Es war eigentlich unerträglich für uns alle, wenn die Kinder fragten: Warum stinkt denn Vater immer so, wenn er aus der Basilika kommt? Er riecht irgendwie nach Toten", sagt Carmen Martínez. Ihr Mann Juan war im Valle de los Caídos, dem Tal der Gefallenen, angestellt und musste oft Leichenteile in die Krypta der Basilika bringen.
Während des spanischen Bürgerkriegs hatte Generalísimo Francisco Franco die Idee, ein einzigartiges Denkmal zum Gedenken an die Gefallenen zu errichten. Man wählte Cuelgamuros in der Sierra de Guadarrama unweit des Klosters El Escorial und etwa 40 Kilometer von Madrid entfernt. Franco ließ es ab 1940, nicht mal ein Jahr nach dem Kriegsende, von Zwangsarbeitern, zum Großteil republikanischen und kommunistischen Kriegsgefangenen, errichten. Dieses Valle de los Caídos besteht aus einem 130 Meter hohen Kreuz und einer riesigen Basilika, die in den Berghang gegraben und durch einen Tunnel mit der Benedikterabtei Santa Cruz verbunden ist. In ihr liegen die Überreste von 33 847 Menschen. Es ist das größte Massengrab Spaniens. Unter den Bestatteten befinden sich 12 410 nicht identifizierte Verstorbene. Zwischen 1959 und 1983 wurden bei 491 Überführungen aus Gräbern und Friedhöfen aus ganz Spanien auch die Leichen von Republikanern hier ohne Zustimmung ihrer Familie neben ihrem Henker Franco begraben. Spanien ist das Land, das nach Kambodscha weltweit die meisten anonymen Massengräber hat. Das Valle de los Caídos ist auch heute noch, mehr als vier Jahrzehnte nach seinem Tod, das, was Franco wollte: ein Denkmal zur Verewigung seines Sieges. Sein Leichnam wurde 2019 auf Beschluss des obersten Gerichtshofs von der Basilika auf den Friedhof von Mingorrubio nordwestlich von Madrid, wo sich auch die Grabstätte seiner ehemaligen Frau befindet, umgebettet.
Eröffnet wurde die Basilika 1958. Die Pflege dieses Denkmals wurde den Bewohnern des Dörfchens Poblado del Valle zugeteilt. Heute sind nur noch zehn Häuser bewohnt, von denen zwei von der Guardia Civil und der Rest von 30 Mitarbeitern des spanischen Nationalen Kulturerbes bewohnt werden, die für die Instandhaltung der Basilika und des Kreuzes im Valle de los Caídos verantwortlich waren. "Es ist normal, dass für eine Person, die im Valle ankommt, das, was die meiste Aufmerksamkeit auf sich zieht, das Kreuz ist. Für uns als Kinder war das riesige Kreuz nichts Besonderes, sondern Alltag. Und genauso wenig waren wir uns der ideologischen Symbolkraft dieses Ortes bewusst. Erst als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, wurde mir klar, was dieses Denkmal für viele Menschen bedeutet. Ich begriff allmählich, dass es Menschen gibt, deren Familienmitglieder dort gegen ihren Willen begraben sind", sagt Manuel Martínez. Der 62-Jährige hat seine ganze Kindheit im Poblado del Valle verbracht. In einem der Häuser im unteren Viertel zogen seine Eltern, Juan Martínez und seine Frau Carmen, beide heute 87 Jahre alt, ihre drei Kinder auf.
Carmens Eltern waren Kommunisten und während des Bürgerkriegs nach Russland geflohen. Sie blieb in Spanien und wurde von einer franquistischen Familie adoptiert. 1951, im Alter von 18 Jahren, heiratete sie Juan in Torrejón del Rey. Wenige Monate nach der Eröffnung kamen sie in das Valle de los Caídos und zogen in das Haus, in dem sie noch heute wohnen. "Im Erdgeschoss gibt es ein Esszimmer mit Holzfeuer, ein Wohnzimmer, eine Küche und einen Innenhof. Und im Obergeschoss drei Schlafzimmer und ein Badezimmer. Es gibt eine Zentralheizung, die heute noch an jedem Wintertag von der Guardia Civil um drei Uhr nachmittags eingeschaltet wird", erklärt Juan. Wenn er spricht, merkt man, dass er ein wenig Nostalgie für die alten Zeiten empfindet. "Das Gehalt war, als wir hier ankamen, nicht sehr hoch, aber wir mussten nichts zahlen, nur das Licht. Als Franco 1975 starb und Spanien zur Demokratie wurde, mussten wir zum ersten Mal für das Haus Miete zahlen. Viele von uns mussten ihr Einkommen irgendwie aufbessern, ich zum Beispiel eröffnete eine Bäckerei und meine Frau begann ein Studium, um Lehrerin zu werden", berichtet er.
Als sie damals ins "Poblado" zogen, befand sich Spanien noch in der sogenannten "Posguerra". Die Wunden waren noch offen, und viele Tote waren irgendwo verscharrt und noch nicht begraben worden. "In dieser Nachkriegszeit, die fast bis in die sechziger Jahre andauerte, gab es häufig Tage, an denen die Guardia Civil an die Tür klopfte und sagte: ,Da kommen wieder Überreste!' Es standen dann sieben oder acht Lastwagen mit Kriegstoten auf dem Platz vor der Basilika. Wir mussten sofort antreten und helfen, Kisten in die Krypta zu bringen. Wir mussten mit zwei dicken Stäben, die mit Brettern verbunden waren, die Leichen in die Kellerräume der Basilika tragen. Und das alles, während oben in der Basilika gleichzeitig die Touristen die Kirche besichtigten und die katholische Gemeinde Messen abhielt. Wir stellten währenddessen eine Kiste auf die andere, und sobald der Raum voll war, wurde er zugemauert", sagt Juan. Seit der Fertigstellung der Basilika im Jahre 1958 bis 1967 sei fast jeden Monat ein Konvoi von Hunderten von Toten eingetroffen. "Kein Wunder, dass ich Leichengeruch annahm", sagt er.
2020, 45 Jahre nach dem Ende der Diktatur, ist vieles verändert. Das "Poblado" ist heute praktisch eine Geisterstadt, in der es weder einen Laden noch eine Bar gibt. Wenn man durch die Straßen geht, hat man das Gefühl, 60 Jahre zurückgereist zu sein. Auf beiden Seiten der Straße wehen noch halb zerrissene Fahnen mit dem Adler von San Juan, dem offiziellen Wappen Spaniens während der Diktatur. An den Mauern verlassener Häuser kann man noch die eingemeißelten franquistischen Parolen lesen: "Una patria, un estado, un caudillo", "Ein Vaterland, ein Staat, ein Führer". "Die Kinder der Arbeiter haben in den 80er Jahren alle den Ort verlassen, als die Schule des Dorfes geschlossen wurde. Franco war gestorben, und das Valle de los Caídos schien für die neuen Regierungen keinen bedeutenden symbolischen Wert mehr zu haben, so dass auch die Pflege der Bauwerke nicht mehr so ernst genommen wurde. Immer weniger Touristen kamen, und die wenigen kamen nur, um sich am Grab des Diktators fotografieren zu lassen. Der Ort begann zu verfallen", sagt Juan. Er selbst spricht sich gegen einen Abriss aus, den einige Minister der derzeitigen spanischen Regierung vorgeschlagen haben. Juan versteht zwar, dass Verwandte die sterblichen Überreste ehemaliger republikanischer Soldaten umbetten lassen möchten, aber er möchte das Denkmal wegen seines architektonischen und religiösen Wertes erhalten. Immerhin ist die Basilika des Valle de los Caídos der größte aus Granit gehauene Tempel der Welt. Ihre Länge von 255 Metern übertrifft sogar die des Petersdoms im Vatikan, und ihre Kuppel ist nur zwei Meter niedriger, aber wesentlich größer als die der Hagia Sophia in Istanbul. In Europa gibt es kein vergleichbares Grabdenkmal. "Auch wenn ich Sozialist bin und weiß, dass es viele Menschen gibt, die leiden, wenn sie sehen, dass dieses Monument noch steht, ist es doch mein Zuhause, und für uns ist es Heimat, die wir hier ein Leben lang gewohnt und gearbeitet haben", erklärt er.