Ein Hoch auf das Plattdeutsche

Im Hintergrund klappert Geschirr. Der Duft von frisch gekochtem Essen zieht in eine gut geheizte Stube im norddeutschen Delmenhorst, während Hans-Jürgen Mehrtens aus seinen Erinnerungen erzählt. Mehrtens ist mit Plattdeutsch aufgewachsen, einer Sprache oder einem Dialekt - Linguisten streiten sich darum -, die im Norden Deutschlands, aber auch im Osten der Niederlande und in Teilen Skandinaviens gesprochen wird. Somit ist der 85-Jährige einer von schätzungsweise weniger als einer Million Muttersprachlern.

Die Ärmel seines blaukarierten Hemdes sind hochgekrempelt. Wann immer er die Gelegenheit sieht, spricht er Platt. Wenn im Kulturhaus des niedersächsischen Ganderkesees ein Plattdeutscher Nachmittag stattfindet, fährt der ehemalige Landwirt aus Hagen im Bremischen mit seiner Frau hin. Dort werden von Schauspielern und anderen Vortragenden Geschichten, Anekdoten oder Witze präsentiert, erklärt Mehrtens. "Es gibt Witze und Sprüche, die kann man einfach nur auf Plattdeutsch erzählen. Die kann man gar nicht übersetzen, nech!?", erzählt er schmunzelnd. Gemeint ist, dass viele Witze auf Hochdeutsch nicht mehr so lustig sind, da teilweise Wortwitze verwendet werden oder lediglich die Satzmelodie anders ist und somit die Pointe nicht funktioniert. Nach seinen Erfahrungen nehmen an Veranstaltungen wie diesen überwiegend Rentnerinnen und Rentner teil und davon auch von Mal zu Mal weniger.

Dieses sinkende Interesse an der Sprache konnte auch die pensionierte Lehrerin Erika Ibelings-Feldmann feststellen. Die gebürtige Ostfriesin aus Leer startete in den 80er Jahren eine Plattdeutsch-AG an ihrer Schule in Wilhelmshaven. "In den besten Jahren gab es schulinterne Plattdeutsch-Sprach-Wettbewerbe, später war es sehr mühsam, Plattdeutschinteressierte zu finden", erzählt sie. Sie konnte beobachten, dass es für die Schüler nicht als "cool" galt, die Sprache zu lernen oder die Plattdeutsch-AG zu besuchen. Ibelings-Feldmann selbst hat sich lange geweigert, Platt zu sprechen. Es galt als verpönt, als Sprache der "einfachen Leute". In der Schule sprach man Hochdeutsch. Die Eltern machten sich Sorgen um die schulische Laufbahn der Kinder, wenn diese bei der Einschulung Platt und nur wenig Hochdeutsch sprechen konnten. Das führte dazu, dass die junge Lehrerin Anfang der 80er zuerst selbst einen Sprachkurs belegen musste, um Plattdeutsch nicht nur perfekt verstehen, sondern es zudem fließend sprechen zu können. Den Schülerinnen und Schülern die Sprache nahezubringen habe ihr immer Spaß gemacht, berichtet sie am Telefon. Allerdings war es auch frustrierend, wenn die Resonanz sank.

Als Erika Ibelings-Feldmann in Pension ging, gab sie ihre AG an die frisch an die Schule gekommene Ivonne Süßen weiter. Für die 30-Jährige war Plattdeutsch "die Familiensprache", in ihrem Elternhaus spricht sie Platt und in der Schule Hochdeutsch. Sie übernahm die AG. Es gab wieder zu wenig Anmeldungen, das war enttäuschend. Die AG wurde zu einem Lernbüro mit fünf interessierten Teilnehmern. Aufgrund der Corona-Krise gab es in diesem Halbjahr erst zwei Treffen, geplant ist jedoch eine Zusammenarbeit mit dem in Wilhelmshaven ansässigen "Theater am Meer - Niederdeutsche Bühne". Für seine Arbeit wurde das Theater als immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet. Aufgeführt werden in der Saison vier plattdeutsche Inszenierungen, zudem gibt es eine Theaterschule für Kinder. So kämpft auch das "Theater am Meer" für den Erhalt der Sprache.

Nach kurzem Kramen hält die junge Lehrerin Lernkarten und Plakate vor die Computerkamera. Ihre blonden Locken fallen zurück, sie lächelt. Die Oldenburgische Landschaft, ein Verband, der sich unter anderem für regionale Kultur einsetzt, schickt der Schule öfters Material wie dieses zu. "Sie legen sich ins Zeug", findet die gebürtige Auricherin. Hinter ihr sieht man die Ordner in den Schränken ihres Homeoffice, in denen sicherlich noch weitere Plattdeutschmaterialien versteckt sind.

 

Die Oldenburgische Landschaft und das Theater sind bei weitem nicht die einzigen Medien, die die plattdeutsche Sprache aufleben lassen. Radiosender wie "Bremen Eins" strahlen Programme auf Platt aus. In diesem Sender werden von montags bis freitags um jeweils 10.30 Uhr die Nachrichten auf Plattdeutsch vorgetragen. Wer dies verpasst, kann sie auch auf der Internetseite von "Radio Bremen" in geschriebener Form oder auch als Podcast des aktuellen und der vergangenen zwei Tage finden.

Süßen wie auch Ibelings-Feldmann empfinden Wilhelmshaven "als besonderen Fall". Plattdeutsch habe es schwer in der Stadt. Man kann vermuten, dass es an vielen Zu- und Wegzügen in und aus der Stadt lag, ein anderer Grund kann ihre Größe sein. Mit knapp 80 000 Einwohnern ist Wilhelsmhaven deutlich größer als die umliegenden Städte und Dörfer. In der Heimat der beiden Lehrerinnen in Ostfriesland hingegen werde man beim Hochdeutschreden auf der Straße immer noch schief angeschaut.

Der Gebrauch, das Image der Sprache wie auch die Sprache selbst ist regional grundverschieden. Was jedoch alle "Plattdeutsch-Schnacker" verstehen dürften und gerade in Zeiten Coronas wichtig ist, ist der Abschiedsgruß. Man wünscht sich Wohlergehen und vor allem Gesundheit, welche doch während einer Pandemie besonders wichtig ist. Deswegen: Hol di munter!

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Ricarda Mehrtens

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