Man kann doch das Leben des einen oder anderen Häftlings ein bisschen erleichtern, indem man sich beispielsweise hinsetzt, ihnen zuhört und bei Problemen hilft", sagt Bianca Schäffner. Die rothaarige, sommersprossige 41-Jährige arbeitet als stellvertretende Leiterin der Justizvollzugsanstalt Stuttgart. Dort ist sie für 116 männliche Jugendliche und Heranwachsende zuständig. Diese sind zwischen 14 und 21 Jahre alt. Dieser Teil der Anstalt dient nur der Untersuchungshaft, das heißt der Zeit zwischen Verhaftung und Urteil. In dem Gefängnis sind aber nicht nur Jugendliche untergebracht, sondern auch Erwachsene. Die Strafanstalt hat insgesamt 787 Haftplätze und ist damit die größte in Baden-Württemberg.
Wenn man mit der zierlichen Frau spricht, stellt man sich die Frage, warum sie einen solchen Beruf gewählt hat, für den sie einen Großteil ihrer Zeit hinter Gittern verbringt. "Ich wollte tatsächlich schon immer im Gefängnis arbeiten, eigentlich schon direkt nach meinem Jurastudium in Tübingen", sagt sie. Da zu diesem Zeitpunkt keine Stelle in der Gefängnisleitung frei war, arbeitete sie zunächst als Jugendrichterin. Vor zweieinhalb Jahren erfüllte sich ihr Traum, und eine Stelle wurde frei. Heute sei sie immer noch glücklich, die Herausforderung, im Gefängnis zu arbeiten, angenommen zu haben. "Positive Erfahrungen habe ich sogar ganz viele gemacht. Man spürt, wie dankbar die Gefangenen teilweise sind, wenn man sich ihrer annimmt, sich ihre Sorgen anhört und bei kleineren Problemen schnell eine Lösung findet." Die jungen Häftlinge haben ganz unterschiedliche Schwierigkeiten. Häufig gibt es Auseinandersetzungen mit anderen Gefangenen, die meistens mit Gewalt zu tun haben. Viele Probleme sind aber auch leicht zu lösen, zum Beispiel, wenn die Häftlinge ihre Eltern sprechen möchten oder nicht wissen, was sie zu ihrer Hauptverhandlung anziehen sollen. Die Aufgabe von Bianca Schäffner hat jedoch nicht nur diese hilfreiche Seite, sie ist auch für die Sanktionierung der Häftlinge zuständig, wenn diese gegen die Regeln der Anstalt verstoßen. "Natürlich gibt es auch Strafen wie das Fernsehverbot oder die Freizeitsperre, so ähnlich wie zu Hause auch."
Der Alltag der Jugendlichen im Strafvollzug ist grundsätzlich ähnlich gestaltet wie bei Gleichaltrigen draußen. Aufgestanden wird gegen 6.30 Uhr, dann steht Schule oder Arbeit auf dem Programm. Beides findet natürlich im Gefängnis statt. Am Nachmittag werden verschiedene freiwillige Aktivitäten wie Fußball, Volleyball, Kirchengruppe, Drogenberatung oder Antiaggressionstraining angeboten. "Die Jugendlichen sind dankbar für die Abwechslung und Bewegung, daher werden die Aktivitäten von vielen angenommen. Die freie Zeit kann aber auch im Aufenthaltsraum verbracht werden." Die Drogenberatung und das Antiaggressionstraining würden von den Jugendlichen häufig in der Hoffnung besucht, bei ihrem Richter einen guten Eindruck zu hinterlassen. "Was ich persönlich sehr gut finde, ist der Umschluss, da kann man sich mit einem anderen Häftling in dessen Zelle einschließen lassen", sagt Schäffner. So hat man die Möglichkeit, mehr soziale Kontakte zu bekommen und vielleicht sogar einen Freund zu finden.
Der häufigste Grund, warum die Jugendlichen auf die schiefe Bahn geraten, sind Gewalt- und Drogenerfahrungen in der Familie. Auch während der Zeit ihrer Inhaftierung komme es häufig zu Regelverstößen wie Streitereien mit Gewalt, eingeschmuggelten Handys oder Drogen. Das Klischee von den harten Jungs, die nichts berühren kann, stimmt nach Erfahrung der Juristin nicht ohne weiteres. Der größte Teil der jugendlichen Gefangenen habe Heimweh und leide unter der Trennung von Familie und Freunden. Um dem entgegenzuwirken, ist die erlaubte monatliche Besuchszeit der jugendlichen Inhaftierten mit vier Stunden doppelt so lange wie die der erwachsenen Häftlinge. Viele Jugendliche werden in der Haft jedoch von ihren Angehörigen selten oder gar nicht besucht. Das liegt häufig daran, dass es schon vor der Verhaftung viele Probleme in der Familie gab.
Eines ist der lebhaften, lebensfroh wirkenden Bianca Schäffner besonders wichtig: "Die meisten Gefangenen bereuen ihre Taten und wissen auch, dass sie etwas falsch gemacht haben." Sie arbeitet mit aller Kraft daran, dass die Jugendlichen aus ihren Fehlern lernen und nicht zu ihr ins Gefängnis zurückkehren. Wenigstens einige von ihnen auf den richtigen Weg zurückzubringen, das hat sie sich zur Lebensaufgabe gemacht. "Auf Nimmerwiedersehen!" In Bianca Schäffners Leben ist das ein wohlmeinender Gruß.