das letzte von den vieren. Die Piste wird breiter, die Pistenfahrzeuge scheren aus, und David übernimmt die Führung. Die drei anderen reihen sich versetzt hinter Davids Kässbohrer ein, zusammen fahren sie versetzt die unpräparierte Piste hoch. "Einer von ihnen wird uns nachher verlassen und die Pisten zwischen Sedrun und Andermatt machen. Wir drei bleiben hier", sagt Flury. Er nimmt das Funkgerät in die Hand und teilt seinem Kollegen etwas auf Rätoromanisch mit. Dieser antwortet kurz, schert aus der Reihe und fährt in die entgegengesetzte Richtung. "Den sehen wir dann wieder zum Abendessen."
Bis um halb acht wird Schnee verschoben und werden Pisten geplättet, dann treffen sich die Fahrer im Bergrestaurant Milez zum Essen. Parkplätze für die Pistenbullys gibt es nicht, die Fahrer lassen die schweren Geräte abseits auf der Piste stehen. Sie stören um diese Zeit eh niemanden. Um halb neun geht es dann zurück auf die Piste. "Heute Nacht schneit es nicht, wir werden wahrscheinlich um 1 Uhr mit der Arbeit fertig sein."
Im Winter arbeitet David Flury als Pistenbullyfahrer, im Sommer wartet er Skilifte und ist auch als Schreiner im Dorf in Sedrun tätig. "Im Sommer repariere ich mal hier einen Tisch und mal dort einen Stuhl, Schreinerzeugs eben. Ich bin aber hauptsächlich als Techniker tätig. Jeden Sommer putzen und schmieren wir die Batterien der Sessellifte, das sind die Rädchen, auf denen das Stahlseil aufliegt. Und alle sechs Jahre schrauben wir sie auseinander und wieder zusammen."
Zu Hause warten seine Frau und seine zwei Kinder auf ihn. Dass David zu verschiedenen Zeiten nach Hause kommt, stört sie überhaupt nicht. "Ich arbeite zwar bis tief in die Nacht, dafür habe ich tagsüber frei. Ich schlafe länger und habe trotzdem mehr Zeit für meine Familie als andere, die ich kenne."