Kinder und Jugendliche, die Abwasserkanäle ihr Zuhause nannten, das war für viele Normalzustand vor dem EU-Eintritt Rumäniens 2007. Seitdem haben sich die Lebensverhältnisse für die meisten etwas gebessert. Doch Sinti und Roma leben teilweise immer noch in menschenunwürdigen Zuständen am Rand der Karpaten. Hütten mit Planen als Dachersatz können den harten Wintern nichts entgegensetzen. Der Landwirt Günter Weckbecker und seine Frau Franziska versuchen, Abhilfe zu schaffen. Der 77-Jährige engagiert sich seit fast 30 Jahren in Rumänien. Mehr als 50 Fahrten hat er mit vielen Helfern auf eigene Kosten unternommen. Seine christliche Einstellung habe ihn immer bestärkt. Zehn Jahre lang war er Ortsbürgermeister von Moselkern, einem Ort zwischen Cochem und Koblenz. Mehr als 50 Jahre lang war er in kommunalen Gremien tätig.
Seine erste Reise nach Rumänien 1991 öffnet ihm die Augen. In Dorohoi, im Norden des Landes, zeugen Schusslöcher in den Häuserwänden von der Revolution. Die Armut ist allgegenwärtig. Zwei Jahre zuvor war Diktator Nicolae Ceausescu erschossen worden. Einige Male fährt Weckbecker in dieses Gebiet und verteilt Schuhe, Kleidung und Hilfsgüter an Kinder. Das Problem: "Wenn wir das nächste Mal hinkamen, war alles weg." Die Kinder hatten keine Lobby. Es gab niemanden, der andere davon abgehalten hätte, ihnen ihre Sachen wegzunehmen. Der Kontakt zu Kurt Bottesch aus Brasov, Kronstadt, wird hergestellt. Der inzwischen verstorbene Deutschrumäne verrichtete schon länger wohltätige Arbeit. Der Moselkerner ist beeindruckt von dessen Gastfreundschaft und christlicher Einstellung. Über ihn wird Weckbecker auf die Kanalkinder aufmerksam. Als er das erste Mal vier bis sechs Meter unterhalb der Stadt in die Abwasserkanäle steigt, ist er schockiert. "Faulende Kleider, faulendes Obst und Fäkalien." Ein perfekter Nährboden für Ratten. Eisenstäbe, die aus der Wand ragen, seien die Kletterhilfe gewesen; Gestank und Hitze unvergleichbar mit allem, was er jemals erlebt habe. Weckbecker gibt einem Jugendlichen eine Apfelsine. "Er hatte sich die Hände bestimmt vier Wochen nicht mehr gewaschen." Der Junge schält die Orange und bietet ihm ein Stück an. Eine überraschende Geste, denn die Jugendlichen kennen normalerweise kein Gemeinschaftsgefühl. Er hätte das Angebot gerne abgelehnt, doch das wäre kränkend. "Ich habe noch schnell ein Stoßgebet zum Himmel losgeschickt und dann runtergeschluckt", erinnert er sich. Später sei er von einer Apothekerin gefragt worden, ob er denn alle Schutzimpfungen habe. "Nein", habe seine Antwort gelautet, "ich habe bloß Gottvertrauen."
Einigen Jugendlichen wurde geholfen. Ein Haus wurde gekauft und renoviert, das ihnen als Zuhause diente. Viele dieser Jungen und Mädchen sind ohne Familie aufgewachsen. Durch die Hilfsmaßnahmen erfuhren sie, dass sich jemand für sie interessiert. Dieses bis dahin unbekannte Gefühl war und ist für viele Motivation genug, sich einen ehrlichen Job zu suchen, um sich eine Existenz aufzubauen.
Aussichtslos sei dagegen die Situation im Romadorf Hetea. Das Dorf liegt am Rand der Karpaten. Temperaturen von minus 20 Grad und der eiskalte Wind, vor dem die erbärmlichen Hütten ohne Elektrizität nicht im Ansatz schützen, setzen den Bewohnern zu. "Nur an einer Stelle kommt Wasser aus dem Boden, für 450 Personen." Die Väter seien meist abhängig von Alkohol oder Drogen oder beidem. Die Hilfsgüter würden verkauft, um die Süchte zu finanzieren. Weckbecker berichtet von einem Mädchen, 15 oder 16 Jahre alt, die ihr erstes Kind geboren habe: "Ganz alleine, der Mann lag betrunken in der Hütte." Sie habe kein Messer zur Hand gehabt, um die Nabelschnur zu durchtrennen, und sei einen Kilometer über ein Feld zum Kindergarten gelaufen. Erst dort konnte ihr geholfen werden. Die Hilfe in dem Gebiet sei weitestgehend eingestellt worden. Auch andere Organisationen seien gescheitert. Anderes läuft besser. So wie die vor 21 Jahren gegründete Schulspeisung in Brasov und Umgebung. Zu Spitzenzeiten wurde das Frühstück von 850 Kindern täglich sichergestellt. 2012 wurde die Schulspeisung vom Staat übernommen. Vor vier Jahren wurde das erste Kinderhospiz Rumäniens in Sibiu, Hermannstadt, errichtet, auch finanziert durch Spenden, die Weckbecker gesammelt hatte. Todkranke Kinder, deren Eltern nicht genügend Geld für Medikamente aufbringen können, werden hier behandelt. Weckbecker erhielt das Bundesverdienstkreuz am Bande, sagt aber, es gebe viele Menschen, die es eher verdient hätten. So schwärmt er vom unglaublichen Einsatz der Hospizleiterin Ortrun Rhein aus Sibiu. Sie arbeitet oft 15 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.