Dann sollen sie doch weinen

Die Ruhe des wohl letzten sommerlichen Sonntagnachmittags wird durch einen randvollen Kaffeebecher gestört, dessen Inhalt sich über ihren Schoß verteilt. Die 24-jährige Hanna Schmidt nimmt das kleine Missgeschick mit Humor. Im Waisenhaus in Tansania hätte ein solches Getränk wohl gar nicht erst die Möglichkeit bekommen, umgekippt zu werden, so schnell wäre es in den Mündern der Kinder verschwunden. Hanna erzählt von dem täglichen Becher warmer Milch, der für die Kleinen ein Höhepunkt des Tages gewesen war. Gegen zehn Uhr setzen sich die Ein- bis Dreijährigen in einer Reihe an die Wand, um darauf zu warten, ihr Lieblingsgetränk gierig hinunterzustürzen. "Einmal war die Milch viel zu heiß, aber sie haben sie trotzdem runtergekippt", erzählt die Studentin der Frühkindlichen und Elementarbildung aus Bamberg. Das Alltagslebens der Kinder in Moshi, einer tansanischen Kleinstadt am Fuße des Kilimandscharo, hat sie für drei Wochen im vergangenen März begleitet. Durch die Corona-Pandemie wurde ihr Aufenthalt verkürzt, im Anschluss an den Freiwilligendienst war noch eine weitere Woche in Moshi und eine dreiwöchige Rundreise durch afrikanische Länder geplant.

Schon ihr täglicher Weg ins Waisenhaus war kaum mit einem normalen Arbeitsweg hierzulande zu vergleichen. "Mit den Uhrzeiten nehmen sie es dort nicht so streng", sagt das braunhaarige Mädchen mit dem Zopf. Ihr Arbeitstag begann um acht Uhr, manchmal auch um halb neun, wenn das Tuk Tuk wegen Corona nicht fuhr oder sie einfach nicht mitnahm, weil sie weiß ist. Auch fahren die Busfahrer erst los, wenn der Bus so voll ist, dass kein anderer mehr hineinpasst, was zu weiteren Verspätungen führt. Die letzte Etappe ist ein zwanzigminütiger Fußmarsch durch die Pampa. Diese abgegrenzte Gegend mit lehmigen, an den Seiten von Grün gesäumten Wegen ist das sogenannte "Gate of the police". In dieser Gegend, die Hanna täglich durchquerte, sind nur Polizeifamilien ansässig, für deren Kinder es zwei kleine Schulen gibt. Das Misstrauen Weißen gegenüber ist hier groß. "Ich durfte noch nicht mal ein Foto vom Kilimandscharo machen, ohne einen Polizisten dort zu fragen."

Das riesige Gebäude des Upendo Children's Home ist von einem Zaun umgeben, an dessen Tor sitzen dauerhaft zwei Leute, um aufzupassen. Das kleine Haus neben der Unterkunft ist die Schule, welche die Kinder ab dem Alter von drei Jahren besuchen. Neben diesem steht ein weiteres kleines Gebäude, in dem die Kinderpflegerinnen des Waisenhauses wohnen und ausgebildet werden. Das Waisenhaus wird von Nonnen geführt, die sich "Schwestern des Kostbaren Blutes" nennen und von den Kindern als "Mamas" bezeichnet werden. Hanna schmunzelt, als sie vom Hausmeister erzählt. Dieser ist zwar für kleinere Reparaturen zuständig, aber den häufig über längere Zeit andauernden Stromausfall kann er nicht verhindern. "Teilweise konnten wir uns tagelang nicht die Hände waschen." Das Wohnhaus lässt sich als Viereck mit Innenhof vorstellen, anstatt Fenstern haben viele Zimmer teilweise nur Gitter, die nicht zu öffnen sind. Hanna seufzt bei dem Gedanken an die lieblose Einrichtung. "Es hing nicht mal ein Bild an der Wand." Sie selbst war nur für die Ein- bis Dreijährigen zuständig, deren Schlafräume geschlechtergetrennt und von jeweils sechs bis sieben Kindern bewohnt werden. Normalerweise spielen die Kinder irgendwo auf dem Gelände, als Hanna im Waisenhaus ankommt. Spielzeug ist kaum vorhanden, Hannas mitgebrachte Luftballons und Seifenblasen sind "ein krasses Highlight". Oftmals schauen sich die Kleinen im Fernsehraum, wo ein alter, kleiner Fernseher mit ein paar Sesseln drum herum steht, indische Filme auf Englisch an, da sie auch in der Schule Englisch lernen.

Als Hanna auf das tägliche Mittagessen um elf Uhr zu sprechen kommt, fällt ihr sofort das herrschende Chaos ein: "Von schön gemeinsam am Tisch sitzen war da nichts!" Das täglich gleiche Mittagsgericht für die Kinder ist eine Art Mais- oder Reisbrei mit Bohnen oder Spinat. Die Mitarbeiter bekommen etwas anderes zu essen. Nach dem Essen werden die Kinder auf den Boden ihrer geschlechtergetrennten Waschräume gelegt und mit Stoffwindeln gewickelt, die aufgrund von Mangel teilweise noch nass sind. Anschließend geht es für die Kleinen ins Bett, während des Mittagsschlafes in ihren Gitterbettchen passen die Nonnen auf sie auf. Hannas Arbeitstag war daraufhin zu Ende, wenn die Großen um zwölf Uhr aus der Schule kamen, trat sie den Heimweg an.

Insgesamt wohnten während ihrer Zeit dort 60 Kinder im Alter bis zu 15 Jahren. Die wenigsten seien wirklich Waisen. Viele Eltern geben ihre Kinder für drei Jahre dorthin, weil sie sich kein Kind leisten können. So war es auch bei dem schwerbehinderten 14-jährigen Mädchen. Sie wird wahrscheinlich nie wieder von ihren Eltern abgeholt werden. Ihre starke geistige Behinderung bindet sie an den Rollstuhl, da sie nicht mit den anderen spielen kann, wird sie einfach danebengestellt. Respekt vor Älteren ist ein wichtiger Bestandteil der Wertvorstellungen, weshalb nicht selten Gewalt angewendet wird. Die Nonnen geben den Kindern mal eine Backpfeife oder ziehen sie am Ohr. "Ich wollte das Kind auf das Karussell setzen, aber es wollte wieder runter", sagt Hanna. Eine der Schwestern bekam diese Situation mit und nahm den Jungen mit sich mit. "Ich denke schon, dass er dann geschlagen wurde." Aber nicht die Schläge seien die schlimmste Erfahrung. Traurig erzählt sie von der Kleinen, bei der niemand gewusst hat, was für eine Krankheit sie gehabt hat, es ist auch niemand mit ihr zum Arzt gegangen. "Sie ist teilweise auf dem Boden eingeschlafen, und ich hatte das Bedürfnis, sie andauernd im Arm zu haben." Der Zustand der Einjährigen beschäftigt sie, denn es ist nicht sicher, ob sie überleben wird. Teilweise hat sie nicht essen wollen und ist deshalb festgehalten worden, damit sie es tat. "Ich habe ein Kind noch nie so sehr schreien hören." Nach zwei Wochen war die Kleine wie ausgewechselt, es ging Stück für Stück mit ihr bergauf.

Zwar konnte Hanna nichts gegen die gewaltsamen Erziehungsmethoden machen, aber für sie ist es schön zu wissen, dass sie helfen konnte, obwohl die Kinder nicht auf sie hörten - das tun sie für gewöhnlich nur, wenn sie geschlagen werden. Es sei ein tolles Gefühl, wenn alle auf einmal auf sie zu gerannt kommen und sich freuen, dass jemand da ist, der sie gut behandelt. Die Nonnen erfüllten eben "nur die Aufseherfunktion", aber sie trösten die Kinder so gut wie nie oder nehmen sie auf den Arm. Die sympathische junge Frau will die Erzieherinnen nicht schlechtreden. "Teilweise geht es einfach nicht anders", meint sie und verweist auf den herrschenden Mangel von notwendigen Dingen.

Nach der Reise ist sie sich über unseren Luxus bewusst. Sie wollte einen Koffer mit Schuhen, Handtüchern und nützlichen Dingen in das Heim schicken. Dies war wegen des Zolls nicht möglich. Hanna startete eine Spendenaktion und schickte 2721 Euro nach Tansania, wo das Geld für Reparaturen dringend gebraucht wird. "Zum Beispiel hat eine Tür gefehlt." Hanna würde jederzeit wieder an einem sozialen Projekt teilnehmen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung - Lisa Robbers

zurück