Präzisionsarbeit pur, von Basteln keine Spur

Die Tür zum Gitarrengeschäft im zürcherischen Stäfa ist beim Betreten schon einen Spalt offen. "Pretty Young Thing" von Michael Jackson tönt aus einem Radio, und das Schaben eines von kompetenter Hand geführten Hobels krächzt durch die Werkstatt. Eine Glühbirne an der Decke erhellt den quadratischen Raum und wirft ihr Licht über die unzähligen Apparate und Utensilien, die an der Wand hängen. "Um eine gute Gitarre zu bauen, braucht es gutes Werkzeug", erklärt Andi Walter. Seit zehn Jahren baut er hier Konzertgitarren.

Es riecht nach Holzspänen und Eisen. Nicht verwunderlich, fast 30 Gitarren wurden hier seit der Eröffnung des Ladens zusammengebaut. Eingezogen in das Stäfner Werk­atelier ist Walter 2010 nach seinem Master-Studium an der Zürcher Hochschule der Künste mit dem Titel: "Master of Arts ZFH in Music Pedagogy with a specialisation in Jazz Guitar". In Männedorf, nur ein Dorf weiter, lebt er auch mit seiner Familie. Der 35-Jährige hat dunkelblonde Haare, trägt ein hellblaues T-Shirt und eine schwarze Hose. Einen muskulösen Körper hat er nicht, aber er ist dennoch physisch gut in Form. Anfänglich diente das Atelier nur als private Werkstatt, in der er neben seinem Job als Gitarrenlehrer in unregelmäßigen Abständen an Gitarren arbeitete. Doch das Bauen rückte immer mehr in den Vordergrund. Aus den zufälligen Aufenthalten entwickelte sich eine Routine, die einen festen Tag vorsah, an dem er in seiner Werkstatt anzu­treffen war. Allmählich nahm er auch Reparaturen fremder Gitarren entgegen, und über die Jahre wurde die Werkstatt immer mehr zu dem charmanten Dorflädeli, das es heute ist.

Auf der von Arbeit gezeichneten Werkbank ruht eine hellbraune, fast weiße Gitarren­decke. "Ein Qualitätsmerkmal der Gitarre ist eine massive Decke", erklärt Walter, während er die Decke anhebt, um sie genauer zu betrachten. "Kein Sperrholz, eine einteilige Decke erzeugt einen natürlich volleren Klang." Der Leim zwischen den dünnen Holzscheiben einer Sperrholzdecke würde den Klang versteifen, Schall auf einer massiven Decke hingegen kann ungehindert auf der ganzen Oberfläche resonieren. Die einteilige Decke ist auch ästhetischer. Die Jahresringe und die Maserung des Holzes erschaffen eine Schönheit in ihrem Zusammenspiel, wie sie nur in unberührter Natur angetroffen wird. Das Holz für seine Gitarrendecken bezieht Walter von einer Tonholz­firma in Bergün, einem Bergdorf am Oberlauf der Albula im Kanton Grau­bünden. "Sie haben das beste Holz", sagt Walter. "Das Fällen des Holzes hat dort eine Besonderheit, denn es geschieht nur einmal im Monat, nämlich dann, wenn es am Nachthimmel am dunkelsten ist, bei Neumond. Dies hat seinen Ursprung nicht in einem Aberglauben oder einer Gitarrenbauer-Legende, sondern ist auf die Gezeitenkräfte zurückzuführen. Der Mond ist dann auf der anderen Seite der Erde. Von unten wirken so auch die Gezeitenkräfte und ziehen das Wasser im Baum mit Verstärkung der Schwerkraft in den Boden. Infolgedessen kann trockeneres Holz als an allen anderen Tagen des Monats gewonnen werden", erklärt Walter seine Vorliebe für den Lieferanten in Bergün.

Trockenes Holz ist deshalb wichtig, weil es den Prozess des Trocknens gar nicht erst durchlaufen muss. Während des Trocknens dehnt und verformt sich das Holz nämlich, und das führt zu feinen Unregelmäßigkeiten und zum Verlust von Stabilität. Walter übt einen sanften Druck auf die Gitarrendecke aus, sie gibt nicht nach. Stabilität ist überlebenswichtig für ein so feines Gerüst wie die Gitarre. "Bei einer Gitarre geht alles kaputt", schmunzelt Walter. Häufige Schäden sind Risse entlang der Jahresringe, Kantenbrüche und natürlich die geköpften Gitarren: Bei einem Sturz wirken harte Hebelkräfte auf das oberste Stück des Gitarrenhalses, an dessen Ende der Kopf mit den Saiten befestigt ist. Das wenige Holz bricht unter dem Druck, die scheinbare Stabilität vergeht. Nur noch durch die Saiten an der Gitarre befestigt, baumelt dann der Kopf hin und her. "Kann man da noch was machen?, schluchzen dann meine aufgelösten Kunden. Aber die Reparatur ist glücklicherweise einfach und eine Routineangelegenheit. Das Schluchzen vergeht schnell", meint Walter. Er zeigt einen kleinen Nebenraum, in dem der leicht süßliche Geruch von Lack in der Luft hängt. Hier lagert er die Gitarren, während er sie repariert. Auch die Instrumente, die zur Vermietung und zum Weiterverkauf zur Verfügung stehen, finden hier ihr vorübergehendes Zuhause. Die vielen Gitarren und die leicht reflektierenden, kahlen Betonwände erschaffen ein sich über den ganzen Boden erstreckendes Schattenspiel.

"Ich finde es sehr respektlos, wenn jemand fragt, ob ich wieder an einer Gitarre gebastelt hätte", sagt Walter. "Der Bau einer Gitarre ist Präzisionsarbeit pur und erfordert anspruchsvolle Arbeitstechniken. Der Begriff Basteln kann dem nicht gerecht werden. Über hundert Stunden fordernder Arbeit würden kleingeredet werden", erklärt er seine Empörung.

Walters erste Gitarre entstand allerdings tatsächlich in einem Bastelraum. Der Bau jener ersten Gitarre war jedoch besonders strapaziös, denn Walter hatte damals nur bedingtes Knowhow, und der Zugang zu passender Literatur war mühselig. Abgesehen von einem fremdsprachigen Forum im dazumal kargen Internet gab es in nur bescheidenem Ausmaß Informationen zum Thema Gitarrenbau. "Ich musste viel ausprobieren." Erst mittels des effektiven Werkens und Machens konnte er herausfinden, welche Werkzeuge er überhaupt brauchte. Die diversen Arbeitstechniken erfordern spezialisierte Werkzeuge, doch deren Anschaffung wäre kostspielig und dazu schwierig aufzutreiben. Also musste improvisiert werden. So zum Beispiel der umfunktionierte Sofa-Fuß. Die Seitenwände einer akustischen Gitarre sind rund und haben ungefähr die Form einer Acht. Doch Holz droht zu brechen, wenn man es biegt. Wie ist es dann möglich, eine kantenfreie Form zu erarbeiten? Ein erhitztes Eisen war der Trick, nur war es für Walter ein erhitzter Sofa-Fuß. Umgebaut in eine Konstruktion mit einem Heißluftföhn, war das neue Werkzeug komplett. Der Föhn erhitzt den metallenen Fuß, und der Fuß biegt das Holz. Heute noch kommt die Konstruktion zum Einsatz.

Neben Werkzeug und Holz ist Perfektion fast der wichtigste Rohstoff, den der Gitarrenbauer für den Bau seiner Musikinstrumente benutzt. Wenn Walter ein unfertiges Instrument bearbeitet, tut er dies mit einer über Jahre angeeigneten Kompetenz. So zum Beispiel wird ein Hobel an der Schleifstation 15 Minuten lang geschliffen, nur um dann für einen nicht mehr als eine Sekunde dauernden Stoß eingesetzt zu werden. Gute 120 Stunden, verteilt über Monate, wird an einer Gitarre gearbeitet, bis sie den Punkt erreicht, an dem nur noch die Saiten gestimmt werden müssen. Bis dahin wurde die Gitarre noch nie gespielt, nicht ein Klang wurde ihr entlockt. Wie wird sie tönen? "Wenn meine Finger zum ersten Mal über die Gitarrensaiten streichen und der erste Mucks, die erste Melodie die Gitarre verlässt, ist das ein spannender Moment. Wird der Klang erreicht, der über Monate hinweg angestrebt wurde, ist es ein Erfolg", beschreibt er seine Begeisterung. Ein gesundes Kind wurde auf die Welt gebracht. Doch leider auch ein Kind, das seinen Vater bald wieder verlassen wird.

Nachdem Walter seine Gitarren verkauft hat, sind sie weg. Weg, wie jede andere verkaufte Ware auch. Oft weiß er nicht einmal, in wessen Hände die Gitarren geraten sind. Die Zwischenhändler, über die er die Gitarren verkauft, dürfen keine persönlichen Informationen weitergeben. "Für mich ist dies aber auch eine schöne Vorstellung. Irgendwo auf der Welt gibt es Leute, die mit meinen Instrumenten Musik erschaffen", meint er gedankenversunken. "An einer exotischen Stätte oder vielleicht auch nur einen Block weiter zupft jemand auf den Saiten einer Gitarre, der in Walters Werkstatt Musik eingehaucht wurde."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Lucio Ineichen

zurück