Tief in die Knie und auf den Tisch

Die beiden Spieler jagen den Ball über die Platte. Dann die Attacke. Der Aufschläger hat schon den ganzen Ballwechsel hinweg Druck ausgeübt, jetzt will er den Punkt für sich entscheiden. Er setzt an wie für einen Kopfsprung vom Ein-Meter-Brett und springt auf den Tisch. Es geht alles ganz schnell. Während er sich mit den Händen abstützt, hat er den Ball schon getroffen und den Punkt erzielt. Ein perfekter Volleykopfball zum Sieg. In den sozialen Medien kreisen immer mehr solcher Videos, doch was wird hier gespielt? Die Trendsportart Headis wurde 2006 in einem Kaiserslauterer Freibad erfunden. Ein paar Freunde rund um den Erfinder René Wegner hatten Lust auf Fußball. Die Wiese war belegt, also gingen sie an die Tischtennisplatte. Sie beförderten ihren Ball per Kopf über das Netz, und das Spiel war geboren. Die Regeln sind nahezu identisch mit denen des Tischtennis. Der wesentliche Unterschied ist, dass man bei Headis die Platte berühren darf. Festhalten, auf den Tisch springen und abstützen oder auch oben stehen bleiben ist erlaubt. Solange man den Ball mit dem Kopf spielt und vor der nächsten Ballberührung mit einem Körperteil auf dem Boden war, bewegt man sich im Rahmen der Regeln. Außerdem darf der Ball aus der Luft, also volley, gespielt werden.

 Zu Beginn veranstaltete die Schwimmbad-Truppe noch Turniere im eigenen Garten. "Wir haben damals mit einem Baby-Barbie-Plastikball gespielt", erinnert sich Wegner. Der damalige Sportstudent entwickelte das Spiel an der Universität des Saarlandes weiter und erstellte ein Event- und Marketingkonzept. Als Kopf des Headis-Unternehmens kümmert sich der promovierte Sportwissenschaftler bis heute um die weltweite Vermarktung des Trendsports. Headis wurde in das dortige Hochschulsportprogramm aufgenommen. Der Erfinder entwickelte einen 100 Gramm leichten, kopfschonenden Gummiball. Das Tischtennisnetz wurde durch eine stabilere Konstruktion aus Kunststoff ersetzt. Freunde studieren in anderen Städten und tragen den Sport so weiter. Ein Mitarbeiter der TV-Sendung "TV total" wurde aufmerksam. Es folgten Kooperationen wie die Team-Weltmeisterschaft 2019 in Köln, bei der je ein Könner mit einem Promi antrat.

 Mittlerweile werden jährlich zehn bis zwölf Weltcups sowie eine Weltmeisterschaft ausgetragen. Bei diesen Turnieren sammeln die Spieler Punkte für die Weltrangliste. Je größer ein Turnier, desto mehr Punkte werden vergeben. Eine Besonderheit: Die Akteure nehmen unter einem Synonym teil. Eine Idee, die damals im Schwimmbad schon gekommen sei. So tritt der fünffache Weltmeister Cornelius Döll unter dem Spielernamen "Headsinfarkt" auf. Er wurde 2012, als er in Köln Sport studierte, auf Headis aufmerksam. Der große Vorteil des Spiels sei, dass man als Anfänger direkt Freude daran habe. "Egal wie talentiert man ist, nach ein paar Minuten kriegt jeder schon Ballwechsel hin. Tief in die Knie gehen und an der Platte festhalten", lauten seine Tipps. Unter Normalzuständen trainiert der Weltranglistenführende zwei- bis dreimal die Woche. Doch der Spielbetrieb ist derzeit eingestellt. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Scout beim Zweitligisten Hannover 96. Headis ist noch nicht weit genug verbreitet, um damit Geld zu verdienen. Noch nicht, wenn es nach René Wegner geht. Dass Headis-Spieler irgendwann Profis sein können, sei das absolute Ziel. Nur olympisch werden müsse der Sport nicht unbedingt. "Olympia verbindet man mittlerweile mit Doping-Skandalen und Stadionbauten", sagt er. Headis sei dem eigentlichen olympischen Gedanken weitaus näher.

 Neben den Universitäten verschiedenster Städte wurde Headis auch in das Programm einiger Fußballclubs aufgenommen. So haben beispielsweise der 1. FC Kaiserslautern sowie Darmstadt 98 eigene Headis-Abteilungen. Laut René Wegner sei der 1. FCK wichtig an verschiedenen Stellen. Mit Jugendspielern seien beispielsweise Studien durchgeführt worden, die belegen, dass das Spiel vor allem die Genauigkeit der Kopfstöße verbessert. Headis-Platten sind vom Trainingsgelände nicht mehr wegzudenken.

 Die Schweiz, Belgien und auch die Tschechische Republik haben bereits an Weltmeisterschaften teilgenommen. Durch das Charity-Projekt "Headição" ist der Sport auch in Brasilien, Südafrika und der Dominikanischen Republik angekommen. Es wurden Spendengelder gesammelt, mit denen Wegner und sein Team in diese Länder geflogen sind und Headis-Platten in sozial schwachen Regionen gebaut haben. Der Sport wird dort in Schulen angeboten, es werden auch Schulmeisterschaften ausgerichtet. "Wir bekommen immer wieder Videos von den Kids", erzählt der Headis-Erfinder. Mittlerweile kann René Wegner von seiner Firma, der Headis GmbH, leben. Einnahmen werden durch Sponsoring, Eventauftritte, Netz- und Ballverkäufe generiert.

 

René Wegner und Cornelius Döll heben den Community-Gedanken hervor. "Wenn man bei einem Turnier ausscheidet, dann bleibt man da und feuert die anderen an." Unzählige Videos zeugen von rasanten Ballwechseln mit waghalsigen Rettungsaktionen. Die Zuschauer feuern die Spieler auf beiden Seiten an. Wenn das Spiel oder auch nur ein spektakulärer Punkt entschieden ist, liegen sich die Spieler gegenseitig in den Armen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Moritz Rödel

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