Mit dem Porsche durch die Hölle der Nordschleife

Es riecht nach Benzin, es ist laut. Ich liebe es. Du bist in so 'nem Tunnel und verlierst den Überblick über alles andere. Nur noch du und das Auto." Marek Böckmann ist professioneller Rennfahrer. Unter der Woche studiert der 23-Jährige Maschinenbau an der Technischen Universität Kaiserslautern. Doch während seine Kommilitonen an den Wochenenden Mathe oder Physik pauken, jagt er seinen Porsche GT3 über die Nordschleife des Nürburgrings.

Geboren in Kaiserslautern, wuchs Marek mit dem Lenkrad in den Händen auf. Er sei so davon begeistert gewesen, auf einem Rummelplatz in Berlin mit kleinen Elektrokarts ein 30 Meter langes Oval zu umrunden, dass er den ganzen Tag auf der Strecke verbracht habe. Da war er vier Jahre alt. Zu Mareks fünftem Geburtstag schenkte ihm sein Vater sein erstes eigenes Kart. Auf einem nahe gelegenen Supermarktparkplatz umrundete er im Slalom Hütchen, die ihm sein Vater aufbaute. Nach kurzer Zeit wurde Marek das aber zu langweilig. Die Familie begab sich auf die Suche nach einer Kartbahn und wurde in Walldorf fündig.

Marek trainierte jedes Wochenende auf der Kartbahn, sein erstes Rennen fuhr er im Alter von sechs Jahren. "Irgendwann war mein Vater mit seinem Latein am Ende", erklärt Marek. Daraufhin erhielt er seinen eigenen Trainer und fuhr auf neuen Strecken. Im Laufe der Jahre nahm er an deutschen Meisterschaften und Europameisterschaften teil und trat dem Racing Team KSM bei, von dem Michael Schumacher Teilhaber war.

Nach zwölf Jahren Kartsport erhielt Marek die Chance, am Porsche Carrera Cup teilzunehmen. Darüber hinaus sammelte er Erfahrung in der Formel Renault und der Formel 4. In diesen Klassen sind viele Fahrer unterwegs, die den Sprung vom Kartsport in die Formelklassen schaffen möchten. Mareks großer Traum sei immer die Formel 1 gewesen, doch der Weg in die Königsklasse führt über Formel 3 und Formel 2. Diese beiden Meisterschaften gehören zum Rahmenprogramm fast jedes Formel-1-Grand Prix und haben somit denselben Rennkalender. Jedoch liegen die finanziellen Mittel, die ein Fahrer für die Teilnahme aufbringen muss, weit über Mareks Budget. Denn eine Formel-3-Saison kostet insgesamt mindestens 600 000 Euro.

"Jeder Fahrer hat das Ziel, irgendwann mit dem Rennsport Geld zu verdienen." Den besten Weg zum Erreichen dieses Ziels sah Marek in der weniger kostenintensiven GT3-Klasse. "Ein GT3-Auto ist äußerlich der Supersportwagen der bekannten Marken. Bei BMW ist es der M6, bei Porsche der 911 und bei Ferrari der 488." Doch nur die Karosserie gleicht der des Straßenautos. Der Rennwagen ist breiter und trotz 600 PS sogar leichter als die straßentauglichen Verwandten. Im Winter vor drei Jahren begann Marek sein Maschinenbaustudium in Kaiserslautern. Der Spagat zwischen Rennfahren und Uni ist äußerst schwierig. Die Wochenenden sind zumeist vollkommen mit den Rennen, inklusive Vor- und Nachbereitung, verplant. Unter der Woche muss Marek neben Vorlesungen auch an seiner Fitness arbeiten. Gerade Nacken und Schultern müssen auf die hohen Fliehkräfte, die im Auto wirken, vorbereitet werden. Marek versucht jeden Tag eine Einheit einzubauen. Nicht nur Krafttraining, sondern auch Radtouren und Rennsimulator stehen auf dem Programm. Mit 1,75 Metern Körpergröße und einem Gewicht von 68 Kilogramm ist der drahtige Marek gut gebaut, um im Cockpit zu sitzen. Wenn noch genug Zeit bleibt, versuche er immer selbst zu kochen, meistens mit seiner Freundin. Einen genauen Ernährungsplan hat er dabei aber nicht. "Nicht so viel Süßes. Nicht so viel McDonald's", schmunzelt er. An diese Grundsätze versuche er sich zu halten.

Doch warum nimmt er all diese Strapazen auf sich? Gerade, wenn Marek über die berüchtigte Nordschleife spricht, kann man es erahnen. Die "grüne Hölle" in der Nordeifel ist die "gefährlichste, schnellste und beste Strecke der Welt", schwärmt Marek. Highspeed-Kurven, kaum Auslaufzone, die ganze Zeit am Anschlag fahren. Aber die 25 Kilometer lange Strecke vermittelt Marek noch etwas anderes: "Du bist nie der Schnellste. Da ist immer jemand, der besser ist als du, und den musst du schlagen." Da er so viele Rennen auf der Nordschleife fährt, würde ihm immer wieder die Frage gestellt werden, ob es denn nicht irgendwann langweilig werden würde. Seine Antwort lautet immer: "Nein, denn jedes Rennen fühlt sich anders an da oben." Gerade die tückischen Wetterverhältnisse machen für den 23-Jährigen den Reiz aus. Manchmal sei es so, dass dem Fahrer mitgeteilt wird, dass die Strecke trocken ist, doch aufgrund der großen Rundenlänge könnte es manchmal in drei Kurven am anderen Ende der Strecke regnen. "Dann kommst du da mit 230 Sachen auf Slicks angebügelt, und plötzlich ist die Strecke nass." Diese Tücken könnten jede Fahrt gefährlich machen, aber genau das mache die Strecke auch aus.

Marek nimmt an der Nürburgring-Langstrecken-Serie teil. Bei Langstreckenrennen fährt man im Team, das heißt, er teilt sich die Renndistanz mit seinen Teamkollegen. Doch das wahre Saisonhighlight ist das legendäre 24-Stunden-Rennen am Nürburgring. "Das ist das Event", begeistert sich Marek. Er erinnert sich an eine Situation: Seine Kollegen und er liegen gut im Rennen. Mitten in der Nacht übernimmt Marek das Auto. Neben der Dunkelheit machen den Fahrern Nebel und Regen zu schaffen, nach wenigen Kurven reißt Mareks Scheibenwischer ab und fliegt davon. Nahezu blind steuert er den Wagen über die Strecke. Seine einzigen Anhaltspunkte sind die Bremslichter der Fahrzeuge vor ihm. Ansonsten muss er sich ganz auf seine Streckenerfahrung verlassen. Mit größten Schwierigkeiten übersteht er die erste Runde. Marek glaubt, die Tortur beendet zu haben, doch kurz vor der Einfahrt in die Boxengasse erhält er einen Funkspruch: Er muss auf der Strecke bleiben, ein Boxenstopp würde zu viel Zeit kosten. Marek schafft es, das Rennen zu beenden und einen Rückfall im Classement zu verhindern. Nicht nur in solchen Ausnahmefällen wird den Piloten am Nürburgring alles abverlangt. Man hat zwar die theoretische Chance, in seinen Pausen zu schlafen, doch im Endeffekt steht man fast pausenlos unter Strom. "Du bist 36 Stunden wach, schläfst höchstens eine Stunde und musst Höchstleistungen bringen", bringt es Marek auf den Punkt.

Vor der Saison wurde Mareks Team damit betraut, einen sogenannten Porsche GT3 Cup MR Pro renntauglich zu machen. Für ein solches Projekt ausgewählt zu werden ist eine große Ehre. "Das bedeutet, jemand legt Wert auf deine Meinung." Ein normales GT3-Auto verschleißt je Kilometer Material im Wert von 15 Euro. Dieser Porsche GT3 verbraucht nur die Hälfte und ist unwesentlich langsamer als die normalen Boliden. Die ganze Saison ist darauf ausgelegt worden, das Auto schneller zu machen. Tatsächlich konnten durch viele Tests und Überstunden schon Sekunden gutgemacht werden. Das diesjährige Ziel ist es, in diesem Auto mitten ins GT3-Feld zu fahren und damit "die GT3s zu ärgern". Das bedeutet, dass das Team keinen Erfolgsdruck hat, aber ein möglicher Erfolg großes Aufsehen erregen könnte. Ein Top-Ergebnis könnte diesen Wagentyp in den Fokus rücken. Darüber hinaus mache es ihm Spaß, "ein Auto, was eigentlich schon am Maximum ist, noch schneller zu machen". Die Fort- und Rückschritte teilt Marek auf seinem Youtube-Kanal "Marek Böckmann". Er nimmt seine Zuschauer per Kamera mit an die Strecke und ins Auto und lässt Rennergebnisse Revue passieren.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Moritz Rödel

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