Weit mehr als Muskelkraft

Es ist sechs Uhr morgens, und los geht es. Bevor wir mit dem Streifenwagen starten, erfolgt eine Dienstübernahme, bei der ebenfalls die Vollständigkeit der Einsatzmittel überprüft wird. Anschließend soll eine Dienstbesprechung stattfinden, doch der erste Einsatz ruft schon", sagt Marie Müller (Name geändert). Zu zweit sitzen die Kollegen in einem Streifenwagen, ein männlicher Kollege ist mit der 32 Jahre alten Polizeioberkommissarin Müller durch die Straßen von Aachen unterwegs. Die beiden hören ständig den Funk, mit dem sich die Polizisten kontaktieren. Jeder Streifenwagen hat eine eigene Rufnummer, damit es zu keinen Verständnisproblemen kommt. Auf dem Weg zum Einsatzort werden den Polizisten genauere Details übermittelt. Am Einsatzort angekommen sieht man, dass es sich um einen Auffahrunfall handelt. Für die zwei Polizisten eine alltägliche Situation. Ein paar Kriterien werden besprochen und Personalien ausgetauscht.

Nicht lange dauert es, bis der nächste Einsatz von der Leitstelle weitergegeben wird. Diesmal handelt es sich um eine Gewalttat. Mit Blaulicht geht es zum Einsatzort. "Bei solchen Einsätzen steigt die Aufregung doch immer mal wieder an, da man nie ganz genau weiß, wie sich die Personen vor Ort genau verhalten werden und was einen letztendlich erwartet", sagt die Polizistin. Kurz vor Ort sprechen sich die Kollegen ab, um keine vermeidbaren Fehler zu machen. Am Tatort wird ein weiterer Streifenwagen angefordert, um die Polizisten zu unterstützen. Obwohl die Gewalttätigen nicht respektvoll mit den Polizisten umgehen, bleiben diese ruhig, neutral und versuchen das Problem zu lösen. Nachdem die Lage kommunikativ beruhigt wurde, werden zwei beteiligte Personen auf die Wache gebracht.

Nach zwei Stunden kommt der nächste große Einsatz. Hierbei handelt es sich um einen Raubüberfall. Es wurde jemand mit einer Waffe bedroht. Mehrere Streifenwagen werden angefordert, und mit Blaulicht und Martinshorn geht es zu dem betroffenen Geschäft. Spannung baut sich auf. Vor Ort spürt man bei allen Kollegen eine starke Konzentration. Alle unterstützen sich gegenseitig und verhalten sich achtsam.

Am Ende der Schicht werden die Polizisten abgelöst und können nach Hause gehen. Bis dahin sollten allerdings auch die Schreibarbeiten zu den einzelnen Einsätzen erledigt sein. Müller macht ihr Beruf viel Freude, auch der Umgang mit den Kollegen gefalle ihr gut. Egal ob Mann oder Frau, man werde respektiert und gehört. So selbstverständlich und vorurteilsfrei war der Umgang mit Polizistinnen bei der Polizei jedoch nicht immer.

"Ich hatte keine Ängste, mich den Herausforderungen zu stellen. Ich wollte schon mein Leben lang zur Polizei gehen", stellt Petra Steins klar. 1981 begann die gebürtige Stolbergerin in Niedersachsen ihre Ausbildung bei der Schutzpolizei. Ein Jahr später war die Ausbildung für die Frauen in Nordrhein-Westfalen auch möglich. In Hannover machte sie ihr erstes Jahr im Streifendienst, wechselte 1985 nach Aachen und gehörte zu den 75 ersten Frauen in Nordrhein-Westfalen und zu den ersten beiden Schutzpolizistinnen in Aachen, die im Streifendienst eingesetzt wurden. Für die neuen Polizistinnen war es nicht immer leicht, da es unter anderem auch Vorurteile von den männlichen Kollegen gab. So schildert die 59 Jahre alte Polizeihauptkommissarin: "Einige Polizisten waren im überkommenen Selbstverständnis der Polizei der Meinung, dass Frauen den besonderen Stresssituationen der Polizei nur schwerlich gewachsen seien. Sie seien zu schwach, um den Polizeialltag zu bewältigen. Man müsse auf sie aufpassen." So war auch Peter Zimmermann zuerst skeptisch gegenüber den neuen Kolleginnen. Der 60-jährige Erste Polizeihauptkommissar sagt, dass es eine große Umstellung für die Kollegen war. Man wurde unter anderem angehalten, gewisse Poster von den Wänden abzunehmen. Dass eine Polizistin einer Schlägerei entgegenwirkt, war für ihn unvorstellbar. Manche Kollegen seien sogar der Meinung gewesen, dass die Polizistinnen leichtere Tätigkeiten ausführen sollten.

Schnell konnte man erkennen, dass die weiblichen Polizistinnen allein mit ihrer Anwesenheit deeskalierend wirkten, wo es sonst zwischen Polizisten und Bürgern zu Auseinandersetzungen gekommen wäre. Es wurde erkannt, dass es nicht allein der Muskelkraft bedurfte, Ziele zu erreichen. In der Bevölkerung wurde die Erscheinung der weiblichen Polizeikräfte positiv aufgefasst, auch wenn anfangs viel Erstaunen und Neugier festzustellen war. "Einmal standen mein Kollege und ich vor einer Ampel, die Rotlicht zeigte", erzählt Petra Steins. "Neben uns musste ein anderer Autofahrer ebenfalls anhalten. Er blickte in den Streifenwagen hinein und sah mich so verwundert an, dass er vergaß, nach vorne zu schauen, und dadurch auf ein vor ihm stehendes Fahrzeug auffuhr."

Der Weg zur Anerkennung war für die Frauen nicht immer leicht, man brauchte viel Selbstbewusstsein, um all den Bedenken zu begegnen. "Oft wurde man beäugt. Es war für mich eine besondere Herausforderung und auch ein besonderer Ansporn, all diesen Bedenken zu begegnen und zu zeigen, dass man als Frau alle polizeilichen Aufgaben ebenso wie die Männer erledigen konnte", erinnert sich Steins. Auch bei der Uniform gab es einige unglückliche Modeerscheinungen. "Unsere Dienstschuhe hatten einen Blockabsatz von circa sieben Zentimetern - passend zum Rock, der sich als besonders untauglich herausstellte. Bei einer Verfolgung musste ich ein hohes Tor überwinden, so dass ich erst einmal den Rock hochkrempeln musste."

Heutzutage gibt es für Frauen eine angepasste Uniform, und es ist alltäglich, dass Frauen den Beruf ausüben. Während ihrer dienstlichen Laufbahn hat Petra Steins so einige Bereiche durchlaufen. Sie hat "ihre Frau" gestanden im Bereich des Schichtdienstes als Streifenpolizistin, wo sie unter anderem auch Motorrad fuhr, in der Einsatzhundertschaft bei großen Demonstrationen, bei der Kriminalpolizei im Bereich der Aufklärung überregionaler Raubstraftaten und zurzeit, weil sie den Bürgern in anderer Weise noch einmal näherkommen wollte, als Bezirksbeamtin. "Ich habe meistens als einzige Frau mit Männern zusammengearbeitet und habe mich immer wohl gefühlt dabei." Am Positivsten aber empfindet Petra Steins die Tatsache, dass mittlerweile einige Töchter ihrer Kollegen, die damals Bedenken gegenüber Frauen in diesem Beruf äußerten, heute selbst als Polizistinnen arbeiten.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Laura Steins

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