Nicht mehr mit dem Tod bedroht

In Hernani, einer Kleinstadt in der Provinz Guipuzcoa, wenige Kilometer landeinwärts im Hinterland von San Sebastián, ist der Beruf des Politikers heute nicht mehr lebensgefährlich. Politiker des bis 2018 regierenden Partido Popular oder des regierenden Partido Socialista Obrero Español werden nicht mehr mit dem Tode bedroht. Das gilt ebenso für Polizisten oder Mitglieder der Guardia Civil, die in der baskischen Gemeinde arbeiten. Aber der Weg zu einem entspannten Zusammenleben ist lang.

Im Baskenland standen Politiker beider Parteien, der Polizei und der Guardia Civil, viele Jahre auf der langen Liste der von der Terrorgruppe Eta getöteten Personen. Die Organisation "Euskadi Ta Askatasuna", "Baskenland und Freiheit", verfolgte das Ziel eines von Spanien unabhängigen, sozialistisch geprägten baskischen Staates, der die spanischen autonomen Regionen Baskenland, Navarra sowie das französische Baskenland umfassen sollte. In Hernani gibt es kein Mahnmal, das an die 21 Menschen erinnert, die hier von Eta erschossen oder einem Bombenattentat zum Opfer fielen. Genauso wenig gibt es eine Gedenkplatte, die an die sieben Opfer erinnert, die von antiterroristischen Befreiungsgruppen, GAL, exekutiert wurden. Es ist fast ein Jahrzehnt her, dass Eta mit dem Töten aufgehört hat, "aber das Schweigen der Erinnerung an ihre über 800 Opfer auf den Straßen ist für viele immer noch ohrenbetäubend", wie es in einem Memorandum des Colectivo de Víctimas del Terrorismo heißt. In den Institutionen wie Behörden, Rathäusern und Ministerien des Baskenlandes begann sich dieses Schweigen vor wenigen Jahren aufzulösen. Der Schatten von Eta beginnt hier schneller zu verblassen. Einige Politiker und Mandatsträger anerkennen, dass es sich bei den Toten um grausame Opfer eines unversöhnlichen nationalistischen Denkens beider Seiten handelt. So gleicht es fast einem Wunder, dass der Stadtrat von Hernani, angeführt von der Partei Bildu, dem ehemaligen politischen Arm von Eta, 2019 im Rathaus eine Gedenktafel für die von Eta und GAL ermordeten Stadträte aufgestellt hat. "Es ist ein Schritt nach vorn, obwohl die meisten Opfer immer noch in weiten Teilen der Bevölkerung vergessen sind", sagt Andrés Martínez (Name geändert), Ratsmitglied in Hernani. "Es ist unbestreitbar, dass die Dinge sich hier geändert haben. Seit fast zwei Jahrzehnten gibt es niemand in Hernani, der auf der Todesliste von Eta stand." Der letzte Terrorakt in der Gemeinde fand 2003 statt. Die meisten Terrortoten waren in den 1980er und frühen 1990er Jahren zu beklagen.

Am 3. Mai 2018 gab Eta ihre Auflösung bekannt. Im Wortlaut sagte Josu Urrutikoetxea, Kampfname "Josu Ternera", dass sich die Terrororganisation, "die aus dem Willen des baskischen Volkes geboren wurde, sich wieder in ihm auflöse". Seitdem hat sich im Baskenland vieles geändert. In Hernani wurden die letzten Haushalte des Gemeinderats unter Führung von Bildu, dem ehemaligen politischen Arm von Eta, von dem PSOE unterstützt. Unvorstellbar, vor nicht allzu langer Zeit. "Unglaublich, jetzt trinken sie sogar nach den Plenarsitzungen Kaffee zusammen." Martínez zwingt sich zu einem Lächeln.

Hernani könnte Schauplatz des Romans "Patria" von Fernando Aramburu sein, der kürzlich verfilmt und im Fernsehen ausgestrahlt wurde, europaweit auf der Streamingplattform HBO zu sehen. "Mit dieser Angst zu leben, die einem zum Stillhalten und zum Durchhalten zwang, wurde für uns vor allem in den 80er und frühen 90er Jahren zur Routine, um Risiken zu vermeiden", erklärt Martínez. "Jetzt versucht man Andersdenkende mundtot zu machen durch etwas, was ich selektive Erinnerung nenne. Es bedeutet, die Henker zu rehabilitieren und ihre Opfer zu ignorieren. Das drückt sich zum Beispiel in Graffiti aus, die überall das Bild von Eta-Gefangenen auf Plätzen und Straßen zeigen. Und in Festakten zur Begrüßung ihrer ehemaligen Militanten, wenn diese nach Jahren und Jahrzehnten das Gefängnis verlassen." Im September 2020 fand die letzte Jubelfeier statt. Auf einem Platz der Stadt begrüßte ein riesiges Plakat den Eta-Gefangenen Ibon Goageaskoetxea, der wegen seiner Beteiligung an der militärischen Logistik der Terrorgruppe zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Bei seiner Ankunft wurde er gefeiert und mit Feuerwerk begrüßt.

Eta ist präsent. Auf Plätzen, auf den Promenaden, am Eingang der Ikastola, einer Schule, in der auf Baskisch unterrichtet wird, neben der Kirche oder in der Nähe von Kindergärten sind immer noch Graffiti und Transparente zu sehen. "Diese belegen, dass es zwei Tempi, zwei Geschwindigkeiten, in der Auflösung von Eta gibt: zum einen die Deeskalation durch Institutionen und zum anderen, was auf der Straße vor sich geht", erklärt Martínez. "Es ist wahr, dass der Stadtrat Schritte in der Frage des versöhnlichen Zusammenlebens unternommen hat. Wir müssen dies anerkennen, aber auf der anderen Seite wagt man es nicht, weitere Schritte zu unternehmen, wahrscheinlich aus Angst vor politischen Repressalien. Doch die Aufforderung, an die terroristischen Gefangenen zu denken, die Politisierung der Volksfeste, die Graffiti, all das ist immer noch nicht beseitigt." Die Antwort der Stadtbehörden ist, dass es sich dabei um Äußerungen handle, die unter dem Schutz der Meinungsfreiheit stünden.

In naher Umgebung fanden einige der grausamsten Episoden in der Geschichte der Gewalt von Eta im Baskenland statt. Eine davon geschah auf dem Hügel von Perurena. Am 14. September 1982 waren vier Polizisten zum Essen in das Restaurant gekommen. Auf dem Weg zurück zur Arbeit wurden sie in zwei Autos von einem Eta-Kommando in einen Hinterhalt gelockt und erschossen. Drei Beamte starben auf der Stelle. Der vierte überlebte, schwerverwundet kroch er die Straße hinunter. Einem Mann gelang es, ihn in einen Lastwagen zu heben, die Eta-Leute hielten den Lkw an und erschossen ihn aus nächster Nähe. Eine Demonstration zugunsten von Eta-Gefangenen am 24. März 1995 endete mit fünf verletzten Ertzainas, der Autonomen Baskischen Polizei. Die Randalierer hatten mehrere Molotow-Cocktails auf die Polizisten geworfen. "Nun, da Eta sich aufgelöst hat, muss der Schaden, den sie im Gedächtnis der Straße in manch einer Gemeinde des Baskenlands und Navarras noch immer anrichtet, behoben werden", meint Martínez.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung - Pedro Liedo Echeberria

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