Kunst ist nicht das Brot, aber der Wein des Lebens" - das Schild mit den Worten Jean Pauls begrüßt die Besucher der Galerie Judith Andreae. In den Räumen einer alten Schule, den heutigen Bachhöfen in Bonn-Bad Godesberg, zeigt Judith Andreae zeitgenössische Kunst. Eine alte Schulglocke hängt über dem Eingang des roten Backsteingebäudes, das 1892 erbaut wurde. Das Gebäudeensemble und besonders der historische Gewölbekeller, der von Licht- und Medienkünstlern genutzt wird, bilden einen spannenden und interessanten Kontrast zu den modernen Kunstwerken. "Inhaltlich oder stilistisch folgen wir keiner festgelegten Richtung", sagt Katja Andreae. Die 27-Jährige arbeitet hauptberuflich in der Bundeskunsthalle in Bonn und ist nebenbei in der Galerie ihrer Mutter tätig.
In der Galerie sind insgesamt 16 Künstlerinnen und Künstler vertreten, darunter auch Achim Mohné, der 2017/2018 auf dem Vorplatz der Bonner Bundeskunsthalle anlässlich der UN-Klimakonferenz seine Installation "0,0064 Megapixel - Planet Earth Is Blue And There's Nothing I Can't Do" gezeigt hat. Auch die Lichtkünstlerin Regine Schumann wird durch Judith Andreae vertreten. Zauberhaft sind ihre durch Schwarzlicht beleuchteten Objekte, die 2019 ebenfalls in der Bundeskunsthalle in der Ausstellung "Goethe - Verwandlung der Welt" ausgestellt wurden. Vielfalt ist dem Galerie-Team, das aus der Galeristin Judith Andreae und drei Mitarbeiterinnen besteht, wichtig. Das zeigt sich besonders in der Wahl der Künstler und Künstlerinnen: "Unsere älteste Künstlerin ist Mitte 80, die jüngste Anfang 30", betont Katja Andreae. Auch auf Gender-Vielfalt achtet das Team; die Galerie vertritt eine ausgewogene Anzahl an Künstlerinnen und Künstlern. Künstler aus Chile, Polen und Schweden sind darunter. Diese Künstler "finden" die Galeristinnen hauptsächlich bei Akademie-Rundgängen, auf denen Absolventen ihre Kunst ausstellen und hoffen, sich mit der Zeit einen Namen machen zu können. "Man sieht immer noch den jungen künstlerischen Geist hinter den Menschen, und man ist gespannt, wo die Reise hingeht." Auf dem Gesicht der jungen Kuratorin breitet sich ein warmes Lachen aus. Im Team wird dann entschieden, ob die Werke des Kunstschaffenden in das Portfolio der Galerie passen oder ob sie sich vielleicht sogar für eine Solo-Ausstellung eignen. Ist das der Fall, dauert eine Ausstellung im Durchschnitt acht Wochen. Parallel dazu werden im Ausstellungsraum nebenan, dem sogenannten Showroom, weitere Positionen von Galerie- und Gastkünstlern gezeigt, um Sammlern Abwechslung und Vielfalt zu bieten.
Auf Veranstaltungen wie Vernissagen und Finissagen kommen bis zu 150 Gäste zusammen, um sich Werke von Installations- und Videokünstlern, Malern und Fotografen anzusehen. "In Vor-Corona-Zeiten war das immer ein riesiger Aufwand", berichtet Katja Andreae. "Es wurden Getränke ausgeschenkt, und oft fanden Künstlergespräche oder Autorenlesungen statt. Jetzt müssen wir aus hygienischen Gründen natürlich Abstriche machen, aber andererseits können wir uns jetzt wirklich auf die Kunst konzentrieren." Viel öfter ergebe sich zum Beispiel die Möglichkeit, die Künstler in ihren Ateliers zu besuchen und deren Arbeitsprozess mitzuverfolgen. "Oft fahren wir auch mit den Exponaten zu den Kunden, wir suchen dann gemeinsam vor Ort einen geeigneten Platz und hängen die Bilder probeweise auf. Dann können sich die Interessenten selber einen Eindruck machen, wie das Kunstwerk in ihrer häuslichen Umgebung wirkt. Gerade bei großformatigen Arbeiten ist das logistisch eine wirkliche Herausforderung."
Durch die Pandemie sind viele Projekte und Messen weggefallen. Die Galerie war während des Lockdowns geschlossen und hat erst seit Ende April wieder geöffnet. Das Galerie-Team hat die Zeit aber als Möglichkeit gesehen, sich gezielt auf einzelne Sammler konzentrieren zu können. "Galerien leben sowieso selten von Laufkundschaft", sagt Andreae. Die Nachfrage während der Zeit nahm allerdings viel stärker zu als erwartet: Viele Menschen haben gezielt nach Abwechslung im eintönigen Corona-Alltag gesucht. "Man hat sehr deutlich gemerkt, dass die Kunst besonders in dieser Zeit bei den Menschen einen hohen Stellenwert eingenommen hat." Viele Museen und Galerien haben daher als Alternative begonnen, ihr Archiv zu digitalisieren, und bieten jetzt "live talks" auf sozialen Netzwerken wie Instagram an. "Vielleicht ist dies auch ein Weg, der jüngeren Generation den Zugriff zur Kunst zu erleichtern." Andreae ist sich sicher, dass das Interesse an Kunst und Kultur auch bei jüngeren Menschen präsent ist. "Wir müssen eine Hemmschwelle überwinden und die Kunst in den digitalen Raum verlagern. Der Besuch einer Ausstellung sollte in Zukunft nicht mehr die physische Präsenz des Rezipienten voraussetzen. Erste Galerien haben während des Lockdowns bereits Apps gelauncht, über die der User mittels eines Avatars Ausstellungsräume virtuell durchlaufen kann. So ist die Kunst auch für die Jungen einfacher zugänglich. Viele unserer Künstler wie Achim Mohné beschäftigen sich mit hochaktuellen Themen wie Umwelt und Nachhaltigkeit, Gedanken, die besonders junge Menschen teilen."
Andreae selbst ist nicht künstlerisch tätig. Auf die Frage, wie sie denn zur Kunst gekommen sei, fängt die junge Frau an zu lachen. "Von meinen Eltern wurde ich als Kind jedes Wochenende in Museen geschleppt und fand das todlangweilig", beichtet die Rheinländerin. Erst mit der Zeit und durch ihr Studium hat sich die Kunst langsam, aber stetig in ihren Beruf eingeschlichen. "Irgendwie nährt es mich heute richtig, die Kunst gibt mir eine unglaublich positive Kraft", sagt sie zufrieden. Im Grundstudium befasste sich Katja Andreae in Berlin zuerst mit Mode- und Design-Management, ihre Masterarbeit schrieb sie dann im Fach Kulturjournalismus über politische Kunst. Durch die Möglichkeit, in der Bundeskunsthalle als kuratorische Assistenz zu arbeiten, entschied Andreae sich, wieder in ihre Heimatstadt zurückzukommen, wo sie momentan eine Ausstellung über das Ineinandergreifen von Mode und Kunst vorbereitet.
Der berufliche Werdegang der jungen Frau lief bis jetzt eher über Umwege als direkt ans Ziel. Dennoch war sie immer irgendwie mit der Kunst verbunden. Heute bereut sie diese Umwege nicht, ganz im Gegenteil. Andreae ist froh, auf ihr Bauchgefühl gehört zu haben. "Ich kann nur jeden jungen Menschen ermutigen, keine Angst davor zu haben, später etwas komplett anderes zu machen als das, was anfangs geplant war. Am Ende funktioniert es doch irgendwie." Katja Andreaes Strahlen ist raumfüllend, ihre Kraft inspirierend. Mit diesem Enthusiasmus vermittelt sie den Menschen, die zu ihr in die Galerie kommen, täglich aufs Neue die Kunst - den "Wein des Lebens".