Schnell in den Bunker

Jeannette Petersdorf, bitte ins Büro!", erschallt es aus den Lautsprechern. Kurze Zeit später steht die junge, zierliche Frau nichtsahnend vor ihrem Chef. "Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht, welche willst du zuerst hören?", fragt ihr Vorgesetzter, ein großer, rundlicher Mann mittleren Alters. "Die gute natürlich", antwortet sie. "Die gute ist: Drei Monate Bosnien sind gestrichen." Jeannette Petersdorf fällt ein Stein vom Herzen. "Die schlechte: Sie werden sechs Monate in Afghanistan stationiert."

Mit diesem Satz beginnt ein Abenteuer, das die damals 23-jährige Urberlinerin nie vergessen wird. Dass sie einmal bei der Bundeswehr arbeiten und in Afghanistan eingesetzt würde, hätte die gelernte Zahnarzthelferin wohl niemals gedacht. "Ein Bekannter hat meiner Freundin und mir den Vorschlag gemacht, als zivile Arzthelferin bei der Bundeswehr zu arbeiten. Wir dachten uns: Probieren können wir es ja mal. Wir sind schließlich jung, wollen was erleben und haben nichts zu verlieren." Die beiden Frauen gehen zum Kreiswehrersatzamt Hannover, wo sie drei Tage lang auf Herz und Nieren getestet werden. Während dieser Zeit werden immer mehr Bewerber aussortiert, so auch Petersdorfs Freundin. Es folgt eine harte Grundausbildung mit Schieß- und Wachausbildung in Ostfriesland, wo sie die einzige Frau in ihrer Einheit ist.

Einige Monate später steht sie am Kölner Flughafen, bereit für die Reise nach Afghanistan. Auf die Frage, ob sie Angst habe, antwortet die taffe Frau mit einem klaren Nein. Von Köln aus fliegt sie in Begleitung eines Militärpfarrers und dreier hochrangiger Männer nach Usbekistan und von dort weiter über den Hindukusch. Als ein gepanzertes Militärfahrzeug anstelle eines Busses, der sie zum Lager bringen sollte, vor ihnen steht, wird ihr ein bisschen mulmig. Sie bekommt eine beängstigende Erklärung von einem ihrer Begleiter: "Vor zwei Tagen wurde der Bus auf dem Weg zu unserem Lager angegriffen, wobei alle elf deutschen Soldaten ums Leben kamen." Das fängt ja gut an, denkt sie. Und die Gefahr, in der sie sich von nun an befindet, wird ihr jetzt erstmals richtig bewusst. Sie steigt mit ihrer dicken Uniform, Schutzbrille sowie Schutztuch bei 40 Grad in das Fahrzeug und kommt nach einer holprigen Fahrt durch die Halbwüste erschöpft und voller Sand im Lager an. "Ick sah aus wie aus'm Kohlekeller." Sie wird von einer anderen Frau zu dem Container, in dem ihr Zimmer ist, geführt und eingewiesen. "Das Gewehr musst du immer bei dir tragen", rät sie und geht. Im gleichen Moment ertönen laute Sirenen. "Ach übrigens, jeden Dienstag um 13 Uhr ist hier immer Probealarm, nicht dass du dich erschreckst", ruft die Kameradin.

In den nächsten Wochen gewöhnt sie sich an ihr neues Leben und an die teils schrecklichen Anblicke, die sie als Arzthelferin sehen muss. Sie fühlt sich sogar ziemlich wohl unter all den Männern, denn sie wird nicht, wie viele vermuten würden, als Frau schlechter behandelt. "Ganz im Gegenteil", erklärt sie, "ich bin wie die kleine Schwester, das Nesthäkchen für alle. Bekannt bin ich hier auch als die Henne im Korb. Außerdem bezeichne ich meine Kameraden eher als große Brüder." Deshalb sei der Aufenthalt, so schlimm es auch teilweise sei, eigentlich echt cool, man wachse wie eine Familie zusammen, da man viel zusammen erlebe, was einen verbindet, wie der Vorfall am 9. September: Ein Knall hallt durchs Lager, und plötzlich geht alles ganz schnell. Ein großer, kräftig gebauter junger Mann zieht sie hinter sich her. "Schnell in den nächsten Bunker!", ruft er mit angespannter Stimme. Während die 1,65 Meter kleine Frau ihm folgt, zieht alles an ihr vorbei. Im Bunker ist es eng und dunkel, sie ist, wie fast immer, die einzige Frau unter einer Vielzahl an Männern. Dieser Raketenangriff auf ihr Lager war wohl einer ihrer aufregendsten Momente während der sechsmonatigen Stationierung in Afghanistan.

"An solche Ausnahmesituationen oder an schlechte Nachrichten, wie dass es wieder Minenopfer gibt, gewöhnt man sich", berichtet die mutige Frau. Was jedoch bis zum Ende ihre Nerven verrücktspielen lässt, sind die sogenannten Local-Dienste. "Dabei werden am Lagereingang von der Wache die Menschen abgetastet, die das Lager betreten wollen. Denn oft kommen verwundete und kranke Einheimische zu uns, welche wir dann versorgen. Wir müssen natürlich damit rechnen, dass sich Selbstmordattentäter unter den Menschen befinden, welche so viele wie möglich von uns mit in den Tod reißen wollen." Da Frauen nicht von Männern abgetastet werden dürfen, steht auch Netti ein paarmal im Monat mit Handschuhen, Mundschutz, Schutzbrille, Helm und Splitterschutzweste am Lagereingang. Eine ältere Dame mit schwarzer Burka, die alles außer ihren Händen und ihrem Gesicht verdeckt, kommt mit einem kranken Baby in den Armen auf Netti zu. Nun beginnt das, wovor sie die meiste Angst hat. Sie tastet sich vorsichtig durch die vielen Lagen der Burka und hofft, auf keine Bombe oder Sprengstoffgürtel zu stoßen. "Alles wird gut, Jeannette. Das ist nur eine harmlose Frau, die ihr Kind bei uns versorgen lassen will, nichts wird passieren", flüstert sie vor sich her, um sich zu beruhigen.

Trotz solcher Erlebnisse vergeht die Zeit schnell. Jetzt folgt der letzte gefährliche Teil der Reise, der Flug über den Hindukusch. Daheim blickt sie auf eine lehrreiche Zeit zurück: "Entgegen manch einer schrecklichen Erfahrung überwiegen die schönen Momente. Ich bin froh, mich auf dieses Wagnis eingelassen zu haben, und kann es nur weiterempfehlen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Tamy Gebel

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