Als die Schweizer Mundartband Dabu Fantastic im Februar 2020 ihr Album "Schlaf Us" veröffentlichte, konnte noch niemand ahnen, dass dieser Titel zu einer Art Motto des Jahres werden würde. Sämtliche Konzerte musste die Band absagen, kein einziges Festival konnte stattfinden, Monat für Monat leerte sich der einst volle Terminkalender zusehends. "Wir haben aufgehört, fix zu planen, und denken nur noch in Optionen", sagt David Bucher, Leadsänger der Band. "Jedes Mal, wenn ein Konzert abgesagt wurde, fühlte sich das ein bisschen wie eine Trennung an."
Der blonde 40-Jährige wohnt am Zürcher Stadtrand. Seine Kontakte pflegt er weitgehend online. Anstatt mit den neuen Songs auf Tour zu gehen, auf der Bühne zu schwitzen und im direkten Kontakt mit den Fans zu sein, haben sie den Lockdown genutzt, um an einem neuen Album zu arbeiten - bevor die aktuelle Tour überhaupt gespielt werden konnte. Dabu Fantastic, 2008 gegründet, erlebten 2014 mit ihrem Album "Hallo Hund" den Durchbruch auf nationaler Ebene, und ihr größter Hit "Angelina" hielt sich 2016 während 25 Wochen in den Schweizer Charts. Die Band ist eine der beliebtesten Schweizer Livebands und bekannt für ihre starken Auftritte.
Wenn diese aber wegfallen, fällt für die Band ein wesentlicher Teil des Verdienstes weg, und Streamingdienste wie Spotify, iTunes oder Youtube gewinnen als Einkommensquellen an Bedeutung. Für jeden gespielten Song zahlen die Dienste einen bestimmten Betrag an die Musiker aus, 100 000 Klicks bringen zwischen 400 und 600 Schweizer Franken. Das ist nicht eben viel, und das Ziel muss darum sein, möglichst viele Klicks zu generieren.
Aber da beginnt die Krux, die bei genauerer Betrachtung weit über die Berechnung von Klicks hinausgeht und letztlich einen großen Einfluss auf die Kreativität der Künstler ausübt. Die wichtigste Frage ist nämlich: Wie erhält mein Song möglichst viele Klicks? "Finanziell am effektivsten ist es, wenn ein Song in eine Playlist aufgenommen wird und dadurch täglich hohe Hörerzahlen vorweisen kann. Man merkt heute vielen Songs an, dass sie geradezu Playlist-optimiert sind", meint Bucher. "Da auf Spotify nach 30 Sekunden abgerechnet wird, packen die Musiker alle spannenden Elemente eines Songs in den Anfang eines Stücks. Da wird das gesamte Pulver in den ersten 30 Sekunden verschossen. Nachher passiert nicht mehr viel Neues im Song, weil man den Klick ja hat. Das ist ein völlig anderes Arbeiten als früher, da ging es auch darum, die Fans auf Albumlänge zu unterhalten und zu überraschen. Oder Songs zu zeigen, in welche sich das Publikum vielleicht erst nach mehrmaligem Hören verliebt hat."
Den größten Einfluss der Streamingdienste sieht er aber bei der Länge der Songs. Noch vor zehn Jahren galten drei Minuten als gute Länge für einen Song, heute gehe kaum einer über die 2:30-Marke hinaus. Als Songschreiber hat er diese Aspekte natürlich immer im Hinterkopf. Aber er gibt offen zu, dass er sich dem Algorithmus der Streamingdienste nicht so gerne unterordnet. Vielleicht sei er da auch "etwas old school". Schulterzuckend sagt er: "Wir arbeiten eher kunstoptimiert als algorithmusoptimiert."
Für Schweizer Musiker ist die aktuelle Situation in der Pandemie in mehrfacher Hinsicht hart. Einmal fallen sämtliche Konzerte und Festivals weg. Zudem ist die Schweiz bei Spotify nicht so gut vertreten, weil es im Land selbst kein eigenes Büro von Spotify mehr gibt. Da sind dann die Playlists der Bands nicht aktuell und repräsentieren sie nur zum Teil. Bucher sagt: "Als die Schweiz direkt vertreten war, war die Chance, auf Playlists zu kommen, viel größer." Er erklärt, es sei ja auch in normalen Zeiten fast nicht möglich, von der Musik zu leben. Aber im Moment sei es für viele seiner Kollegen einfach nur schlimm.
So hat Seven, international bekannter Soulsänger aus der Schweiz, am 12. November auf Facebook einen offenen Brief an den Wirtschaftsminister Guy Parmelin verfasst, in dem er für die Anerkennung der Musikbranche als systemrelevanten Wirtschaftszweig mit enormer Wertschöpfung plädiert. Seven unterstreicht seine Forderungen mit Zahlen, die aufhorchen lassen: "Die Kulturwirtschaft macht jährlich einen Umsatz von 15 Milliarden, mit mehr als 63 000 Unternehmen und über 300 000 Vollzeitbeschäftigten. Jeder 10. Schweizer Betrieb gehört in irgendeiner Art und Weise zur Kultur- und Kreativwirtschaft." So mutet es fast unwirklich an, dass die finanzielle Unterstützung von Kunstschaffenden während dieser Krise nur harzig anläuft.
Nachdenklich meint Bucher: "Gerade weil der Schweizer Markt so klein ist, wird er zusätzliche Unterstützung des Bundes benötigen. Sonst überstehen ganz viele Künstler diese Zeit nicht. Da es jetzt auch die Profis betrifft, wird man diese Diskussion führen müssen." Etwas Positives kann Bucher dem Lockdown doch noch abgewinnen: Er habe wirklich häufiger ausschlafen können.